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StartseiteKultur heute"Ein postrevolutionärer Kessel Buntes"05.11.2019

Reenactment der Friedlichen Revolution "Ein postrevolutionärer Kessel Buntes"

Am selben Ort, zur selben Uhrzeit wurde auf dem Alexanderplatz in Berlin an die legendäre Demonstration vom 4. November 1989 erinnert. Doch die musikalische Performance löste sich vom historischen Anlass. Auch bei einer Revue in der "Volksbühne" kann von Aufarbeitung keine Rede sein.

Von Eberhard Spreng

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An den Gebäuden des Berliner Alexanderplatzes sind Projektionen von historischen Bildern, dem Wappen der DDR und der Schriftzug "SED nein danke" zu sehen (AFP/John MACDOUGALL)
Hammer und Zirkel - Lichtinstallationen erleuchten den Alexanderplatz in Berlin (AFP/John MACDOUGALL)
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Auf dem Alexanderplatz spricht Berlins Regierender Bürgermeister ein Grußwort:

"Ihnen allen ein herzliches Willkommen! Wir sind hier heute an einem historischen Ort und an einem historischen Tag zusammen gekommen. Es hat vor dreißig Jahren etwas stattgefunden, dass ein Volk zusammen gekommen ist aufgrund einer friedlichen Revolution ohne ein Tropfen Blutvergießen."

Michael Müller begrüßt mit so etwas wie der offiziellen Lesart eines historischen Ereignisses einige Hundert wartende Menschen auf dem Alex. Die sehen dann, wie kurz darauf die Beamer aufflammen und einige Bilder aus dem Jahr 1989 auf die Fassaden der Kaufhäuser projizieren. Eine Bühne ist auch aufgebaut und ein Podest. Beide bevölkern anschließend die Tänzerinnen und Tänzer und Musikerinnen und Musiker des Theaterkollektivs "Panzerkreuzer Rotkäppchen", die sich vorgenommen haben, die Denkwelten aus dem Jahr der Wende in Erinnerung zu rufen.

Ostalgie zum Auftakt

Der melancholische Abschiedssong der DDR-Gruppe Karussell macht einen ostalgischen Anfang in einem Mix aus Musik, Versatzstücken und Reden, zu denen ein Grüppchen von Tänzern in roten Blousons und schwarzen Hosen mit versteinerten Gesichtern Körperverrenkungen vorführen. Einen ironischen Zugang will man zu der zum deutschen Mythos gewordenen Demonstration der Künstler und Literaten am 4. November finden, zu der auch ein berühmter Satz der Schriftstellerin Christa Wolf gehörte: "Stell Dir vor, es ist Sozialismus, und keiner geht weg."

Die sehr kunstwollende und wenig pfiffige Performance bezieht ihr Publikum nicht ein, löst sich vom historischen Anlass und wird immer mehr zum Appell mit zeitgenössischen Forderungen nach Toleranz in einer diversen Gesellschaft.

Warum aber haben die Menschen den demokratischen Sozialismus nicht bekommen, für den sie im Herbst 1989 eintraten? In der Volksbühne wollte die "Revue der verpassten Gelegenheit" diese Frage beantworten. Na ja, sie wollte unterhalten mit einem Entertainment, das vom historischen Scheitern selbstironisch und verspielt erzählt - wie die frauenbewegte Kapitalismuskritikerin Luise Meyer:

"Was sehr schön ist, dass hier hinter der Bühne die ganze Zeit eine sehr schöne, schnoddrige, freudig dilettantische Stimmung herrscht. Und deswegen kann ich Euch jetzt einfach zuquatschen."

Einzelne Perlen

Historische Aufarbeitung? Politische Wendekorrekturen? Eher nicht. Die Show in der Volksbühne versteht sich, wie Moderator Milan Peschel kalauert, als ein "postrevolutionärer Kessel Buntes" - in Anlehnung an den Titel einer berühmten DDR-TV-Unterhaltungsshow. Aber einige Perlen sind da dann doch zu finden: Jürgen Kuttner, bekannt fürs Kult-Format "Videoschnipselvortrag" und damals Demonstrant, reflektiert über deutsch-deutsche Erinnerungskulturen.

"Das eigentliche Datum wäre ja, glaube ich, der 6.10. Aber so ist es dann doch so ne schöne deutsche Revolution mit Bahnsteigkarte! Es ist alles richtig: Genehmigung vorher beantragt. Keine Gewalt. Und alle waren ganz lieb und haben ihre Reden vorgelesen. Von daher ist das eine Revolution, die mit dieser Gesellschaft kompatibel ist. Wo man sagt: Wenn wir uns für ein Datum entscheiden müssen, dann nehmen wir den 4. November. Das war doch schön!"

Der Traum von besseren Zeiten

Kuttner zeigt dann einen Videoschnipsel mit Heiner Müller: wie er ein Brecht-Gedicht vorliest und anschließend von dem Traum von besseren Zeiten spricht, die jede Generation, oder, nun ja, jede zweite oder dritte Generation versucht, Wirklichkeit werden zu lassen. Vom demokratischen Sozialismus, um den es den Menschen schon 1989 ging, träumt dann auch Überraschungsgast Gregor Gysi zum Schluss seiner kleinen, historisch bilanzierenden Rede am Ende der Veranstaltung.

"Der Kapitalismus hat nicht gesiegt, er ist nun übrig geblieben. Und der demokratische Sozialismus hatte noch nie eine Chance. Es gab drei Versuche: Alle drei sind militärisch beendet worden. Niemals hat ein demokratischer Sozialismus eine Chance bekommen. Und deshalb weiß ich, dass die Jugend, die heute demonstriert, ihn noch erleben wird. Ich wahrscheinlich nicht mehr. Aber ich freue mich für die Jugend, dass sie ihn erlebt. Und wie der demokratische Sozialismus aussieht, zumindest nach meinen Vorstellungen, das erzähle ich ihnen beim nächsten Mal. Tschüss!"

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