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StartseiteKultur heuteRegie-Genie?23.03.2007

Regie-Genie?

Alvis Hermanis inszeniert sein neues Stück "Väter" in Zürich

Der lettische Autor und Regisseur Alvis Hermanis sagt: "Ich bin mir sicher, die Beziehung zwischen einem Sohn und seinem Vater ist eines der geheimnisvollsten Dinge dieser Welt." Hermanis inszeniert in seinem neuen Stück drei Schauspieler aus drei Ländern, aus Lettland, Russland und Deutschland, die sich erzählerisch und schauspielerisch ihren Vätern annähern. Ein Spiel um Nachahmung, Identität und Geschichte.

Von Christian Gampert

Zürich in der Schweiz (AP)
Zürich in der Schweiz (AP)
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" Mein Name ist Oliver Stokowski. Was Sie im Hintergrund sehen, ist eine 1:1-Abbildung meiner Garderobe im Schiffbau..."

Es ist ein Stück über das Theaterspielen - und eine Suche nach den Vätern. Drei Schauspieler, ein Deutscher, ein Lette, ein Russe, erinnern sich an diese - trotz gelegentlicher Abwesenheit - prägenden Vater-Figuren, die möglicherweise sogar, modellhaft, die Bühnenkunst der Söhne beeinflusst haben.

Deshalb beginnt dieses Episodenstück in der Garderobe; aber es galoppiert dann ziemlich wild durch die jüngere Zeitgeschichte. Alle drei Söhne dürften Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre geboren worden sein. Der Vater des Deutschen Oliver Stokowski war ein Polizist der oberen Ränge, der auch in Gorleben und Wackersdorf eingesetzt wurde. Zu Hause war er ein liebenswürdiger Kleinbürger mit Spleens und Macken. Der Vater des Letten Gundars Abolins war gleichfalls Schauspieler - dem Alkohol sehr zugetan und mit der Arbeit des schauspielernden Sohnes natürlich chronisch unzufrieden. Der Vater des ebenfalls aus Riga stammenden Russen Juris Baratinskis wurde wegen einer Kleinigkeit nach Sibirien verschleppt und saß 14 Jahre im Lager.

" Als er aus Sibirien zurückkam, fehlten ihm drei Zehen. Wenn ich ihn fragte, Papa, wo sind deine Zehen geblieben, sagte er: die haben die Mäuse aufgefressen. Warum? Weil es am Polarkreis nichts zu essen gibt."

Bis zu seinem Tod hat dieser Vater nicht über das Lager gesprochen. Er sagte nur: die ersten 10 Jahre sind schwierig. Dann gewöhnst du dich daran.

Es ist immer wieder das Schweigen, das zwischen Vater und Sohn steht, Dinge, über die man nicht sprechen kann, über Sex zum Beispiel. Es gibt aber auch diese geheime Komplizenschaft, den Stolz, die Kumpanei. Stokowskis Vater benutzte Bier als Haarfestiger und dirigierte abends, in Anfällen romantischer Hingebung, vor dem Plattenspieler Smetanas "Moldau". Sein eigener Großvater war der Dirigent Leopold Stokowski gewesen. Der Vater von Juris Baratinskis tauchte den Sohn zwecks Abhärtung winters in Eislöcher - und er zeigte ihm, wie man boxt und dass man keine Angst haben muss. Der Vater von Gundars Abolins verpasste im Suff eine Vorstellung, die er dringend hätte spielen müssen - aber alle Schauspielerkollegen behaupteten, er sei doch da gewesen und habe so toll gespielt wie noch nie...

Es sind solche Szenen, die diese Erzählungen immer wieder ins Irreale kippen lassen - und dem Publikum zeigen, wie trügerisch die Erinnerung ist, dass man sich manches ausmalt und zurechtphantasiert. Mit zunehmender Spieldauer weiß man immer weniger, was wahr ist und was vielleicht doch nur erfunden.

Aber das ist eben die Kunst von Hermanis: einen Bühnenraum zu schaffen, der auch für das Publikum Intimität und Nähe zulässt. Und in diesem dann zu experimentieren. Hermanis Ausgangspunkt sind immer Banalitäten, Kleinigkeiten, die für eine Person plötzlich Bedeutung bekommen: der Geruch des Vaters zum Beispiel. Roch er wirklich nach fremden Frauen, wie die Mutter immer sagte? Oder roch er nur nach Schokolade?

Der Vater von Gundars Abolins roch nach Zigaretten. Tabak, Herztropfen, Kaffee. Und nach Alkohol. Und er trug schräge, viel zu kleine Kleidungsstücke:

" Wenn es regnete oder schneite, trug er einen Anorak und eine Mütze aus Kaninchenfell. Er war nicht besonders elegant, sondern leger...Manchmal konnte man auf seinem Hemd seine Speisekarte sehen ... "

Es menschelt sehr in diesem kleinen Stück, die Erzählungen sind anrührend und komisch, und auch die nicht so guten Pointen werden von Sechziger-Jahre-Schlagern abgefangen. Es gibt keine Vorbild-Dramaturgie für diese Art von Theater, das ganz normale Lebensläufe untersucht: dokumentarisch ist es nicht wirklich, fiktional auch nicht. Allerlei fotorealistische Stellwände sollen Authentizität vorgaukeln; aber hier werden natürlich Vaterfiguren aus der Rumpelkammer der Erinnerung geholt, die man vorsichtig theatralisch bearbeitet hat. Die Darsteller sind im Verlauf der Vorstellung immer mehr auf Alt geschminkt, und am Ende könnten sie, als Greise, sagen: ich bin mein Vater. Oder doch nicht? Sie spielen ihn nur. Eine schöne, witzige, liebevolle Art, sich der eigenen Herkunft zu vergewissern.

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