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Reihe IsolationsfutterGeheime Ängste und Lüste im Hinterhof

Ach, was für eine Idylle! Dieses Draußen, da, vor Jeffs Fenster. Mikrokosmos sommerlicher Hinterhof: "wie Kino". Bereit, rauszuschauen in die Abgründe, durch das "Fenster zum Hof"? Die Wiederentdeckung eines Hitchcock-Klassikers.

Von Hartwig Tegeler | 20.04.2020

James Stewart, Grace Kelly und Alfred Hitchcock bei den Dreharbeiten zu "Das Fenster zum Hof" ("Rear Window").
Hitchcocks Meisterwerk eines Kammerspiels: "Das Fenster zum Hof" von 1954. (imago images / United Archives)
Fotograf Jeff – James Stewart – schaut aus dem Fenster im zweiten Stock. Er kann da nicht raus. Gebrochenes Bein. Gips. Rollstuhl. Also schweift sein Blick auf‘s Vorderhaus: zur traurigen Ehefrau, auf die üppige Blondine bei ihrer Morgengymnastik.
Und mit der Kamerafahrt am Anfang von "Das Fenster zum Hof" nimmt der Voyeur (Bildermacher/Regisseur) Alfred Hitchcock, uns (die Spanner) zusammen mit seiner Hauptfigur (dem Spanner) James Stewart an den Haken und führt uns in Jeffs Abgründe, während er tut, als erzähle er uns nur einen Krimi. Weil … der Nachbar … drüben … er könnte ja ...
Da sitzt also der Fotograf mit Fernglas oder Tele-Objektiv, voller gestauter Lebensenergie, und scannt seine Nachbarschaft.
"Seit sechs Wochen hocke ich hier in einer Zwei-Zimmerwohnung und habe nichts weiter zu tun, als durchs Fenster zu schauen …"
Dinge, die Sie nicht sehen sollten
Jeff döst vor sich hin in seinem Rollstuhl und mit ihm döst auch die kontrollierende Vernunft. Seine Physiotherapeutin bringt es präzise auf den Punkt: "Oh je, oh je, wir sind doch ein Volk von Spannern geworden. Erst brechen Sie sich das Bein und dann, dann fangen Sie an, aus dem Fenster zu schauen, um Dinge zu sehen, die Sie nicht sehen sollten."
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Jeffs persönliche Situation – unabhängig vom gebrochenen Beine: Er will partout nicht heiraten; seine Geliebte aber schon. Das dösende Starren auf die anderen im Hinterhof wird zum Abtauchen in geheime Lüste, Ängste und Leidenschaften. Die natürlich umso mehr in ihm emporsteigen, weil er ja durch das gebrochene Bein festgesetzt, gefangen ist. Und nun meint er das Böse, das Verbotene zu sehen:
"Er ist heute Nacht bei dem strömenden Regen ein paar Mal mit seinem Musterkoffern herausgegangen."
Himalaja und Standesamt
"Das Fenster zum Hof" ist ein Kammerspiel wie in einem Dampfkoch-Topf. Und das Versprechen der Lust durch seine Geliebte Lisa bietet kein Ventil – um im Bild zu bleiben - für Jeffs Überdruck. Sicher, es gibt diese zwei Kuss-Szenen zwischen James Stewart und der von Alfred Hitchcock als erotisches Feuerwerk inszenierten Grace Kelly:
"Und dein Liebesleben? - Nicht allzu aktiv!"
Aber parallel zur Lockung gibt´s die Drohung. Denn Lisa, begüterte New Yorker Karrierefrau, will Jeff unbedingt heiraten. Wie ein Dämon am Horizont steht für den Weltreisenden und Abenteurer mit der Kamera das Gefängnis der Ehe. Am Ende – der Mord des Nachbarn an seiner Ehefrau hat tatsächlich stattgefunden -, am Ende also schläft Jeff wieder im Rollstuhl ein. Nun hat er zwei Gipsbeine; beim Showdown mit dem Mörder war er aus dem Fenster gefallen. Und Lisa sitzt auf dem Bett, liest ein Buch über den Himalaja – das Versprechen von Abenteuer, Ferne jenseits vom mondän-spießigen Manhattan. Doch als Lisa merkt, dass Jeff schläft, zieht sie eine Modezeitschrift hervor. Und wenn der Gips ab ist, und Jeff wieder rauskommt aus dem Gefängnis seiner Wohnung, wird’s wohl nicht nach Katmandu, sondern vor´s Standesamt gehen. Und das … das ist für Jeff das schlimmste Festgesetzt-Werden.
Alfred Hitchcock: "Das Fenster zum Hof", USA 1954, 112 Minuten.