Freitag, 10.07.2020
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteInterview"Es ist Feuer unterm Eis"01.04.2016

Revolte beim "Spiegel""Es ist Feuer unterm Eis"

Dem Hamburger Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" stehe ein grundlegender Kulturwandel bevor, sagte SWR-Chefreporter Thomas Leif im Deutschlandfunk. Das ergebe sich aus dem von Mitgliedern der "Spiegel"-Redaktion erarbeiteten "Innovationsreport", der dem SWR vorliege. Deutliche Kritik gebe es an den Gesellschaftern, die risikoavers und viel zu langsam seien.

Thomas Leif im Gespräch mit Bettina Klein

Das "Spiegel"-Verlagshaus in Hamburg an der Ericusspitze. (imago/Westend61)
Das "Spiegel"-Verlagshaus an der Ericusspitze in Hamburg. Symbol für verkrustete Strukturen? (imago/Westend61)
Mehr zum Thema

Der SWR-Bericht

Zehn Jahre Twitter "Das Neue in der Medienwelt ist der ständige Wandel"

Digitales Arbeiten Die App als Arbeitgeber

Springer-Konzern Geld wird digital verdient

Autor Helge Timmerberg "Die traditionellen Medien hatten Schaum vor dem Mund"

In dem "Innovationsreport" werde als eines der Hauptprobleme beim "Spiegel" die Hierarchie genannt, die Kreativität, Kommunikation und Kooperation töte, sagte SWR-Chefreporter Thomas Leif im Deutschlandfunk. Das Symbol dafür sei die Architektur des Verlagsgebäudes an der Ericusspitze in Hamburg. Wenn es in dem Bericht heiße, "wir müssten eigentlich aus diesem Hierarchiegebäude ausziehen, um eine offene Kommunikationkultur zu haben", dann sei das doch sehr signifikant, sagte Leif. Das zweite, was in dem Bericht immer wieder kritisiert werde, das seien die Privilegien einzelner Akteure, Ressorts und der Ressortegoismus. Der Ressortegoismus sei es, der das große "Wir" eines Mediums kaputt mache.

Hintergrund des Berichts sei die wirtschaftliche Lage, sagte Leif. Die Autoren zeigten detailliert, wie die Verkaufszahlen und die Abozahlen über Jahre kontinuierlich gesunken seien. Beim "Spiegel" könne man jetzt nicht mehr an dieser Auszehrung, an der ökonomischen Lage vorbeischauen, heiße es. Wenn jetzt, im digitalen Zeitalter, nicht umgeschaltet werde, dann sterbe der "Spiegel" langsam aus. 


Das Interview in voller Länge:

Bettina Klein: "Während wir die Welt um uns herum schonungslos analysieren, verschließen wir die Augen vor unseren eigenen Baustellen" – das ist ein Zitat aus einem Bericht, den die "Spiegel"-Kollegen oder zumindest einige von ihnen über den Zustand ihres Blattes, des Magazins "Der Spiegel" verfasst haben und der dem SWR-Kollegen Thomas Leif vorliegt. Mit ihm bin ich jetzt verbunden. Herr Leif, weshalb ist das so ungewöhnlich, was in diesem Report über den Zustand eines Magazins drinsteht, dass Sie damit an die Öffentlichkeit gegangen sind?

"Der 'Spiegel' war umringt von einer Mauer des Schweigens"

Thomas Leif: Ja, das Bedeutsame daran ist, dass es sich nicht um ein normales Lokalblatt handelt, sondern um den "Spiegel", sozusagen um die Avantgarde des Nachrichtenmagazins mit einer sehr intensiven Geschichte, mit vielen Enthüllungen, mit Akteuren, die vielleicht auch selbst glauben, dass sie Geschichte mitgeschrieben haben in der Bundesrepublik. Es ist ein zentrales Magazin und es ist ein zentraler Bericht, der erstmals wirklich alles auflistet an Schwachstellen, an Defiziten, an Problemen. Und das ist besonders, weil der "Spiegel" ja bisher so ein bisschen umringt war von einer Mauer des Schweigens. Man wusste sehr wenig, selbst als die vielen Konflikte der jüngsten Zeit bekannt wurden, gab es keine Details. Und diese ganze Prozedur der Konflikte der letzten Jahre ist jetzt in diesem Innovationsbericht aufgelistet. Und das Besondere ist, es ist eben nicht nur von Basiskollegen, sondern im Auftrag der Chefredaktion und der Geschäftsführung, und es steht auf dem Titel auch drauf, "Spiegel-Gruppe". Und es sind so viele Details, auch wirklich "Spiegel"-interne Details, dass es ganz klar ist, dass es eine Kooperation ist und die Mitglieder aus allen Ressorts und Sparten, die da geschrieben haben, im Grunde das auch machen in Kombination mit der Chefredaktion.

Klein: Geben Sie uns ein Beispiel: Was ist das Hauptproblem?

"Die Einzelverkäufen sind offenbar alarmierend"

Leif: Das Hauptproblem ist meiner Ansicht nach, wenn man das so durchliest, wie ein roter Faden, dass die Hierarchie sozusagen Kreativität, Kommunikation und Kooperation tötet. Das ist sozusagen das, was immer wieder hervorkommt. Und Symbol für diese Form ist die Architektur dieses neuen Verlagsgebäudes an der Ericusspitze in Hamburg. Und wenn dann die Autoren schreiben, wir müssten eigentlich aus diesem Hierarchiegebäude ausziehen, um eine offene Kommunikationskultur zu haben, dann ist das doch sehr signifikant. Das Zweite ist, was immer wieder kritisiert wird und auch bis ins letzte Komma analysiert wird, sind die Privilegien einzelner Akteure in den Ressorts und der Ressortegoismus, der gebrandmarkt wird. Und man sagt, dass dieser Ressortegoismus quasi das große Wir eines Mediums kaputt macht und dass eben nicht alle mitreden und alle Ressourcen, die man eigentlich hat, zum Klingen kommen.

Klein: Weshalb wird dieses Schweigen, wie Sie sagen, jetzt gebrochen? Weshalb ist das so bedeutend für den Erfolg des Blattes?

Leif: Ich glaube, sie schreiben ja selbst, immer wieder geht es von Ökonomie aus. Die Autoren machen detaillierte Analysen des Abo-Verfalls, des Verkaufsverfalls über Jahre und sagen, dass die bisher relativ guten Zahlen den Blick getrübt haben und geblendet haben und dass man jetzt im Grunde an der Auszehrung des Verkaufs und auch der ökonomischen Lage nicht mehr vorbeischauen kann. Und es kommt sozusagen der Nebensatz: Wenn man jetzt nicht umschaltet im digitalen Zeitalter, dann stirbt man langsam aus. Und man sieht es auch an den Einzelverkäufen, dass die offenbar alarmierend sind.

Klein: Eine Revolution von unten, so beschreiben Sie es ja. Was wird daraus, wenn Mitarbeiter das fordern?

"Es bleibt kein Stein mehr auf dem anderen"

Leif: Ich glaube, jetzt hier in diesem Bericht sieht man: Es ist Feuer unterm Eis, es bleibt kein Stein mehr auf dem anderen. Also, wenn da bis ins Detail die Privilegien der einzelnen Ressorts analysiert werden und man gleichzeitig sagt, dass dann andere bedeutende Teile, Mitarbeiter ohne Vertrag oder mit schlechten Verträgen und wesentlich weniger Geld arbeiten, dann ist das jetzt sozusagen eine Grundanalyse für den sogenannten adaptiven Wandel, so nennen die das. Das ist die Unternehmensberatersprache. Also, es wird ein grundlegender Kulturwandel stattfinden. Wenn man das alles sieht, also inklusive der Kritik an den Gesellschaftern, denen man vorwirft, dass sie risikoavers sind und viel zu langsam … Also, es wird eine Umwandlung geben …

Klein: Und wir werden es weiter beobachten hier. Das war der Kollege Thomas Leif vom SWR, ihm liegt vor ein Innovationsreport, den die Kollegen des Magazins "Der Spiegel" über den Zustand ihres eigenen Hauses verfasst haben. Herr Leif, vielen Dank heute Morgen für die Informationen!

Leif: Bitte schön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk