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Reptilien
Wie die Schildkröte zu ihrem Panzer kam

Ein in Baden-Württemberg entdecktes Fossil bringt Licht ins Dunkel der Schildkröten-Evolution. Der Fund schließt eine wichtige Lücke im Stammbaum der viele Millionen Jahre alten Tierordnung und könnte auch die Frage beantworten: Woher haben Schildkröten ihren Bauchpanzer?

Von Anneke Meyer | 25.06.2015

    Die Riesenschildkröte "Lonesome George" im Galápagos National Park in Ecuador, aufgenommen 2007 - fünf Jahre vor ihrem Tod.
    Die Riesenschildkröte "Lonesome George" im Galápagos National Park in Ecuador, aufgenommen 2007 - fünf Jahre vor ihrem Tod. (picture alliance / dpa / Tui De Roy/Png/Handout)
    "Hier haben wir so einiges gelagert, fossile Reptilien haben wir insgesamt so 90.- bis 100.000 Stücke."
    Zahlreiche Schubladenschränke füllen das Allerheiligste des Museums für Naturkunde in Stuttgart. In ihnen ruhen die Überreste Jahrmillionen alter Tiere.
    Rainer Schoch, Kurator am Museum holt einen flachen, grauen Tonstein hervor. Darin eingeschlossen lässt sich das Skelett eines etwa handgroßen Tieres erkennen. Rund 24 Millionen Jahre haben die Knochen im Sediment eines lange ausgetrockneten Sees gelegen. Ganz in der Nähe der heutigen Stadt Schwäbisch Hall.
    Mit seinem langen Schwanz erinnert das Fossil an eine Echse. Tatsächlich ist es aber ein Urahn der Schildkröte. Rainer Schoch deutet auf ein paar besonders kräftige Knochen:
    "Was man sieht, was ein typisches Schildkrötenmerkmal ist: Das sind diese dicken, fast brettartigen Elemente. Das sind die Rippen. Bei diesem Tier waren die Rippen sehr breit und haben den Rumpf oben fast geschlossen mit Knochen. Und das ist schon der erste Schritt in Richtung eines Rückenpanzers."
    Die Evolution des Bauchpanzers
    Wie sie zu ihren Panzern kamen, gehört zu den vielen Rätseln, die Schildkröten Wissenschaftlern aufgeben. Dass der Rückenpanzer aus Rippen entsteht, konnte erst vor Kurzem durch Beobachtungen der Embryonalentwicklung eindeutig geklärt werden.
    Rainer Schoch und seine Kollegen, haben mit ihrer schwäbischen Urschildkröte jetzt ein fehlendes Bindeglied gefunden, das erstmals konkrete Anhaltspunkte zum Ursprung des Bauchpanzers gibt.
    Der Paläontologe zeigt auf lange Knochen, die wie Mikado-Stäbe übereinander liegen:
    "Das sind keine Rippen, sondern Bauchrippen. Das ist eine urtümliche Knochenform, die es bei den meisten heutigen Tieren gar nicht mehr gibt. Und bei unserer Urschildkröte sind die Bauchrippen nun sehr dick geworden und wir haben auch Hinweise darauf, dass aufeinanderfolgende Bauchrippen bereits begonnen haben miteinander zu verschmelzen."
    Paläontologen wie Rainer Schoch hatten schon lange an die "Bauchrippen-Hypothese" geglaubt. Nur empirische Hinweise auf eine Fusion der Knochen waren bisher nicht gefunden worden. Das Fossil aus Schwäbisch Hall liefert sie nun. Das Urtier hilft aber auch bei der Beantwortung andere Fragen. Zum Beispiel, wer eigentlich die nächsten Verwandten der Schildkröte sind:
    "Das ist so eine Bandbreite an Möglichkeiten, dass man eben im Grunde sagen muss, man wusste bisher eigentlich gar nichts. Es gibt die Möglichkeit, dass Schildkröten von gleich mehreren Linien von sehr ursprünglichen Reptilienarten abstammen, also Reptilien, die seit langer Zeit verschwunden sind. Die anderen Hypothesen gingen immer davon aus, die Schildkröten sind viel näher verwandt zum Beispiel mit Krokodilen - nur die Schädel stimmen nicht."
    Die Schädelform gilt als wichtiges Merkmal der Reptilien. Ihre Besonderheit sind große Öffnungen im Knochen oberhalb und hinter den Augenhöhlen. Schildkröten dagegen haben einen kompakten, geschlossenen Schädel. Für Wissenschaftler, die vor allem die Anatomie betrachten, ein Hinweis darauf, dass Schildkröten die einzig überlebende Linie der urtümlichen "Parareptilien" sein könnten.
    Verwandt mit Reptilien und Vögeln
    Erbgut-Analysen legen aber einen anderen Schluss nahe. Ihnen zufolge sind Schildkröten enge Verwandte der modernen Reptilien.
    Eine Annahme, die Rainer Schochs Entdeckung jetzt bestätigt: Sein Schildkröten-Urahn zeigt eindeutig Öffnungen im Schädelknochen. Ein klarer Hinweis auf eine Verwandtschaft mit Reptilien und Vögeln, sagt Schoch:
    "Aus heutiger Sicht ist es so, dass die Schildkröten nach der Entstehung unserer Urschildkröte, langsam damit angefangen haben diesen Schädel zu schließen. Und zwar vermutlich um die Kiefermuskeln neu zu verankern beziehungsweise einfach zu verändern für neu auftretende Probleme beim Beißen und beim Kauen."
    Die Urschildkröte wird die Forscher noch einige Zeit beschäftigen. Der neuste Zweig im Stammbaum, kann noch einiges an Auskunft geben über die Entwicklung seiner Art, so hofft Rainer Schoch.