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Religionsforschung
Stimmen aus dem Jenseits

Wer Stimmen hört, muss nicht krank sein. So wird es zumindest in vielen religiösen Traditionen gesehen, in denen sich Gott oder höhere Wahrheiten durch Stimmen offenbaren. Dieses Phänomen ist bislang kaum erforscht, deshalb haben Wissenschaftler aus Münster jetzt Stimmen unterschiedlicher Religionen gelauscht.

Von Sandra Stalinski | 02.11.2017

    Kleine Figur flüstert in das Ohr eines Mannes
    Stimmen spielen in Religionen seit jeher eine wichtige Rolle. Ein interdisziplinäres Projekt am Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Uni Münster ist diesem Phänomen nachgegangen (imago / Ikon Images)
    Wer die Stimme eines Menschen beschreiben will, dem gehen schnell die Worte aus. Jede Stimme ist individuell und schwer zu fassen. Man hört sie und im gleichen Moment ist sie verflogen. Die Stimme hat keinen fixierbaren Ort. Sie kommt von außen, gleichzeitig hören wir sie innen mit unserem Hörapparat. Die Stimme hat eine Art Zwischenstellung - in vielerlei Hinsicht, sagt die Literaturwissenschaftlerin Martina Wagner-Egelhaaf von der Universität Münster.
    "Sie wird durch unseren Körper präsentiert, andererseits hat sie gar keinen Körper. Also man hat auch die Stimme als ein Phänomen beschrieben, das wir ohne Körper wahrnehmen können. Zum Beispiel Radiostimmen: Da hören wir Stimmen, aber sehen die Person gar nicht, die dazugehört. Sie ist etwas zwischen Körper und Geist, zwischen Materialität und Immaterialität. Man könnte auch von einer Jenseitigkeit der Stimme sprechen."
    All diese Phänomene prädestinieren die Stimme dafür, in Religionen wichtige Funktionen zu erfüllen. Und weil dieser Zusammenhang von Religion und Stimme bislang noch sehr wenig erforscht ist, haben Wagner-Egelhaaf und andere Wissenschaftler dazu ein interdisziplinäres Forschungsprojekt ins Leben gerufen, unter dem Titel "Stimmen aus dem Jenseits".
    Augustinus folgte einer Kinderstimme
    In der christlichen Tradition beispielsweise begegnet Gott den Menschen häufig allein in Form einer Stimme. Besonders häufig kommt das in Konversionserzählungen vor: Menschen hören von irgendwoher eine Stimme und finden dadurch zum christlichen Glauben. Wie der Kirchenvater Augustinus.
    Steinrelief mit Darstellung des Kirchenvaters Augustinus auf dem spätgotischen Schluss-Stein der 1945 zerstörten Bibliothek des Augustinerklosters in der Altstadt von Erfurt in Thüringen
    Steinrelief mit Darstellung des Kirchenvaters Augustinus auf dem spätgotischen Schluss-Stein der 1945 zerstörten Bibliothek des Augustinerklosters in der Altstadt von Erfurt in Thüringen (picture alliance / dpa / Beate Schleep)
    "Da befindet sich Augustinus in einem Garten in Mailand und ist ganz verzweifelt, weil er sich gerne bekehren möchte", sagt Wagner-Egelhaaf. "Und dann geht er in diesen Garten hinein, und plötzlich hört er eine Kinderstimme aus dem Nachbargarten. Und diese Stimme sagt immer zu ihm: 'tolle lege.' Lateinisch ist das: Nimm und lies. Und er geht zurück an seine Ausgangsstelle und dort hat er die Briefe des Paulus liegen lassen. Er nimmt diese Briefe, schlägt sie an einer ganz bestimmten Stelle auf und der Bibelvers, der ihm dann vor Augen ist, der bewirkt dann die Konversion."
    Die Flüchtigkeit der Stimme, die Augustinus hört, die Tatsache, dass er sie nicht lokalisieren kann, ermöglicht, dass er sie als direkt von Gott kommend interpretiert.
    Om: der Klang, aus dem das Universum entstand
    Im Hinduismus verhält sich das ein wenig anders. Stimmen und Klänge, die als göttlich gedeutet werden, sind hier omnipräsent. Nach hinduistischem Verständnis war es ein Klang, aus dem das Universum entstand, der transzendente Urklang Om.
    "Die Stimme ist im Hinduismus das grundlegende religiöse Medium", sagt Wagner-Egelhaaf. "Dieses Om ist sozusagen eine kosmologische Kraft und der Mensch, wenn er wirklich sich von den weltlichen Zwängen und Bedürfnissen gelöst hat, kann in dieses Om sich einschwingen."
    Das Om gilt im Hinduismus als heilig. Und auch anderen Klängen wird besondere Kraft zugesprochen. Tantrische Mantras beispielsweise gelten als klangliche Erscheinungen der Gottheiten. Der Glaube an ihre Macht ist im Hinduismus weit verbreitet. Mantras zu repetieren gehört zu den wichtigsten Formen der religiösen Praxis.
    Die Literaturwissenschaftlerin Martina Wagner-Egelhaaf
    Die Literaturwissenschaftlerin Martina Wagner-Egelhaaf (Uni Münster / Zentrum für Wissenschaftskommunikation / dpa / lnw )
    "Die Gottesvorstellung im Hinduismus ist natürlich eine sehr viel umfassendere", erklärt Wagner-Egelhaaf. "Gott ist sozusagen das All-Eine. Das ist eigentlich mehr ein Prinzip, das die Welt trägt. Aber trotzdem muss dieses Prinzip sich ja den Menschen vermitteln und im Hinduismus gelingt diese Vermittlung über sogenannte Gurus. Das sind Menschen, die dem All und dem Om näherstehen, weil sie sich in jahrzehntelangen Übungen und Meditationen entsprechend vorbereitet haben. Und eigentlich hat jeder Gläubige einen Guru, der ihm den Weg zeigt."
    Der Guru weiht beispielsweise in die Mantras ein. Dabei hat seine Stimme für gläubige Hindus eine tragende Rolle. Es geht nicht um reine Wissensvermittlung, sondern auch um Empfindungen und Atmosphärisches. Der Guru verkörpert die Botschaft gerade auch durch seine Stimme und gilt selbst als Manifestation des Göttlichen.
    Religiöse Verse oder Lieder, wie der Gesang des populären Gurus Tejomyananda, haben für Gläubige Hindus deshalb spirituelle Bedeutung. Es geht um ein Einstimmen und Einsingen in Gott und den Guru, um auf diese Weise, der Erkenntnis näher zu kommen, dass alles Gott ist.
    Sufi-Schreine: Schreien mit den Stimmen böser Geister
    Ebenfalls in Indien, allerdings im muslimischen Kontext, findet sich ein weiteres Beispiel des Forschungsprojektes "Stimmen aus dem Jenseits". An Sufi-Schreinen in Gujarat hat die Ethnologin Helene Basu Aufnahmen gemacht, die die Stimmen von Geistern widergeben. So jedenfalls die Überzeugung der Menschen, die diese Schreine aufsuchen. Am Bava-Gor-Schrein befinden sich drei Grabstätten von Heiligen. Die Särge stehen auf einer Art Empore, drum herum versammeln sich Gläubige, zumeist Frauen, erklärt die Literaturwissenschaftlerin Martina Wagner-Egelhaaf:
    "Wir würden diese Phänomene modern mit Geisteskrankheit beschreiben, aber in diesen traditionalen Kontexten wird das anders gesehen. Da sind die Menschen von schlechten Geistern besessen und deswegen werden diese kranken Menschen von ihren Angehörigen häufig zu diesen Schreinen gebracht, weil man davon ausgeht, dass von den Schreinen eine heiligende Wirkung ausgeht."
    Die Besessenen interagieren mit den Heiligen, die im Grab liegen, und denen hier die Funktion des Exorzisten zukommt. Sie kreisen ihre Oberkörper und Köpfe, schleudern die langen Haare. Denn die Geister gelangen über die Haare in den Körper und wieder heraus. Die Stimmen aus dem Jenseits dringen hier ganz konkret ans Ohr der Gläubigen: Sie meinen, die Stimmen der Heiligen aus dem Grab zu hören und die Geister antworten laut für alle vernehmbar.
    "In deren Verständnis sind diese Schreie nicht die Stimmen der Menschen, sondern es sind die Stimmen der bösen Geister. Und tatsächlich, wenn man sich das anhört, sind das wirklich ganz fremde Stimmen. Wenn die Menschen danach wieder mit ihrer eigenen Stimme sprechen, hat man wirklich das Gefühl, das ist eine völlig andere Stimme."
    Wagner-Egelhaaf, Martina (Hg.): "Stimmen aus dem Jenseits / Voices from Beyond. Ein interdisziplinäres Projekt / An Interdisciplinary Project"
    Würzburg: Ergon-Verlag 2017, 318 Seiten, 58,00 Euro.