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StartseiteForschung aktuellDer illegale Handel blüht29.08.2016

ReptilienDer illegale Handel blüht

Vom Aussterben bedrohte Tierarten gibt es viele - Reptilien bleiben dabei oft außer Acht. Ein Leipziger Forscher zeigt jetzt in einer Studie, dass Reptilien neben dem Klimawandel und der Landnutzung auch sehr stark vom illegalen Handel bedroht sind.

Von Annegret Faber

Zollbeamter zeigt beschlagnahmte Häute und Felle geschützer Tiere (dpa / picture alliance / Robert B. Fishman)
Begehrtes Gut: Ein deutscher Zollbeamter zeigt beschlagnahmte Häute und Felle geschützer Tiere (dpa / picture alliance / Robert B. Fishman)
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Die Schnabelbrustschildröte lebt im Nordwesten Madagaskars. Nur wenige hundert Exemplare davon soll es noch geben. Damit steht die Art vor dem Aussterben. Trotzdem werden immer wieder auf illegale Weise Tiere verkauft. Denn in vielen Ländern sei der Handel mit Reptilien eine wichtige Einnahmequelle.
 
"Natürlich geht es um Geld", sagt Marc Auliya. "Das sind ökonomische Ressourcen, und viele Arten sind sehr lukrativ, vor allem Landschildkröten-Arten. Die gehen weit über 10.000 € pro Tier, sogar bis zu 20.000." Mark Auliya arbeitet am Helmholtz Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. Geboren ist er in Südafrika und hat dort seine ersten zwölf Lebensjahre verbracht. Geckos und Schlangen im Garten kennt er von Kindesbeinen an. Im Rahmen seiner Arbeit als Naturschützer hat er auch andere Weltgegenden bereist, in denen seltene Reptilien leben.

"Ich hab' mal vor Jahren einen ehemaligen Schmuggler von Python-Häuten in Malaysia interviewt, und da habe ich ihn gefragt, was er glaubt, wie hoch der Prozentsatz ist von Häuten, die beschlagnahmt werden. Da sagte er, ein Prozent. Das heißt, 99 Prozent laufen durch."

Zu lasche Gesetze

Auch bei lebenden Reptilien dürfte es so sein, vermutet der 53-jährige Forscher. Belege für solche Zahlen aus dem illegalen Handel gibt es aber nicht. Die nun vorgelegte Studie basiert auf belastbaren Daten aus dem legalen Handel. Auch da würden Tiere verkauft, die vom Aussterben bedroht sind. Und für die sei der Handel mittlerweile die größte Bedrohung. Grund seien zu lasche Gesetze.

"Von über 10.000 wissenschaftlich beschriebenen Reptilienarten sind gerade mal zehn Prozent in den Anhängen des Washingtoner Artenschutzabkommens aufgelistet. Das heißt, diese 10 Prozent, da wird der internationale Handel reguliert. Aber die restlichen 90 Prozent, die können frei gehandelt werden. Die können also Landesgrenzen überschreiten ohne irgendwelche Kontrollinstanzen. Das ist also nicht illegal."

Ungestraft gekauft oder verkauft

Auliya fordert, die Rote Liste und das Artenschutzabkommen miteinander zu koppeln. Viele Reptilien seien zwar in ihrem eigenen Land geschützt, sobald sie aber über die Grenze gebracht wurden, können sie ungestraft gekauft oder verkauft werden. Auch in Deutschland. Beispiel: Hamm in Nordrhein Westphalen. Hier findet die "Terraristika Hamm", die größte Reptilien-Börse der Welt statt.

"Letztendlich haben wir aufgezeigt, dass Deutschland im EU-Vergleich eine herausragende Rolle spielt, im Handel mit lebenden Reptilien. Nicht nur als ein Endkonsumentenland, das heißt also, die Arten auch zu halten, sondern auch als Transitland, wo die Arten weitergereicht werden. Und gerade hier in Deutschland, innerhalb der EU, werden wirklich die meisten Arten auch, nicht Stückzahlen, gehandelt."

Sechs Millionen Reptilien importiert

Sechs Millionen Reptilien wurden zwischen 2004 und 2014 nach Deutschland importiert, so die Studie. Darunter viele bedrohte Arten. Alles legal. Mark Auliyas Studie untermauert das nun erstmals mit Fakten.

"Das Hauptziel war erst mal, ein Fundament zu schaffen, eine Zusammenstellung von Fakten mit ganz klar verifizierbaren Sachverhalten und Referenzen, dass der Handel mit lebenden Reptilienarten eine Bedrohung darstellt. Das wird von vielen Leuten immer wieder ausgeräumt, dass das ja gar keine Bedrohung ist, es sei ja nur der Lebensraum, der zerstört wird. Und da gibt es viele Beispiele dafür, für den gezielten Handel mit Arten: 'Du holst mir die Schildkröte von der Insel, ich brauch die, weil ich die hier für 5.000 Euro verkaufen kann.' Da ist der Handel die größere Bedrohung als die Umweltzerstörung vor Ort."

Interdisziplinäre Arbeit

Für die Studie arbeitete der Forscher mit 37 Wissenschaftlern aus 22 Ländern zusammen, unter anderem Kollegen aus Sri Lanka, Amerika, Italien, Afrika und  Neuseeland: "Wir haben auch Vollzugsbeamte dabei. Wir haben Naturschutzorganisationen dabei und deswegen ist es eine interdisziplinäre Arbeit."

Erfolg verspricht sich der Leipziger Wissenschaftler nur, wenn es künftig strengere Gesetze für den Schutz von Reptilien gibt, und die auch durchgesetzt werden. Dass Käufer aus Rücksicht auf die seltenen Tiere ihr Hobby aufgeben, darauf will er sich nicht verlassen.

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