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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenDie Veränderung von Revolutionen12.12.2019

Revolte 2020Die Veränderung von Revolutionen

Revolten gibt es seit vielen tausend Jahren und in jeder Gesellschaft. Die Geschichte zeigt aber, dass sich durch friedliche Transformationen Strukturen nachhaltiger verändern lassen. Doch Revolten verändern sich, wie ein Blick auf Frauenrechtsbewegungen, Katholiken und Rechtspopulisten zeigt.

Von Ursula Storost

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Eugène Delacroix’ Gemälde "Die Freiheit führt das Volk" von 1830 zeigt die barbusige, Trikolore-schwenkende Marianne in den Wirren der Juli-Revolution. (imago stock&people)
Die Marianne als Allegorie: Frauen werden in der Demokratiegeschichte einfach ausgeblendet, sagt die Historikerin Hedwig Richter (imago stock&people)
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Die Französische Revolution war historisch gesehen ein Startschuss zur Befreiung der Menschen aus feudalistischer Knechtschaft. Hin zu Demokratie.

"Demokratiegeschichte, das sagen viele Historiker, Demokratiegeschichte sei die Geschichte von Gewalt und Revolution. Und diese Geschichte ist in der Regel eine Männergeschichte. Männer sind diejenigen, die auf den Barrikaden stehen, die die Welt anzünden, die Gewalt ausüben."

Frauen spielten da keine Rolle, sie werden einfach ausgeblendet, so Dr. Hedwig Richter, ab Januar Geschichtsprofessorin an der Münchner Universität der Bundeswehr. Auch die berühmte Marianne, die auf dem Revolutionsgemälde von Eugène Delacroix die französische Fahne schwingt, sei kein Abbild einer Revolutionärin, sondern nur eine Allegorie.

"So wie es Allegorien für die Gerechtigkeit gibt. Dafür wurden sehr gerne Frauen eingesetzt. Es ist sozusagen ein Abstraktum. Und die konkreten Figuren der französischen Revolution, all die, die um diese Marianne sind, sind tatsächlich auch Männer."

Nach Revolutionen standen Frauen oft schlechter da

Die Wahrheit sei, so Hedwig Richter, dass die revolutionären Männer gar kein Interesse an Freiheiten für die Frauen hatten: "Das ist ein alter Mythos, dass Frauen von der französischen Revolution profitiert hätten. Die Männer haben sehr schnell gemerkt, dass Weiblichkeit und alles, was mit Frauen zu tun hat, ihnen überhaupt nichts nutzt. Das wollten sie gar nicht haben. Die Menschenrechte, im Französischen sind es ja die Rechte der Männer und das waren tatsächlich Rechte der Männer."

So stellte der Code Civil von Napoléon im Jahr 1804 die Frauen schlechter als zuvor. Sie wurden einem Vormund unterstellt. Frauenklubs wurden verboten. Bürgerrechte, sagt die Demokratieforscherin, waren Männerrechte. Vor und nach vielen Revolutionen: "Was wir oft sehen, dass am Ende von Revolutionen ein starker Rückschlag ganz speziell für Frauenrechte kommt. Und gerade nach der Revolution war die Gesellschaft oft völlig durcheinander. Und dann dienten oft die Geschlechterordnung und eine untertänige Stellung der Frau wesentlich dafür, wieder für Ordnungen zu sorgen."

Gegen Armut, Kinderarbeit und Gewalt

Dass Frauen selten in vorderster Front auf die Barrikaden gingen, bedeutet aber nicht, dass sie bei der Entwicklung der Demokratie nicht mitgewirkt hätten. Schon die Frauenbewegung um Neunzehnhundert kämpfte für soziale Anliegen.

"So waren Frauen sehr stark in Gruppen aktiv, in denen es um die Bekämpfung der Armut ging, Kinderarbeit lag ihnen am Herzen. Sie haben sich aber auch sehr stark für eine Verbesserung der Bildung von Mädchen eingesetzt, generell für eine Verbesserung der Lebensstandards von Kindern."

Die Frauenbewegung wandte sich gegen physische Gewalt, auch gegen gewalttätige Umstürze. Aber sie kämpften über Jahrhunderte unbeirrt für eine gerechtere Ordnung der Gesellschaft.

Zahlreiche Frauen demonstrieren für das Frauenwahlrecht am 12. Mai 1912 in Berlin.  (picture alliance/akg-images)Demonstration für das Frauenwahlrecht am 12. Mai 1912 in Berlin. (picture alliance/akg-images)

"Die Forschung, die sich stark damit beschäftigt, wie sich Gesellschaften hin zu Demokratien entwickeln, die zeigen immer und immer wieder, dass friedliche Transformation anders als gewalttätige Revolutionen viel Erfolg versprechender sind und viel eher zu Demokratien führen. Und nicht nur das, sie sorgen auch dafür, dass diese Demokratien langfristig sind und stabil sind."

Errungenschaften wie das Frauenwahlrecht und die Einführung sozialstaatlicher Prinzipien nach dem Ersten Weltkrieg sind, so Hedwig Richter, vor allem der Frauenbewegung zu verdanken: "Also die Reformen sind wahrscheinlich für Demokratiegeschichte viel wichtiger als Revolutionen, die freilich für die Demokratisierung auch eine Rolle spielen."

Maria 2.0 findet Gehör - auch bei kirchlichen Würdenträgern

Reformen in der katholischen Kirche fordern derzeit katholische Frauen der Initiative Maria 2.0, nachdem der weltweite sexuelle Missbrauchsskandal ans Licht gekommen war. Ihrer Meinung nach begünstigen die Strukturen der katholischen Kirche Missbrauch, deshalb müssten sie verändert werden.

"Sie fordern ja die Aufhebung des Pflichtzölibats. Dann eine neue Sexualmoral, also eine Sexualmoral angepasst an die Lebenswirklichkeit der Menschen und dann natürlich die Gleichberechtigung der Frau in allen Ämtern der Kirche mit den Männern," so die Religionswissenschaftlerin Christina Behler vom Lehrstuhl für Moraltheologie an der Münchner Ludwig Maximilians Universität. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass es keine Demokratiegeschichte in der katholischen Kirche gibt. Zwar haben sich schon im Mittelalter Frauen für Reformen eingesetzt, aber es gab und gibt eben keine demokratischen Strukturen.

Teilnehmer an einer Menschenkette der Bewegung "Maria 2.0" rund um den Kölner Dom (Roberto Pfeil / dpa)Menschenkette der Bewegung "Maria 2.0" rund um den Kölner Dom (Roberto Pfeil / dpa)

"Das Problem dabei ist, dass die katholische Kirche ja von einem ganz anderen Grund ausgeht, warum sie so strukturiert ist. Der Papst ist ja quasi Nachfolger Petri, Stellvertreter Christi auf Erden. Das legitimiert sich ja alles ganz anders. Und dann gibt es natürlich in der katholischen Kirche auch Menschen, die das gut finden, wie das System so ist."

Maria 2.0 ist inzwischen gut vernetzt, hat viele Unterstützer und die Frauen finden Gehör – auch bei hohen kirchlichen Würdenträgern. Es könnte also was werden mit mehr Gleichberechtigung.

"Es ist eine andere Art von Revolte. Dadurch dass sich Maria 2.0 so öffentlichkeitswirksam organisiert, üben die natürlich enormen Druck aus, zumindest wenn man von außen draufschaut. Weil die sagen, wir kämpfen auch um etwas Existentielles, ja."

Vulgärheroismus bei rechtspopulistischen Bewegungen

Forderungen nach neuen Strukturen ganz anderer Art findet man derzeit bei rechtspopulistischen Bewegungen und Parteien. Es sind vorwiegend Männer, die inszeniert als Helden gegen eine angebliche Opferrolle kämpfen. Das sei keine Revolte, sondern ein Märchen vom Widerstand, sagt die Politikwissenschaftlerin Dr. Astrid Séville. Ein Märchen, erzählt von Menschen, die laut beklagen, dass sie in der freiheitlichen Demokratie ihre Meinung nicht äußern dürften.

"Also, sie sind die Unterdrückten, sie werden marginalisiert, sie werden verfemt in dem, was sie sagen und tun. Und aus dieser Pose heraus, aus dieser Inszenierung heraus entwickeln sie so einen vermeintlichen Heroismus, also so ein politisches Heldentum, dass sie die Einzigen seien, die jetzt aufbegehren gegen den Mainstream."

Vulgärheroismus nennt die Demokratieforscherin am Geschwister Scholl Institut der Münchner Ludwig Maximilians Universität diese fiktive Erzählung. Eine Erzählung von einem angeblichen Meinungskartell aller Parteien – von links bis konservativ – die Andersdenkenden den Mund verbieten.

"Und jetzt komme mit den Rechtspopulisten eine neue, eine wahre Opposition ins politische Spiel und räume heroisch, heldenhaft mit den Verkrustungen der politischen Landschaft auf. Und das wird alles erzählt als eine Revolte. Als die Revolte der eigentlich anständigen, konservativen, bürgerlichen Wählerinnen und Wähler."

Widerstandskämpfer werden durch Rechte vereinnahmt

Die Wahrheit sei, so Astrid Séville, dass es sich bei den Akteuren und auch den meisten Wählerinnen und Wählern weder um konservative oder bürgerliche Menschen handelt, sondern um solche, die mit mindestens einem Bein im rechtsradikalen Milieu stünden. Und die würden positiv besetzte Schlüsselbegriffe schamlos umdefinieren. Mutig sind nach Ansicht der Rechtspopulisten nicht diejenigen, die die freiheitliche Grundordnung verteidigten, sondern diejenigen, die sie angreifen. Und anständig sei derjenige, der beleidigt und schmäht.

"Anständig sind plötzlich die, die Politikerinnen und Politiker als Volksverräter bezeichnen. Und da geht es mir eben darum, dass wir aufpassen müssen, dass ein politisches Vokabular auf gefährliche Weise umgedeutet wird."

Eine verkehrte Welt. Tugend wird ins Gegenteil verkehrt. Lügen statt Tatsachen, sagt Astrid Séville.

"Sehr anschaulich wird es zum Beispiel in dem Rückbezug auf Widerstandskämpfer im Nationalsozialismus. Also in München beispielsweise haben wir Rechtspopulisten, die bei Demonstrationen sagen, sie seien die neuen Geschwister Scholl, weil es doch jetzt nicht gegen den Faschismus, sondern gegen den Islamismus anzukämpfen gelte."

Auch die Freiheitskämpfer des 20. Juli 1944, allen voran Claus Schenk Graf von Stauffenberg, werden instrumentalisiert. Man wende sich, so die rechtspopulistische Erzählung, ebenso wie Stauffenberg gegen die Unfreiheit. Nur revoltiere man heute nicht gegen die nationalsozialistische Diktatur, sondern gegen eine Kanzlerdiktatorin.

"Wir können sehen, dass diese Revolte eben bestimmte Muster bespielt oder bestimmte Begriffe immer wieder benutzt, um sich zu erklären, zu legitimieren, zu rechtfertigen. Und da greift sie eben auch diesen Slogan auf, wir sind das Volk, also gerade eine Freiheitsbewegung wird in Anspruch genommen. Es geht hier darum, die Freiheit wieder in ein von einer Kanzlerdiktatorin regiertes Deutschland hineinzutragen."

Alte Männlichkeitsideale werden wiederbelebt

Auch wenn es Frauen gebe, die diese fragwürdige Revolte mittrügen, eine wichtige Inszenierung dabei sei, das alte Männlichkeitsideal heterosexueller Männer wiederzubeleben. Männer in rechtspopulistischen Milieus, so Astrid Séville inszenierten sich oft als Machos mit kaltschnäuzigen, provokanten Sprüchen, mit schnellen Autos oder jungen Frauen. Es gehe ihnen darum, patriarchalische Strukturen zurückzuerobern, denn die Emanzipation der Frauen verunsichere viele Männer, mache sie orientierungslos. Deshalb kämpfen sie gegen die angebliche Entmännlichung der westlichen Gesellschaft.

"Also wenn das Patriarchat nicht mehr legitim ist, wenn Frauen nun überall sind, in alle gesellschaftlichen und politischen Räume vordringen, für den Macho entsteht ein Problem und daraus ergibt sich eine politische Konsequenz. Das sehen wir gerade politisch, dass hier bestimmte Männlichkeitstypen noch mal ganz stark in den Vordergrund rücken und vor allen Dingen bei rechtspopulistischen Parteien so als die Erzählung einer besseren Vergangenheit mobilisiert werden."

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