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StartseiteSport am WochenendeDie Angst vor der Trockenheit19.05.2019

Reitsport in SchwedenDie Angst vor der Trockenheit

Hitzewelle und Dürreperiode: Diese Wetterphänomene haben im vergangenen Jahr nicht nur Bauern in ganz Europa verzweifeln lassen, sondern auch Pferdebesitzer. Besonders großen Alarm haben die Züchter und Reitschulen im vergangenen Jahr in Schweden geschlagen. Jetzt blicken sie sorgenvoll auf den kommenden Sommer.

Von Victoria Reith

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Mehrere Pferde der Reitschule in Mälarhöjden am Rand von Stockholm haben im vergangenen Jahr Gewicht verloren, weil die Ernte qualitativ unterschiedlich ausfiel. (Deutschlandradio - Victoria Reith)
Mehrere Pferde der Reitschule in Mälarhöjden am Rand von Stockholm haben im vergangenen Jahr Gewicht verloren, weil die Ernte qualitativ unterschiedlich ausfiel. (Deutschlandradio - Victoria Reith)
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Uberina zeigt sich weitgehend unbeeindruckt. Die Stute steht in ihrer Box und futtert Heu. Sie ist eins von 60 Pferden im Stall der Mälarhöjdens Ridskola, einer Reitschule an den südwestlichen Ausläufern von Stockholm. Eva Netterberg ist die Chefin hier.

"Die Futterpreise sind gestiegen. Das hat uns finanziell beeinträchtigt."

Die Trockenheit des vergangenen Jahres hat Pferdezüchtern in ganz Schweden schwer zu schaffen gemacht. Normalerweise kaufen sie den Überschuss von Bauern ein, die Futter für ihre Kühe produzieren. Doch Überschüsse gibt es im Moment einfach nicht. Und die Futterproduzenten, die gezielt Pferdezüchter beliefern, konnten nur halb so viel wie sonst ernten und ihre Kunden nicht hinreichend beliefern. Die logische Folge: Höhere Preise. Außerdem unterschied sich die Qualität stark zwischen erster und zweiter Ernte. Eva Netterberg:

"Die erste Ernte war trocken und hatte sehr gute Nährwerte. Hätten wir eine zweite Ernte wie diese gehabt, wäre es sehr viel einfacher gewesen."

Abgemagerte Pferde, ungleiche Futterqualität

Doch es kam anders, die zweite Fuhre war nicht trocken. Auf der Koppel stehen Gerry und Whiskey. Zwei Pferde, auf die das direkte Auswirkungen hatte.

"Die beiden waren wunderschöne Pferde. Dann haben wir ihnen von dem feuchteren Futter gegeben. Die Pferde lieben es, wenn es saftig ist, das finden sie lecker. Aber wir haben nicht gemerkt, dass wir, wenn das Futter feuchter ist, hauptsächlich Wasser füttern. Da haben sie abgenommen. Und weil sie schon älter sind, nehmen sie nicht so leicht zu. Deshalb sind sie jetzt so schmal. Und das ist eine Konsequenz daraus, wie das letzte Jahr aussah, absolut."

Futterpräferenzen verschärfen das Problem

In ganz Schweden herrschte, wie in vielen weiteren Teilen Europas, eine große Trockenheit. Und da Pferdebesitzer dort weniger auf lang haltbares Kraftfutter, sondern besonders auf Raufutter, also zum Beispiel Heu und Gras setzen, spürten sie die Konsequenzen der Dürre sehr schnell.

Eva Netterberg mit einem ihrer 60 Pferde. Sie betreibt eine Reitschule am Rand von Stockholm. (Deutschlandradio - Victoria Reith)Eva Netterberg mit einem ihrer 60 Pferde. Sie betreibt eine Reitschule am Rand von Stockholm. (Deutschlandradio - Victoria Reith)

Reiten ist in Schweden Volkssport, unter jungen Leuten bis 25 Jahren sogar die zweitbeliebteste Sportart nach Fußball. Eva Netterbergs Schule ist eine der größeren in Stockholm, sie führt sie seit einem Vierteljahrhundert. Weil sie ein so großer Abnehmer ist, hat der Futterlieferant die Versorgung ihrer Pferde garantiert. Aber:

"Es betrifft unsere Schüler, weil die Gebühren steigen."

Zwar habe die Reitschule einen Puffer, damit sich die Preissteigerungen nicht direkt auf die Schülerinnen auswirke.

"Aber der Puffer reicht nicht für unzählige Jahre."

Lena Ländin ist seit 18 Jahren Schülerin der Reitschule in Mälarhöjden. Hier reitet sie Gerry, das Pferd, das im vergangenen Sommer so viel abgenommen hat. Seit einigen Jahren reitet sie auch noch in einem anderen Stall einer Freundin.

Sorge und Vorsorge

"Ich war anfangs besorgt. Viele haben versucht zu importieren oder haben geguckt, wie sie am besten Futter bunkern. Ich selbst habe zehn Säcke eines bestimmten Futters gekauft, weil ich nicht wusste, ob es das später noch geben würde."

Letztlich brauchte sie das Futter nicht dringend, weil der Stall seine Vorräte gut eingeteilt hat. Aber:

"Die Pferdebesitzer im Stall meiner Freundin waren wirklich besorgt und hatten Angst, dass den Pferden die Kilogramm Futter, die ihnen zugeteilt wurden, nicht ausreichen."

Austausch von Futter über soziale Netzwerke

Und die Sorge ist weiter groß. Im Netz haben sich deshalb Reiter, Pferdebesitzer und Landwirte zusammengetan. Die größte Facebook-Gruppe hat 26.000 Mitglieder. Nach Landesteilen sortiert wird dort Futter gesucht und angeboten. In Schonen sucht Carita aktuell Heu, in Västa Götland fragt Louice nach Körnern und Hafer. In der Nähe von Örebro bietet Bert das Heu an, das er im Sommer ernten wird.

Sara Ringmark ist Forscherin an der Landwirtschaftlichen Universität Uppsala.

Sie hat gerade eine Untersuchung begonnen, mit der sie herausfinden möchte, wie viele Züchter ihre Pferde verkaufen oder gar notschlachten mussten. Welche Futteralternativen Pferdebesitzer möglicherweise gefunden haben und wie sie sich gegenseitig aushelfen. Ringmark:

"Ich untersuche, ob alternative Futterstrategien Auswirkungen auf die Gesundheit der Pferde hatten. Ob es Probleme gab, wenn man ein Futter geben musste, das nicht die erste Wahl war, das man aber aufgrund der Futterknappheit geben musste."

Keine nationale Initiative der Politik

Die Pferdezüchter finden: Sind ihre Tiere bedroht, ist das auch ein gesellschaftliches Problem. Aber Politiker auf nationalem Niveau hätten nicht viel für die Pferdebesitzer getan, sagt Sara Ringmark.

"Landwirte mit lebensmittelproduzierenden Tieren, zum Beispiel Rindern, konnten Gelder von der Regierung bekommen. Aber das half der Pferdezucht nicht. Lokale Politiker haben hingegen teilweise Reitschulen geholfen, sie finanziell unterstützt und teilweise Bauern und Pferdewirten das Gras angeboten, das auf kommunalen Grünflächen gemäht wurde."

Der Wunsch nach mehr Regen

Eva Netterbergs Reitschule in Stockholm hat kein Geld von der Kommune bekommen. Und auch wenn sie wegen der Dürre im vergangenen Jahr nicht panisch wurde, sagt sie mit Blick auf ihre beiden abgemagerten Pferde Gerry und Whiskey:

"Noch so einen Sommer will ich dieses Jahr nicht noch einmal. Wenn ich es mir wünschen darf."

In Zeiten des Klimawandels blicken die Züchter von Saison zu Saison. Dieser Mai ist kühler als der des vergangenen Jahres. Im Moment ist es nur in wenigen Regionen besonders trocken. Die Pferdehalter hoffen deshalb, dass der Kampf ums Futter diesen Sommer nicht ganz so erbittert geführt werden muss. Denn für die Reitschulen geht die wirtschaftliche Existenz. Und für die Tiere ums Überleben.

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