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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische Literatur"Die größte aller Revolutionen. November 1918"05.11.2018

Robert Gerwarth"Die größte aller Revolutionen. November 1918"

1918: Der Erste Weltkrieg geht zu Ende - und in Deutschland mit ihm die Monarchie. Die Novemberrevolution ist ein Scharnier in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts, für viele aber nicht mehr als das. "Die größte aller Revolutionen" - nennt der Historiker Robert Gerwarth sein Buch über diese Zeitenwende.

Robert Gerwarth im Gespräch mit Catrin Stövesand

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Auf dem Platz vor dem Brandenburger Tor in Berlin hält Friedrich Ebert am 9. November 1918 eine Ansprache.  (picture-alliance / dpa)
Friedrich Ebert hält am 9. November 1918 eine Ansprache in Berlin. An diesem Tag endete das Kaiserreich, der SPD-Politiker wurde Reichskanzler und später der erste Reichspräsident (picture-alliance / dpa)
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Robert Gerwarth lehrt Moderne Geschichte am University College in Dublin. Und er ist Gründungsdirektor des dortigen Zentrums für Kriegsstudien.

Um die Geschehnisse im Oktober und November 1918 zu verstehen - und auch, warum diese später anders gewertet wurden, bildet der Autor nicht nur diese Periode ab, sondern grob die Zeit zwischen 1917 und 1923. Zuvor also: Die Spaltung der Sozialdemokratie, die letzten beiden Kriegsjahre; 1918 die schwierigen Friedensverhandlungen. Danach dann der Vertrag von Versailles, die zahlreichen Unruhen und Attentate in Deutschland, die Finanzkrise.

Revolutionen sollten an ihren Ergebnissen gemessen werden, führt Robert Gerwarth im Gespräch aus. Das Hauptziel der Novemberrevolution, den Krieg zu beenden, sei erfüllt worden. Dazu kämen Errungenschaften wie die Einführung einer parlamentarischen Demokratie, des Frauenwahlrechts und von Arbeitnehmerrechten.

Geschichte niemals von hinten betrachten

Die Grundregel für Historiker, Geschichte nicht von hinten zu lesen, werde gerade in Bezug auf die Weimarer Republik und die Novemberrevolution oft gebrochen. Beides werde oft als Vorgeschichte des Nationalsozialismus gewertet und nicht in Bezug auf Motivation und Erwartungen der Zeitzeugen.

Andere Revolutionen wie die französische oder die russische hätten in einen Bürgerkrieg gemündet und im Fall der Sowjetunion in eine Diktatur. Hier von Größe zu sprechen, finde er fragwürdig, meint Gerwarth.

Am 9. November 1918 habe es eine Revolution der Vernünftigen gegeben. Diese aus der Perspektive der Bundesrepublik als halbherzig oder gescheitert zu betrachten, finde er überheblich. Die Mehrheit der Deutschen habe keinen Umbruch nach russischem Vorbild gewollt. Und gemessen an den gewalttätigen Umbrüchen in anderen Teilen Europas seien die Unruhen zwischen Revolutionären und Konterrevolutionären in Deutschland, die weiter anhielten, die Putschversuche, Attentate und der Rechtsterror relativ überschaubar geblieben.

Im Jubiläumsjahr neben den Problemen auch die Erfolge sehen

Die Kriegsmüdigkeit der Deutschen bildet Robert Gerwarth anhand von vielen Zeitzeugenberichten und Tagebucheinträgen ab. Die Ereignisse rund um den 9. November selbst schildert er wie ein spannendes Geschichtsdrama. Man erfährt, wo was geschah, wer mit wem verhandelte; parallel die Friedensverhandlungen unter erschwerten Bedingungen.

Die Dynamik der Revolution wird durch diese Darstellung sehr deutlich: Die Befehlsverweigerung der Marine gegen ein Selbstmordkommando, die sich dann ausweitete zur Forderung nach Frieden, nach einem Ende der Monarchie, für Arbeiterrechte und ganz praktisch zu einer Selbstorganisation - die Soldatenräte, die nach sowjetischem Vorbild gebildet wurden. Und die Ausdehnung dieser Dynamik auf das ganze Reich.

Im Jubiläumsjahr plädiert Robert Gerwarth für eine weniger einseitige Betrachtung der Novemberrevolution. Die liberale Verfassung, die Anerkennung von Gewerkschaften als Tarifpartner und weitere Errungenschaften sollten stärker in den Fokus treten - neben allen Problemen, die die Weimarer Republik natürlich auch gehabt habe.

Robert Gerwarth: "Die größte alle Revolutionen. November 1918 und der Aufbruch in eine neue Zeit",
Siedler Verlag, 384 Seiten, 28,00 Euro.

Weitere Bücher zum Thema:

Joachim Käppner: "1918. Aufstand für die Freiheit. Die Revolution der Besonnenen",
Piper Verlag, 524 Seiten, 28,00 Euro.

Andreas Platthaus: "18/19. Der Krieg nach dem Krieg. Deutschland zwischen Revolution und Versailles", 
Rowohlt Berlin, 448 Seiten, 26,00 Euro.

Wolfgang Niess: Die Revolution von 1918/19. Der wahre Beginn unserer Demokratie,
Europa Verlag, 463 Seiten, 24,90 Euro.

Mark Jones: Am Anfang war Gewalt. Die deutsche Revolution 1918/19 und der Beginn der Weimarer Republik, Propyläen Verlag, 432 Seiten, 26,00 Euro.

Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich, Irina Renz (Hg.): "1918. Die Deutschen zwischen Weltkrieg und Revolution",
Ch. Links Verlag, 312 Seiten, 25,00 Euro. 

Michael Appel: Die letzte Nacht der Monarchie. Wie Revolution und Räterepublik in München Adolf Hitler hervorbrachten, dtv, 384 Seiten, 28,00 Euro.

Daniel Schönpflug: Kometenjahre. 1918: Die Welt im Aufbruch, S. Fischer, 320 Seiten, 20,00 Euro.

Lothar Machtan: Kaisersturz. Vom Scheitern im Herzen der Macht, wgb Theiss, 350 Seiten, 24,00 Euro.

Lars-Broder Keil, Sven Felix Kellerhoff: Lob der Revolution. Die Geburt der deutschen Demokratie, wbg Theiss, 288 Seiten, 24,00 Euro.

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