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StartseiteMusikjournalRomantik im Bunker24.06.2019

Resonanzraum-FestivalRomantik im Bunker

Vor fünf Jahren hat das Ensemble Resonanz seine Heimat im ehemaligen Flakbunker auf St. Pauli in Hamburg gefunden. Beim zweiten Resonanzraum-Festival haben sich die Musiker mit dem Thema "Romantik" auseinandergesetzt - und dabei Genregrenzen ausgelotet und Brüche inszeniert.

Von Marcus Stäbler

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Der Bunker in St. Pauli, Hamburg (imago )
In diesem Hamburger Bunker befindet sich der Rensonanzraum (imago )
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Am Mikrofon Das Ensemble Resonanz

Die Geige singt eine bittersüße Melodie, die Unterstimmen schmachten mit. Romantische Musik wie aus dem Lehrbuch, zu Beginn des herrlichen Streichquartetts von Fanny Hensel. Aber schon nach fünf Minuten ist erstmal Schluss mit der Schwärmerei, das Eröffnungskonzert des Resonanzraum-Festivals setzt einen ersten Schnitt. Tobias Rempe, Geschäftsführer des Ensemble Resonanz:

"Direkt danach, in einer Klang- Sound- und Sprachperformance mit Korhan Erel, wurden Textversatzstücke von Henry Thoreau, aber auch ganz alltägliche Texte aus der Werbung oder Ausschnitte aus Popsongs zusammen gebracht – und geben einen Ausblick auf weitere Verläufe im Festival, wo wir dann den zeitgenössischen Spuren und wie die Romantik heute noch wirken kann oder auch nicht, nachgehen."

Ensemble Resonanz inszenierte Brüche

Wenn ein so reflektiertes Musikerkollektiv wie das Ensemble Resonanz der Romantik ein eigenes Kurzfestival widmet, dann werden eben nicht einfach Werke des 19. Jahrhunderts gespielt, sondern Fragen aufgeworfen und Brüche inszeniert. Der Wechsel von Perspektiven und Epochen, von Besetzungen und Stilen gehört zum Programm.

Die zweite Hälfte des Eröffnungskonzerts begann mit dem Stück "Doppelbelichtung" von Carola Bauckholt für Violine und Live-Elektronik. Ein Dialog von gesampelten Vogelstimmen und instrumentalem Zwitschern, vom Geiger Gregor Dierck fantastisch gespielt.

Dieses zeitgenössische Vogelecho als Nachklang romantischer Natursehnsucht wurde beim Auftaktabend vom Gesang der menschlichen Stimme eingerahmt. Die Sopranistin Christina Landshamer sang Werke von Zemlinsky und Alban Berg, begleitet vom Ensemble Resonanz unter Leitung von Finnegan Downie Dear. Damit führte das Programm ...

"... in so eine Art Fin-de-Siècle-Überspanntheit und Aufgeregtheit, die auch schon ganz viel 20. Jahrhundert in sich trägt und vermutlich auch Vorahnung der Katastrophen des 20. Jahrhunderts auch schon in sich trägt."

Erstaunlich warme und transparente Akustik im Resonanzraum

Christina Landshamer demonstrierte die Leuchtkraft ihres Timbres und fand eine gute Balance mit dem Klang des Kammerorchesters. Der Resonanzraum atmet mit seinen nackten Betonwänden und den Eisentoren zwar einen eher kühlen Industrie-Charme, hat aber auch eine erstaunlich warme und transparente Akustik. Die nutzte die exzellente Sopranistin bei ihrem zweiten Auftritt am Samstag für eine hinreißende Interpretation von Robert Schumanns Liederkreis, mit Cornelius Witthoefft als sensiblem Klavierpartner.

"Ich finde, dieser Zyklus, das sind so gefühlsmäßige Momentaufnahmen. Es geht darum, dass man sich der Welt fremd fühlt, dass man sich nach dem Tod und der Erlösung sehnt. Es geht aber auch um tiefe Liebe, die einem plötzlich kommt, mit der Mondnacht, wenn die Seele sich Richtung Himmel bewegt. Es ist zwar kein geistliches Lied, aber man könnte das auch in einen geistlichen Zusammenhang setzen, es ist eine gewisse Himmelfahrt für mich auch."

Robert Schumanns Liederkreis nach Gedichten von Eichendorff gehört zum Kernrepertoire romantischer Musik. Aber die Bedeutung des Begriffs Romantik ist in unserem Sprachgebrauch nicht auf eine Epoche beschränkt, sondern strahlt auch in andere Bereiche aus, wie Tobias Rempe vom Ensemble Resonanz betont.

"Aus einer musikalischen Perspektive war für uns interessant, dass eine musikalische Ästhetik, die im weitesten Sinne romantisch ist – nämlich aus dem 19. Jahrhunderts - ein gewisser Orchesterklang, ein gewisser Schmelz zum Symbol für die klassische Musik insgesamt geworden ist und in ganz vielen Zuschreibungen im Zusammenhang mit klassischer Musik wieder auftaucht, auch der Filmmusik, auch in der Popmusik."

Grenzbereich zwischen Pop und Klassik

Im Grenzbereich zwischen Pop und Klassik, zwischen Balladenton und Anklängen an Schostakowitsch, bewegt sich der Zyklus der Juliet Letters von Elvis Costello. Beim Festival zu erleben mit einem Streichquartett des Ensemble Resonanz und Jan Plewka, der seit den 90er-Jahren vor allem als Sänger der Rockband Selig bekannt geworden ist. Costello vertont in seinen Juliet Letters Collagen aus ungewöhnlichen Briefen, die Menschen aus aller Welt an Julia Capulet aus Shakespeares Romeo und Julia adressieren oder sie direkt an die Liebesmauer vor Julias Haus in Verona kleben.

"Da wurde jetzt ein Komitee gegründet, vor vielen Jahren," sagt Jan Plewka. "Und die beantworten diese ganzen Briefe. Du schreibst an Julia deine Wünsche und du kriegst eine Antwort, und das ist so ein schöne Idee und so romantisch."

Die Liebe mit alle ihren Wünschen, Schmerzen und Projektionen ist ein zentraler Topos der Romantik, das spiegelte sich im Programm, auch in der Aufführung eines Streicherarrangements der Einleitung zu Richard Wagners Tristan und Isolde.

Momente der Distanz

Diese Emphase und den Gefühlsüberschwang romantischer und romantisch inspirierter Werke kontrastierte das Festival geschickt mit gezielten Ernüchterungen und Momenten der Distanz. Etwa beim Naturfilm "Dragonflies with Birds and Snake", der die Netzhaut mit einem grellen Staccato von Insekten- und Vogelbildern beflackert, aber auch bei einer Podiumsdiskussion am Samstag Mittag, die nach der politischen Dimension der Romantik fragte und dazu auch die französische Autorin Marie Rotkopf eingeladen hatte. Sie hat ein Antiromantisches Manifest geschrieben und sieht einige Ideen der Romantik als Gefahr.

"Diese Sehnsucht nach Heimat und Nationalismus und der Held ist natürlich wichtig! Und das Leid - und das ist das Gegenteil vom Leben. Und ich bin für das Leben und nicht für das Leid oder den Tod."

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