Freitag, 12. August 2022

Archiv

Reihe: In den Reparaturbetrieben der Gesellschaft
Gewaltprävention wird immer wichtiger

Mobbing ist zwar kein neues Thema, aber Kinder kommen immer früher mit Gewaltvideos in Kontakt. Das wirkt sich auch auf die Intensivität von Mobbing aus. Inzwischen gibt es vielfältige Anti-Mobbing-Kurse, auch Düsseldorfer Grundschulen nehmen dieses Angebot war.

Von Mirko Smiljanic | 13.01.2017

    Zwei Schüler prügeln sich am auf dem Schulhof eines Gymnasiums
    Zwei Schüler prügeln sich am auf dem Schulhof eines Gymnasiums (picture alliance / dpa / Oliver Berg)
    Für Sicherheit auf der Straße sorgt die Polizei. Für die Erziehung der Kinder sorgen die Eltern, und für eine angenehme Lernatmosphäre die Schule. So wäre es ideal. Tatsächlich aber fühlen sich viele Menschen von Kriminalität bedroht, scheitern Eltern an der Erziehung und Lehrer daran, in ihren Klassen Gewaltausbrüche und Mobbing zu verhindern. Und auch wenn es in der Realität dann doch meist viel harmloser zugeht – subjektiv haben viele Menschen den Eindruck, dass es überall Mängel gibt – bei den staatlichen Institutionen und im Privaten. Aus den Mängeln ist an vielen Orten eine Geschäftsidee entstanden. "Das Firmenporträt" blickt in einer Serie auf die Reparaturbetriebe der Gesellschaft.

    Konkordia-Grundschule Düsseldorf-Unterbilk, zehn Uhr vormittags. 20 Viertklässler sitzen im Kreis und schauen gebannt nach vorne.
    "Justin, das ist deine Federmappe," so startet Mara Budzisch schnurstracks in einen Konflikt. Budzisch, Mitarbeiterin bei "Impulz Theaterprojekte" Düsseldorf, leitet an diesem kalten Wintertag ein Gewaltpräventions-Training.
    "Jetzt passiert Folgendes: Wir stellen uns mal vor es ist Fünf-Minuten-Pause, du sitzt da mit deiner Federmappe und ich mach das hier".
    Angriffslustig geht die Anfang 20-jährige auf den verdutzten Justin zu und reißt ihm die Federmappe aus der Hand. Es kommt zum Gerangel:
    "Jetzt passiert folgendes, ja. Komm doch, ja komm doch!"
    Kinder kommen häufiger mit Gewaltdarstellungen in Kontakt
    Mara Budzisch stellt sich in die Mitte der Klasse, hält die Federmappe hoch und wie einen Ball werfen Mara Budzisch und vier Schülerinnen und Schüler Justins Federmappe hin- und her. Und was macht der Neunjährige? Er rennt hinterher, versucht, an seine Federmappe zu kommen, leider vergeblich. Budzisch stoppt das Spiel:
    "Sehr gut und Stopp! Applaus einmal für die vier."
    Mobbing in der vierten Klasse einer Grundschule, sichtbar gemacht an einer alltäglichen Situation. Genau genommen ist das nichts Neues, Hänseln, Ärgern und natürlich auch Gewalt gab und gibt es zu jeder Zeit und in jedem Alter. Anders als früher aber kommen Kinder viel öfter mit Gewaltdarstellungen in Kontakt. Und das prägt, glaubt Ronnie Wellnitz, Geschäftsführer von "Impulz Theaterprojekte":
    "Selbst Kinder in sehr frühem Alter kommen schon sehr schnell an Gewaltvideos ran heutzutage, die sie dann unreflektiert aufnehmen, es wird ein ganz anderes Gewaltverhalten vorgelebt, es ist schon etwas präsenter als früher."
    2003 startete der Theaterpädagoge im Düsseldorfer Familienzentrum der AWO mit einem Theaterkurs für Kinder. Mobbing und Gewalt spielten für ihn damals noch keine Rolle, diese Themen rückten in den Fokus, als Ronnie Wellnitz realisierte, wie groß der Bedarf an Gewaltprävention tatsächlich war. Rasch wurde ihm zudem klar, dass die Begegnung mit Mobbing und Gewalt Fragen aufwarf, auf die er noch keine Antworten hatte. Instrumente, um dagegen zu halten, fehlten. Verstört reagierten auch Eltern, die feststellten, dass ihre Kinder nicht nur Opfer, sondern auch Täter waren. Wobei Wellnitz den Begriff "Gewalt" unter Kindern zuweilen tiefer hängt:
    "Ich würde oftmals auch sagen, dass sind Kinder, die sehr lebhaft sind oder mit ihren Energien nicht immer ganz glücklich haushalten, und die kommen auch zu uns, wie kann man denen Handlungsalternativen an die Hand geben, wie sie ihre Energie etwas sinnvoller nutzen können oder ihre Konflikte körperlos regeln können."
    Zusammenarbeit mit Eltern ist wichtig
    Fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt Ronnie Wellnitz, der "Impulz Theaterprojekte" gemeinsam mit seiner Frau Nadine leitet. Schulen, Kitas und Jugendämtern sind die wichtigsten Auftraggeber. Vor allem Lehrer sind dankbar, dass externe Profis die Gewaltpräventionstrainings durchführen, kaum jemand hätte Zeit, sich neben dem Unterricht auch noch um diese Themen zu kümmern. Über die Kosten der Kurse verrät Wellnitz nichts, mittlerweile sei der Umsatz aber stabil hoch:
    "Wir können davon leben, ja!"
    Wobei sich die Düsseldorfer Theaterpädagogen keineswegs ausschließlich auf Kinder konzentrieren, ohne die Zusammenarbeit mit Eltern und Lehrern geht gar nichts, meint Wellnitz, denn:
    "Man muss die Eltern natürlich da auch ein Stückchen weit heranführen, denen eine Hilfestellung an die Hand geben, mit den Lehrern muss man natürlich ein bisschen arbeiten und mit dem Kind muss man einfach Kommunikationsspielregeln eintrainieren."
    Benimmregeln helfen
    Manchmal sind es nur ein paar Benimmregeln, die die Theaterpädagogen in Erinnerung rufen müssen, damit es in Klassenzimmern nicht zugeht wie im Boxring. Wellnitz zählt auf, "dass ich mich zum Beispiel, wenn ich mich in der Klasse melde, dass erst der Finger hochgeht, dann der Mund aufgeht, wenn ich drangenommen werde, das ist für den einen einfach, für den anderen schwerer. Gerade im Grundschulbereich, wo wir jetzt hauptsächlich tätig sind, brauchen wir alle natürlich ein bisschen Geduld, es gibt keine Wunderpille, um Kinder angepasster zu machen, das wollen wir ja auch gar nicht."
    Und was könnte Justin machen, wenn seine Federmappe von Hand zu Hand wandert. Trainerin Budzisch schlägt vor:
    "Er könnte auch einfach sagen, könntest Du mir die Federmappe bitte wiedergeben? Das finde ich eine super Idee! Wir probieren das noch mal. Justin, Deine Federmappe, ich brauch meine drei Jungs nochmal. Und jetzt machen wir Folgendes, Justin, ich nehme Dir die Federmappe weg und sagt mir ganz klar, Mara, gib mir meine Federmappe wieder."
    Budzisch nimmt ihm die Federmappe noch einmal aus der Hand: "Und dann, Justin, machst Du nichts mehr, Du sitzt da und guckst mich an."
    Und siehe da, Justin rennt nicht hinter seiner Federmappe her, der Spaß ist weg, er bekommt seine Federmappe zurück. Und dafür gibt’s Lob von Trainerin und den Mitschülern: "Sehr gut, Applaus einmal!"