Samstag, 21. Mai 2022

Bücher über Kinder in griechischen Flüchtlingslagern
"Refugees Welcome" oder "Europas vergessene Kinder"

Seit Jahren sitzen in Griechenland Flüchtlinge fest, die kein Land – auch nicht Deutschland – aufnehmen möchte. Viele von ihnen sind Kinder. Zwei Bücher erzählen auf unterschiedliche Weise, wie man diesen Kindern eine Stimme geben und ihnen helfen kann – selbst, wenn man noch ganz klein ist.

Von Maria Riederer | 23.04.2022

Die beiden Buchcover von Jonas Leidig und Daniela Leidig: „Die Geschichte von Elenis Konfetti – Refugees Welcome“ und Alea Horst, Mehrdad Zaeri (Ill.): „Manchmal male ich ein Haus für uns – Europas vergessene Kinder“
Bücher über Kinder in griechischen Flüchtlingslagern (Cover von Klett Kinderbuch und Minedition)
„Auf einem Hügel irgendwo in Griechenland wohnt Eleni mit ihrer Familie. Wenn der Wind vom Meer kommt, riecht es auf der Terrasse nach Salz. Und wenn der Wind zum Meer hin weht, dann duftet das ganze Dorf nach der Marmelade von Elenis Oma.“
 „Die Geschichte von Elenis Konfetti“ ist ein Bilderbuch von Jonas und Daniela Leidig. Jonas ist Daniela Leidigs Sohn, ein Junge im Kindergartenalter. Im Nachwort beschreibt seine Mutter, wie Jonas zum ersten Mal von Flüchtlingslagern hört und spontan zum Helfen anregt – bewegt von der Not der Menschen und dem kindlich ungebremsten Willen, ihnen beizustehen. So tut es auch Eleni in dem Bilderbuch mit dem Untertitel: „Refugees Welcome“:
 „Seit ein paar Wochen sind unten am Fuße des Hügels Zelte aufgebaut mit ganz vielen Menschen und hohen Zäunen drum herum.
,Warum zelten die Leute, Oma? Es hat doch so viel geregnet‘, fragt Eleni.
,Sie sind geflohen. Sie haben kein Zuhause mehr.‘
,Dann müssen sie zu uns kommen‘, sagt Eleni, ,Und du musst ihnen heißen Kakao kochen, ja?‘“

Auseinanderfallende Strichfiguren

Im folgenden Dialog zwischen Eleni und ihrer Großmutter wird klar, woher die Geflüchteten in den Zeltlagern kommen, warum sie im Lager sind. An dieser Stelle übergibt Daniela Leidig ihrem Sohn die Rolle des Illustrators. Er zeichnet den Weg der Flüchtlinge mit schwarzweißen Strichfiguren, die während der Flucht über das Meer auseinanderfallen und nach ihrer Ankunft langsam wieder zusammenwachsen. Die Bilder von Daniela Leidig sind dagegen von einem mediterranen Leuchten geprägt.
„,Omi, lass uns einen Korb mit deiner Marmelade runter zu den Zelten bringen.‘
,Das ist lieb, Eleni, aber das geht nicht.‘
,Warum nicht?‘
,Sie brauchen ein Zuhause, keine Marmelade.‘
,Ich will ihnen aber eine Freude machen!‘
Eleni stampft mit dem Fuß auf den Boden.“
Elenis Eifer siegt. Kind und Grußmutter marschieren mit Marmelade, Blumen und Freundlichkeit an den Zaun des Lagers. Aus der Nähe betrachtet ist das Zeltlager deutlich schrecklicher als aus der sicheren Entfernung.
„Dann sehen sie den Zaun. Von oben sah er gar nicht so hoch aus. Plötzlich fängt es stark an zu regnen und Eleni hat einen Kloß im Hals. Sie sieht viele Kinder, die sie anlächeln, Müll, leere Flaschen, schreiende Babys, Zelte aus Plastikplanen, Pfützen, nackte Füße. Sie weiß nicht, was sie sagen soll und guckt auf den Boden. Dort sieht sie ihre roten, sauberen Schuhe.“

Mit kleinen Geschenken ist es nicht getan


Das Kind, das alles zum Leben hat – und mehr als das –, begegnet der bitteren Not seiner Mitmenschen: Mit kleinen Geschenken ist es nicht getan. Eleni stellt Flugblätter her. Bunte, große Konfetti mit dem Aufruf…
„Helft alle mit! Geflüchtete willkommen! Eleni und Oma“
… und sie verteilt die Zettel überall im Dorf. Als Multiplikatorin erreicht sie viel:
„Lisa, Kindergärtnerin, 40 Jahre, wird in die Geflüchtetenlager gehen, um mit den Kindern zu tanzen.
Theo, Gemüsehändler, 75 Jahre, erzählt auf dem Markt jedem von den Menschen, die Hilfe brauchen.
Tim, Schüler, 8 Jahre, beschließt, Politiker zu werden, der sich für die Rechte von Geflüchteten einsetzt.
Maria, 4 Jahre, wird Elenis beste Freundin.“

Alea Horst: „Manchmal male ich ein Haus für uns“

Deutlich mehr als einen Blick durch den Zaun der griechischen Flüchtlingslager bietet Alea Horst mit ihrem Buch „Manchmal male ich ein Haus für uns.“ Die Fotografin und freiwillige Nothelferin lässt darin geflüchtete Kinder ihre Geschichten erzählen. Sie selbst hat die Fotos gemacht:
„Die größte Herausforderung von dem Buch war, es überhaupt umsetzen zu können. Weil - es wird ganz viel dafür getan, dass man eben nicht in Kontakt mit den Menschen kommt, dass man keine Geschichten aufschreibt und schon gar keine Fotos macht.“
Ein Junge in zu großen Schuhen geht an einem Stacheldrahtzaun entlang, dahinter stehen Zelte mit der Aufschrift UNHCR
Die Situation der Kinder in griechischen Flüchtlingslagern (© Alea Horst )
Durch ihr gutes Netzwerk als Helferin hat Alea Horst es geschafft, Vertrauen zu gewinnen. Entstanden ist ein fantastisches und auch beklemmendes Buch.
„Ich lebe jetzt seit eineinhalb Jahren hier auf Lesbos. Der Weg hierher war grausam. Ich muss weinen, wenn ich daran denke.“

„Uns will niemand haben“

Auf 80 Buchseiten erzählen Kinder aus den Flüchtlingslagern Moria und Kara Tepe auf Lesbos ihre Geschichten. Sie sprechen von ihrer Flucht, vom Leben im Lager, von ihren Ängsten und Träumen.
Fotografien, die die Fotografin Alea Horst in griechischen Flüchtlingslagern gemacht
Die Situation der Kinder in griechischen Flüchtlingslagern ((c) Alea Horst)
„Wenn ich mich daran erinnere, was ich alles erlebt habe – das Feuer, die Bootsfahrt, das Leben in der Türkei, das, was in Syrien passiert ist, dann das Leben hier im alten Lager Moria und jetzt im Zeltlager… Meine Schwester kann keine Nacht mehr schlafen. Sie sieht jede Nacht das Feuer in Moria. Uns will niemand haben. Ich glaube auch, dass Deutschland voll ist. Wo können wir hin? Wo sollen wir hin?“
Der Verlag empfiehlt das Buch ab acht Jahren. Die Fotos mögen diese Altersangabe stützen, denn nichts, was darauf zu sehen ist, ist für Kinder ungeeignet. Die Geschichten allerdings sind oft schwer zu ertragen. Das – sagt Alea Horst – sei nicht zu vermeiden:
„Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar – auch wenn das schmerzhaft ist, auch wenn das unangenehm ist. Diese Kinder, die ihre Geschichten im Buch erzählen, die erleben das ja tagtäglich. Und auch wenn das traurig macht und auch wenn das weh tut, wenn man das liest – das passiert. Und wir müssen uns damit auseinandersetzen, weil das ist unsere Realität.“
„Mein eines Geschwisterchen ist sieben Monate alt, und unsere Isobox ist so kalt und nass. Die Hände und Füße vom Baby sind so oft so eiskalt. Das Baby und meine Mama weinen dann und hören nicht auf. Damit komme ich nicht richtig klar. Ich kann dann nichts machen, ich kann sie nicht trösten und fange dann auch an zu weinen. Mein Papa sagt dann immer: Sei nicht traurig. Eines Tages werden wir woanders sein. Unser Leben ist noch nicht vorbei, wir müssen nur etwas warten. Sei geduldig.“

Keine Dramatisierung und keine Beschönigungen

Ein Mädchen verlässt vor lauter Angst nie das Zelt. Ein anderes erzählt vom Tod ihres Großvaters bei der Flucht. Viele Kinder haben Alpträume und fühlen sich unsicher im Lager. Sie frieren, sorgen sich um ihre Eltern und Geschwister und werden von schrecklichen Erinnerungen geplagt. Auf den Bildern: Kinder in ihrer kleinen Lebenswirklichkeit. Manche lächeln, manche spielen, einige lachen, viele sind ernst, manche sehr ernst. Alea Horst fügt nichts hinzu. Keine Dramatisierung, auch keine Beschönigungen.
Fotografien, die die Fotografin Alea Horst in griechischen Flüchtlingslagern gemacht
Die Situation der Kinder in griechischen Flüchtlingslagern ((c) Alea Horst)
„Ich versuche, keine Symbolbilder zu erstellen und keine Klischeebilder. Mein größtes Ziel ist es, die Menschen in Würde darzustellen. Was viele Betrachter meiner Bilder auch häufig irritiert, ist, dass die Menschen in die Kamera gucken, manchmal lachen sie auch, sind auch zum Teil fröhliche Bilder, und das verstört. Aber es zeigt die Realität, die ich sehe. Ich sitze in Zelten mit den Menschen und ich sehe dort auch Resilienz und Freude.“
„Mein Zimmer ist einfach meine Matratze. Die Matratze meiner Schwester ist total voll. Sie hat ganz viele Bücher auf der Matratze liegen. Deshalb sagen wir oft, sie schläft in der Bibliothek. Ich schlafe obendrüber. Wie ein Affe hüpfe ich nach oben. Ich bin froh, dass ich oben schlafe, dann kann mein kleiner Bruder nicht an meine Sachen.“
„Ein perfekter Tag wäre, wenn ich eine eigene Hilfsorganisation hätte. Dann würde ich ganz vielen Menschen helfen. Was immer die Menschen brauchen, ich würde versuchen, es ihnen zu geben.“

Träume, Phantasie und innere Kraft

Solche Zitate zeigen, dass die Kinder sich – trotz allem – ihre Träume, ihre Fantasie und innere Kraft nicht nehmen lassen. Das macht Hoffnung. Und vielleicht können die Kinder, die das Buch in die Hand bekommen, wie Eleni mit den bunten Konfetti, zu Fürsprecherinnen und Fürsprechern für geflüchtete Kinder werden.
Alea Horst, Mehrdad Zaeri (Ill.): „Manchmal male ich ein Haus für uns – Europas vergessene Kinder“
(Verlag Klett Kinderbuch, Leipzig.) 80 Seiten, 16 Euro, ab 8 Jahren.

Jonas und Daniela Leidig: „Die Geschichte von Elenis Konfetti – Refugees Welcome“
(Minedition, Zürich. 40 Seiten.) 18 Euro , ab 4 Jahren.