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StartseiteBüchermarktDas Europa einer anderen Zeit29.07.2016

ReiseberichtDas Europa einer anderen Zeit

Vor 90 Jahren war es ein Abenteuer mit dem Auto durch Europa zu fahren. Der angehende britische Kunstkritiker und Reiseschriftsteller Robert Byron macht sich als 20-Jähriger mit zwei Freunden auf den Weg von Oxford bis zur Akropolis in Athen. Das Europa, was er in seinem Buch "Europa 1925" beschreibt, erscheint in vielem fremd.

Von Michael Schmitt

Eine Landkarte der EU-Mitgliedsländer auf einer Wand aus Bausteinen, umrahmt von der EU-Flagge. (picture alliance / dpa / epa belga EC)
Robert Byron reiste 1925 durch Europa und lernte das Festland schätzen. (picture alliance / dpa / epa belga EC)

Heute ist das rein technisch kaum ein Problem: Mit dem Auto einen Kontinent mit 2000-jähriger Tradition durchqueren, von dem zu hoffen ist, dass dort nach und nach ein "europäisches Bewusstsein" heranreifen wird. Aber vor 90 Jahren war das ein Abenteuer – und das europäische Bewusstsein war noch sehr viel geringer entwickelt als in unseren Tagen. Gerade mal 20 Jahre ist der angehende britische Kunstkritiker und Reiseschriftsteller Robert Byron alt, als er sich mit zwei gleichgesinnten Freunden auf den Weg von Oxford bis zur Akropolis in Athen macht. Und am Ziel wird er sich tatsächlich ein wenig mehr als "Europäer" fühlen. Aber was heißt das ein paar Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und in der politisch und sozial instabilen Zwischenkriegszeit?

"Europe in the Looking Glass" ist der Titel des Berichts, den Robert Byron 1926, veröffentlicht; "Europa 1925" heißt nun die deutsche Ausgabe, übersetzt von Peter Torberg, erschienen in der Anderen Bibliothek. Beide Titel, soviel vorab, versprechen mehr als das Buch halten kann, denn das Interesse an Kunst und Geschichte oder an Land und Leuten wird häufig von einer eher unangenehmen und wenig amüsanten Überheblichkeit überlagert, die sich sowohl dem Wunsch nach Provokation, aber auch der Herkunft aus guten Familien verdanken mag. Dem Gefühl, dass einem nichts passieren kann, weil immer Geld und Verbindungen da sein werden, um die besten Hotels aufzusuchen und die höchsten Ansprüche an Kunst und Komfort stellen zu dürfen. Die kleine Herrenrunde trägt die Nasen hoch, benimmt sich aber zuweilen eher flegelhaft.

Sieht man darüber hinweg und akzeptiert, dass dieser Reisebericht anfangs vor allem ein deutliches Interesse an der Selbstdarstellung der drei jungen Männer bedient, wird es aber doch interessant. Denn Robert Byron, ein Snob wie aus einem der Brideshead-Romane von Evelyn Waugh, scheut vor krassen Urteilen zur Kunstgeschichte nicht zurück und verteilt Seitenhiebe gegen den Sozialphilosophen John Ruskin oder den Dramatiker George Bernhard Shaw, zeigt sich also als intellektueller Rebell. Und einen größeren Kontrast als den zwischen Byrons Freunden und den jungen deutschen Wandervögeln, denen sie gelegentlich begegnen, kann man sich ebenfalls kaum vorstellen. Ungewaschene Schnorrer in kurzen Hosen sieht Byron in ihnen, eine unschöne Spielart der "Jugendkultur". Was für ein Kontrast zu den Dichtern Christopher Isherwood, Stephen Spender oder W. H. Auden, die um 1929 nach Berlin übersiedeln und sich dort in proletarischen Milieus und unter Homosexuellen herumtreiben. Was für ein Unterschied zu dem jungen Patrick Leigh Fermor, der 1932/33 von Ostende bis vor die Tore von Konstantinopel wandert, kaum anders als die deutschen Wandervögel und mit großem Vertrauen in die Hilfsbereitschaft fremder Menschen.

Kunsthistorisches Wissen und ein analytischer Blick erkennbar

Byron hat heute den Ruf, der Begründer einer modernen, betont subjektiv gefärbten Reiseschriftstellerei zu sein. Dafür steht vor allem sein 1938 erschienenes Buch "Der Weg nach Oksiana", über seine riskante Suche nach den Spuren der islamischen Architektur, die ihn bis nach Afghanistan führt. Seine Notizen über die Reise quer durch Europa haben zwar nicht die gleiche Brillanz, aber das kunsthistorische Wissen und ein analytischer Blick sind schon unverkennbar. Byron und seine Freunde legen Tausende Kilometer zurück, reiben sich an zahllosen Grenzen und Formalitäten auf, fahren selten auf gut ausgebauten Straßen, oft durch verlorene Landschaften und auf schwierigen Gebirgsstrecken. Sie machen die Bekanntschaft faschistischer Funktionäre in Bologna, widmen sich manchmal, nicht immer, den Sehenswürdigkeiten, bemerken mit Schrecken die Armut in Neapel und zuletzt in Athen mit großer Anteilnahme das Schicksal der Griechen, drei Jahre, nachdem diese im Krieg gegen die Türkei aus Kleinasien vertrieben worden sind.

Die Beschreibungen der Not einer in die Millionen gehenden Schar griechischer Flüchtlinge und die Skizze eines gewaltigen Flüchtlingslagers bei Piraeus lohnen schon für sich genommen die Lektüre des Buches, nicht nur wegen augenfälliger Parallelen zur Gegenwart. Und die Anklagen gegen die britische Marine, die im Mittelmeer stationiert ist, aber nichts getan hat, als die Türken in Smyrna ein Gemetzel veranstalteten, zeigen Byron zudem auch als einen politischen Kopf, der überall in Athen offene Türen findet, denn er ist Philhellene und ein entfernter Nachfahre von Lord Byron, dem Helden des griechischen Freiheitskampfes von 1822.

Sein Europa mutet in vielem fremd, aber in manchem heute auch noch vertraut an – und unter der Hand öffnet Byrons Buch die Augen für die vielen Verschiebungen, die sich zwischen 1925 und heute ergeben haben. Damals existierten die Kolonialreiche noch, aber was konnten, was wollten die europäischen Machtzentren mehr ausrichten als ein geeintes Europa erreichen könnte? Damals erschienen die USA überhaupt erst auf der weltpolitischen Bühne – und Byrons Bericht versteht sich explizit als ein Buch, in dem die Kultur Europas gegen die Industriemacht der USA beschworen werden soll! –, heute haben die Vereinigten Staaten als Weltpolizist fast schon wieder ausgedient.

Moderne Mobilität und neuzeitlicher Tourismus

Nicht zuletzt findet man in "Europa 1925" aber auch eine kleine Einführung in die Geburtswehen der modernen Mobilität und des neuzeitlichen Tourismus. Autofahrten über lange Strecken bedeuten 1925, ständig platte Reifen oder andere Schäden zu reparieren und in keinem Hafen geeignete Fährschiffe vorzufinden. Es bedeutet permanentes Verhandeln mit Zollbeamten um Einfuhrgenehmigungen und Kautionen. Was als Spritztour dreier junger Heißsporne beginnt, endet als Schwundstufe jener großen "Grand Tour", die einmal als Bildungsreise für standesbewusste Briten und Amerikaner obligatorisch gewesen war; sie verweist darüber hinaus auf die massenhafte Mühsal all jener Automobilisten, die ein paar Jahrzehnte später als Touristen an den gleichen Orten, jedoch auf besseren Straßen und in alltagstauglicheren Kraftfahrzeugen lange Schlangen bilden werden.

Buchinfos:
Robert Byron: "Europa 1925", aus dem Englischen von Peter Torberg, Die Andere Bibliothek Band 373, Januar 2016, Berlin, 360 Seiten, 42 Euro.

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