Dienstag, 05. Juli 2022

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Reihe: Landlust, Landfrust - was die Bauern bewegt
Milchbauern in Not

Milchbauern auf dem Land macht im Moment ein besonderer Problem-Mix zu schaffen: ein niedriger Milchpreis, Strafzahlungen aus dem letzten Jahr der Milchquote, ein verschlossener Markt in Russland und schwierige Exportbedingungen in den Schwellenländern. Ein Beispiel aus dem Münsterland.

Von Angelika Gördes-Giesen | 06.11.2015

Eine Kuh schaut in einem Stall hinter vier mit Milch gefüllten Flaschen hervor.
Besonders jene Landwirte stehen unter Druck, die jetzt Strafen zahlen müssen, weil sie 2014 zu viel Milch produziert haben. (Karl-Josef Hildenbrand, dpa picture-alliance)
Wenn die Kühe dieses Geräusch hören, stecken die Schwarz-Bunten Rinder neugierig ihre Köpfe durch das Gitter und warten auf ihr Lieblingsfutter: Frische Maissilage. Mindestens zweimal am Tag schiebt Franz Josef Krechtmann große Futterberge in den Stall. Mit 120 Milchkühen könnte der Landwirt aus Lüdinghausen eigentlich ganz gut über die Runden kommen. Doch zufrieden ist Franz Josef Krechtmann nicht, denn die Michpreise sind seit Monaten auf Talfahrt: "Zurzeit verliert der Bauer auf einem Betrieb mit 100 Kühen im Monat 7.000 bis 8.000 Euro, die einfach ihm fehlen."
Der Hof abseits der Stadt ist ein der klassischen, traditionellen Familienbetrieb im Münsterland. Rote Backsteingebäude, ein alter Speicher, ein großes, gemütliches Herdfeuer in der Diele und natürlich ein Garten. Neu sind zwei große, offene Ställe mit viel frischer Luft. Jedes Tier kann sich frei bewegen und hat einen eigenen Liegeplatz.
Wenn eine Kuh hungrig ist, egal wann, steckt sie einfach zum Fressen den Kopf durchs Gitter. Krechtmann aber sieht´s mit Sorge: "Heute Morgen versenke ich wieder 500 Euro, die tue ich jeden Morgen dabei. Für meinen Betrieb sind das dieses Jahr 80.000 Euro , die mir an positiven Einnahmen fehlen."
Bauernverband versucht zu helfen
Zurzeit bekommt Franz Josef Krechtmann circa 25 bis 26 Cent je Kilogramm Milch, je nach Qualität. Wenn der Mittfünfziger dann zusammen mit seinem Sohn am Schreibtisch sitzt, ist die Stimmung gedrückt. Sie machen sich ernsthafte Sorgen, wie es weiter gehen kann. Damit das Minus in der Kasse nicht größer wird, brauchen sie rund 40 Cent Milchgeld. Thomas Forstreuther, vom Westfälischen Bauernverband versucht,in vielen Beratungsgesprächen zu helfen , aber auch er sieht die Gefahr, dass viele Betriebe bei weiter fallenden Preisen aufgeben müssen: "Bei Milchpreisen unter 30 Cent kann man nicht mehr rentabel arbeiten. Wir haben vier große Lebensmittelhändler, die dominieren den Markt, und ich habe so einen Eindruck, dass die so eine bisschen die Molkereiseite erpressen und verlangen Tiefstpreise."
Besonders die Landwirte stehen unter Druck, die jetzt Strafen zahlen müssen, weil sie 2014 zu viel Milch produzierte haben. Wer im vergangenen Jahr, als es die EU-Milchquote gab, zu viel Milch produziert hat, muss jetzt eine sogenannte Superabgabe bezahlen. Bundesweit sind rund 300 Millionen Strafzahlungen fällig, so die Einschätzung von Thomas Forstreuther: "Die Spielregeln waren bekannt, jetzt ist es natürlich bitter, wenn die Betriebe die Superabgabe abdrücken müssen."
Seit April gibt es keine Milchquote mehr. Das sehen viele Landwirte, die sich wie Franz Josef Krechtmann aus Protest gegen sinkende Preise im BDM, dem Bund Deutscher Milchviehalter, organisiert haben, aber mit gemischten Gefühlen. Der BDM will wieder eine Mengenregulierung einführen. Franz Josef Krechtmann zweifelt, ob Mengen-Regulierung der richtige Weg ist: "Wir müssen aber lernen für den Markt zu produzieren, vielleicht auch eine angepasste Menge zu produzieren. Dies jetzt in Regelungen, um zu münzen, wer will das regeln, wer will das steuern und wer will das regulieren?"
Russland-Embargo sorgt für Preisverfall
Die Milch der Kühe aus Lüdinghausen landet vielleicht im Joghurt, der in Italien verkauft wird, die Milch im Supermarkt nebenan kommt vielleicht aus den Niederlanden. Milch ist ein globales Rohstoffgeschäft geworden. Deshalb fordern Unternehmer wie Franz Josef Krechtmann von der Bundesregierung, die Exportförderung anzukurbeln, denn die Krisen auf dem Weltmarkt zum Beispiel in China und das Russland-Embargo, dass keine Lebensmittel mehr aus der EU importiert werden dürfen, sind die Hauptursachen für den Milchpreisverfall. Auch die Konzentration im Lebensmittelhandel ärgert den selbstbewussten Bauern: "Ich kann nur an den Handel appellieren bei den nächsten Verhandlungen eine anderen Stil auf zulegen, mit sozialer Marktwirtschaft hat das nichts mehr zu tun."
Die Reaktion des besonnenen Westfalen auf die sinkenden Milchpreise: Er stellte sein Futterplan um. Einfach die Kühe auf die Weide zu schicken und nicht mehr täglich zu melken, geht nicht: "Eine Kuh, die voll im Dampf steht, die 40 Liter ergibt, die müssen sie pflegen. Die erste Kalkulation war, teures Kraftfutter weggelassen. Ich habe erst mal viel Milch verloren, jetzt geht es langsam wieder bergauf."
Nur einen Teilerfolg erreicht
Zudem engagiert sich Franz Josef Krechtmann jetzt bei beim Deutschen Milchkontor. Das DMK ist eine der größten Molkereien in Deutschland, die durch die Fusion der Nordmilch und der Humana in Westfalen entstanden ist. Der Milchbauer verkauft nicht nur seine Milch an das DMK, sondern er ist einer der Landwirte, die nicht nur schimpfen und demonstrieren, sondern auch aktiv im Vorstand der Genossenschaft mitarbeiten: "Ich habe die Faust manchmal in der Tasche. Ich wäre manchmal gerne dabei, bei den Preisverhandlungen und würde dem Lebensmittelhandel gerne mal darlegen, wie den Bauern zumute ist. Das ist manchmal menschenunwürdig, wie da gesprochen wird."
Erreicht haben die Landwirte aber einen Teilerfolg. Der Handel erhöhte die Milchpreise im Supermarkt, aber davon kommen laut Experten nur maximal 25 Cent auf den Höfen an. Die EU startet zudem ein Hilfsprogramm in Höhe von 500 Millionen Euro, davon 70 Millionen für Deutschland. Wie die Hilfen neben zinsgünstigen Krediten aussehen sollen, ist bisher nicht entschieden. Eine Verteilung nach dem Gießkannenprinzip lehnt Franz Josef Krechtmann ab: "Das ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Wenn man das umlegt, sind das 300 bis 400 Euro für einen Betrieb. Das hilft keinen. Wir wollen ja keine Almosen, nur einen vernünftigen Preis für unser Produkt."