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StartseiteInterview"Nicht nur irgendwelche netten Videos drehen"03.11.2016

Rekrutierungswege der Bundeswehr"Nicht nur irgendwelche netten Videos drehen"

Bei der Bundeswehr fehlt der Nachwuchs - auch deshalb gibt es eine Youtube-Kampagne, die junge Rekruten gewinnen soll. Tobias Lindner von den Grünen bezweifelte im DLF, dass das der richtige Weg ist. Werbung müsse verantwortungsvoll gemacht werden - dazu gehöre auch, ein realistisches Bild des Arbeitsalltags von Soldaten zu zeigen.

Tobias Lindner im Gespräch mit Ann-Kathrin Büüsker

Tobias Lindner, verteidigungspolitischer Sprecher von Bündnis90/Die Grünen im Deutschen Bundestag. (Imago / Metodi Popow)
Tobias Lindner, verteidigungspolitischer Sprecher von Bündnis90/Die Grünen im Deutschen Bundestag. (Imago / Metodi Popow)
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Es dürfe kein geschöntes Bild vom Leben als Soldatin oder Soldat gezeigt werden. Die Probleme bei Auslandseinsätzen oder durch die schlechte Ausstattung müssten in einer solchen Serie ebenfalls gezeigt werden, sagte Lindner. Gleichzeitig wolle man auch nicht, dass sich nur "Rambo"-Typen bewerben. Das Profil vom Staatsbürger in Uniform habe immer noch Bestand.

Die Bundeswehr sei mit Sicherheit kein ganz normaler Arbeitgeber. Das zeigten auch die hohen Abbruchzahlen von Männern und Frauen, die sich freiwillig zum Wehrdienst meldeten. Umso wichtiger sei es, ein umfassendes und nicht geschöntes Bild zu zeichnen. Lindner betonte, dass eine Rückkehr zur Wehrpflicht keine Option sei.

Ein Plakat der Bundeswehr zeigt einen Wecker um 3 Uhr morgens mit der Überschrift "Ab November werden die Tage länger" (dpa / Stefan Sauer)Die Werbekampagne unter anderem mit Plakaten ist teurer als die YouTube-Serie der Bundeswehr selbst. (dpa / Stefan Sauer)


Das Gespräch in voller Länge:

Ann-Kathrin Büüsker: Fast acht Millionen Euro, so viel hat die Bundeswehr in "die Rekruten" investiert, eine tägliche Webserie, die auf der Videoplattform YouTube zu finden ist. Am 1. November, da wurde das Ganze veröffentlicht; jetzt gibt es jeden Tag eine neue Folge. Das Ziel des Ganzen ist, junge Leute gewinnen, die sich nun mal auf YouTube herumtreiben. Die sollen idealerweise in die Bundeswehr kommen.

Die Truppe will mit "Die Rekruten" nah an der Zielgruppe sein und junge Erwachsene für die Bundeswehr begeistern. Darüber möchte ich nun mit Tobias Lindner von den Grünen sprechen, Mitglied im Verteidigungsausschuss des Deutschen Bundestages. Guten Morgen, Herr Lindner.

Tobias Lindner: Guten Morgen.

Büüsker: Herr Lindner, wir haben jetzt ja im Beitrag schon viel Kritik an dem Projekt gehört. Aber man könnte ja auch sagen, ist doch eine total kluge Strategie, nah an der Zielgruppe, die mit genau dem kriegen, was sie interessiert, super Sache!

Lindner: Natürlich muss man anerkennen, wenn man die Wehrpflicht abschafft und trotzdem Staatsbürger in Uniform weiterhin erhalten will, dass die Bundeswehr in irgendeiner Art und Weise Werbung machen muss. Und ich würde sogar so weit gehen, dass ich sagen würde, man kann darüber nachdenken, ob YouTube da ein geeignetes Medium ist. Aber die beiden Kritikpunkte sind ja auch schon im Beitrag deutlich geworden.

Ich stelle mir die Frage, ob wirklich der finanzielle Aufwand von acht Millionen Euro im Verhältnis zu den Ergebnissen dieser Videos dann steht. Da geht es mir nicht um die Klickzahlen, sondern tatsächlich um die Leute, die sich aufgrund dieser Serie entscheiden, zur Bundeswehr zu gehen. Und zum anderen Werbung zu machen für ein spezielles Berufsbild, nämlich das des Soldaten, heißt natürlich dann auch, man muss das verantwortungsvoll tun und das ganze Bild der Bundeswehr zeichnen und nicht nur irgendwelche netten Videos drehen, wo es darum geht, wie man Wäsche zusammenfaltet.

"Da frage ich mich schon, wo ist das Geld hingeflossen, steht das wirklich in einem gesunden Verhältnis?"

Büüsker: Sie sagen, das Ganze ist vielleicht nicht so ganz gut investiert. Wie hätte man das Geld denn besser investiert, um neue Rekruten zu bekommen?

Lindner: Man muss ja sehen: Die Bundeswehr hat einen Jahresetat von etwa 35 Millionen Euro für Werbung. Jetzt werden acht Millionen davon für diese Serie ausgegeben, angeblich für Filme, die die Soldaten selbst drehen, wo nichts geschönt ist. Ein Kollege von Ihnen hat mal ausgerechnet, was da die Sendeminute kostet. Da kommt man in horrende Bereiche fast oberhalb der 3.000 Euro. Da frage ich mich schon, wo ist das Geld hingeflossen, steht das wirklich in einem gesunden Verhältnis?

Das zum einen und zum anderen: Ich erwarte schon von der Bundeswehr, dass sie dann auch im Nachgang evaluiert und untersucht, wie viele Personen sind aufgrund dieser Serie denn tatsächlich in die Karrierecenter zu Bewerbungsgesprächen gekommen. Ich habe mir das mal an einer anderen Stelle zeigen lassen. In Berlin gibt es so ein Leuchtturm-Projekt, das nennt sich "Showroom". Da wollte ich einfach wissen, wieviel Geld wird ausgegeben und wie viele Bewerbungsgespräche wurden geführt. Das war ein krasses Missverhältnis und ich habe die Sorge, dass so ein Missverhältnis auch bei dieser Werbekampagne entsteht.

"Bei der Werbung wird ein geschöntes Bild der Bundeswehr gezeigt"

Büüsker: Kriegt man mit so einer Kampagne, interessante Videos, die Abenteuerlust ansprechen, kriegt man da die idealen Kandidaten für die Bundeswehr?

Lindner: Ich habe da große Zweifel dran. Wenn man sich anschaut, dass es nach wie vor hohe Abbruchzahlen gibt bei den Frauen und Männern, die freiwillig Wehrdienst leisten, dann hängt das unter Umständen auch damit zusammen, dass natürlich bei der Werbung ein geschöntes Bild der Bundeswehr gezeigt wird. Ich erwarte, wenn man eine verantwortungsvolle Werbung betreibt, dass man zum einen in der Grundausbildung auch zeigt, in welchem Zustand sind denn einige unserer Kasernen. Da ist baulich eine Menge zu tun.

Und zum anderen: Man sollte den jungen Frauen und Männern, die sich interessieren, zur Bundeswehr zu gehen, auch darstellen, welche Härten kommen denn beispielsweise im Rahmen von Auslandseinsätzen auf sie zu: zum einen die gefährliche Situation, die sich manchmal ergibt, aber auch mehrere Wochen oder Monate fern der Heimat zu sein, teilweise mit Einschränkungen in der Kommunikation. Das ist ein Teil des Alltags derer, die ihren Dienst in der Bundeswehr leisten, und das muss sich dann auch in der Öffentlichkeitsarbeit widerspiegeln.

"Ich will nicht, dass sich nur Rambo-Typen bei der Bundeswehr bewerben."

Büüsker: Aber das sind jetzt ja nicht die unbedingt besten Voraussetzungen, um tatsächlich die besten Rekruten zu bekommen, weil die werden sich dann vielleicht auch denken, brauch ich das, ich mach vielleicht lieber doch was anderes?

Lindner: Man muss sich natürlich immer fragen, was die Eigenschaften sind, die Sie mit besten Rekruten meinen. Ich will nicht, dass sich nur irgendwie, ich überspitze es mal bewusst, Rambo-Typen bei der Bundeswehr bewerben. Natürlich gehört körperliche Fitness auch dazu. Aber ich habe es ja vorhin schon angesprochen: Wenn man das Bild des Staatsbürgers in Uniform erhalten will, auch nach Wegfall der Wehrpflicht, wenn man Menschen will, die einen Dienst bei der Bundeswehr in einer verantwortungsvollen Art und Weise leisten, sich auch dessen bewusst sind, dann glaube ich, dann muss man auch in der Werbung schon ein allumfassendes Bild dieser ja durchaus fordernden Tätigkeit bei der Bundeswehr zu sein auch zeichnen.

Büüsker: Es scheint aber dennoch nicht zu funktionieren, dass die Bundeswehr sich tatsächlich als richtig guter Arbeitgeber präsentiert. Wir haben eben gehört, die Bundesverteidigungsministerin sagt, pro Jahr brauchen wir 20.000 Neueinstellungen. Muss man dann vielleicht doch die Wehrpflicht wieder einführen?

Lindner: Ich sehe in der Wehrpflicht, ehrlich gesagt, kein Instrument, das dazu helfen wird. Wenn man sich anschaut: Zu Zeiten, als es die Wehrpflicht gab, hat die zum einen eine ganze Menge an Personal gebunden, auch an Geld gebunden bei den jungen Wehrpflichtigen. Ich gehöre selbst einem der letzten Jahrgänge an, die damals eingezogen worden sind (ich habe Zivildienst gemacht). Da war auch schon die Gerechtigkeit nicht mehr gegeben irgendwie bei der Frage, wer geht zur Bundeswehr beziehungsweise wer muss dahin.

Ein Rückfall zur Wehrpflicht wird das Problem nicht lösen. Was die Bundeswehr tatsächlich tun muss ist: Sie muss ganz strategisch, ganz planvoll in ihre Öffentlichkeitsarbeit gehen. Ich habe den Eindruck, da hat man jahrelang einfach abgewartet, ist sehenden Auges in diese Misere reingelaufen und macht jetzt solche Schnellschüsse wie diese YouTube-Serie.

"Die Bundeswehr ist mit Sicherheit kein ganz normaler Arbeitgeber"

Büüsker: Aber das geht ja davon aus, diese Annahme, dass die Bundeswehr ein ganz normaler Arbeitgeber ist. Kann man das in Zeiten wie diesen, wo die Bundeswehr in immer mehr Einsätze geschickt wird, überhaupt noch behaupten?

Lindner: Nein! Das würde ich auch nie behaupten. Die Bundeswehr ist mit Sicherheit kein ganz normaler Arbeitgeber, sondern …

Büüsker: Aber Sie verlangen dennoch, dass sie sich wie ein ganz normaler Arbeitgeber auf den Markt begibt und um neue Rekruten wirbt mit den gleichen Methoden.

Lindner: Das ist genau die Herausforderung. Die Bundeswehr muss, obwohl sie kein ganz normaler Arbeitgeber ist und obwohl auch die Tätigkeit, Soldat zu sein, was ganz anderes ist und deswegen auch Menschen mit speziellen Qualifikationen erfordert, sich dennoch auf dem normalen Arbeitsmarkt behaupten und dort um Personen werben. Das ist genau die Herausforderung bei der Öffentlichkeitsarbeit, das darzustellen, dass die Bundeswehr einerseits ein interessanter Arbeitgeber sein kann, aber andererseits keine Tätigkeit wie jede andere ist.

Büüsker: … sagt Tobias Lindner. Er sitzt für die Grünen im Verteidigungsausschuss des Deutschen Bundestages. Herr Lindner, vielen Dank für das Gespräch heute Morgen hier im Deutschlandfunk.

Lindner: Ich danke Ihnen. Auf Wiederhören!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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