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StartseiteStreitkulturIst der Kapitalismus am Ende?05.05.2018

Robert Misik vs. Olaf GersemannIst der Kapitalismus am Ende?

Karl Marx ist wieder da, 200 Jahre nach seiner Geburt. Kein Wunder: Der Kapitalismus ist derzeit nicht in Höchstform - Finanzkrise, Staatsverschuldung, globale Ungleichheit. Ist der Kapitalismus am Ende? Und wenn ja: Was folgt dann?

Moderation: Benedikt Schulz

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Kleine Marx-Figuren in einer Installation von Ottmar Hörl in Trier (imago stock&people)
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Olaf Gersemann ist Leiter des Wirtschaftsressorts der "Welt"-Gruppe und Autor des Buches "Amerikanische Verhältnisse - die falsche Angst der Deutschen vor dem Cowboy-Kapitalismus".

Robert Misik ist ein österreichischer Journalist, der regelmäßig unter anderem für die "taz" tätig ist. Er ist Autor des Buches "Kaputtalismus - wird der Kapitalismus sterben und wenn ja, würde uns das glücklich machen?"

Statement Robert Misik:

Man hüte sich natürlich vor Zusammenbruchstheorien. Es gab eine ganze Reihe von Zusammenbruchstheorien in der Geschichte des Kapitalismus und das Ergebnis ist, die, die Zusammenbruchstheorien aufgestellt haben, sind tot und der Kapitalismus lebt immer noch, also insofern sollte man sich vor denen hüten. Man sollte sich aber auch vor dem Gegenteil hüten, nämlich dem gegenteiligen Determinismus. Der gegenteilige Determinismus ist, wer bisher überlebt hat, muss auch weiter überleben. Ich glaube, es gibt eine ganze Reihe an Indikatoren, dass diese Maschine nicht mehr so funktioniert, wie sie funktioniert hat in den vergangenen 150, 200 Jahren, seit Beginn des entwickelten industriellen Kapitalismus. Und es setzt sich auch in unseren Gesellschaften diese Haltung durch, irgendwas ist an dieser Maschine kaputt und die Eliten haben eigentlich keinen Plan, wie man das wieder flottbekommen kann. Das ist eine Haltung, die natürlich mit der Finanzkrise des Jahres 2008 sich begonnen hat zu verbreiten, damit auch eine Angst und eine Unsicherheit. Das hat natürlich auch politische Effekte. Aber die ökonomischen Effekte soll man auch nicht ganz vergessen, die eigentlich dazu geführt haben. Wir waren 2008 nur einen Wimperschlag von einem Zusammenbruch zumindest des Weltfinanzsystems entfernt, einer Art von Domino-Effekt, wo dann alles zusammengebrochen wäre, hätten nicht die Regierungen in einer konzertierten Aktion den Kapitalismus, die Finanzinstitutionen gerettet. Aber was die Ursache davon ist, diese intrinsischen Instabilitäten, die zunehmen, das sind niedriges Wachstum, verglichen mit der Geschichte des Kapitalismus, hohe Schuldenstände, und zwar nicht nur der Staaten, die Schuldenstände der privaten Haushalte, der Finanzinstitutionen, der Staaten selbst, all das sind mittlerweile astronomische Beträge.

Statement Olaf Gersemann:

Der Kapitalismus ist überhaupt nicht am Ende. Er ist nicht am Ende, er ist in Gefahr. Der Kapitalismus hat Milliarden Menschen aus der Armut geholt, er hat in den letzten 40 Jahren sogar mehr Menschen aus der Armut geführt als jemals zuvor. Er tut das weiterhin und er wird das weiterhin tun. Der Kapitalismus ist, soweit man das bisher weiß, auch das einzige Wirtschaftssystem, das dazu in der Lage ist. Kein anderes Wirtschaftssystem, das jemals ausprobiert worden ist, hat jemals zu nachhaltigem Wohlstand geführt. Das sind faktische Aussagen, hinzu kommen normative: Der Kapitalismus ist das einzige freiheitliche Wirtschaftssystem, das einzige, das den Menschen viel Freiraum lässt, ja, darauf aufgebaut ist. Alle anderen denkbaren Wirtschaftssysteme sind per Definition Spielarten einer Kommandowirtschaft, wird selten so gesagt, aber in Wirklichkeit ist das natürlich so. Heißt das, nur weil der Kapitalismus nach wie vor erfolgreich ist, zumindest, wenn man eine etwas längere Frist in den Blick nimmt, als nur die letzten fünf oder zehn Jahre, dass er nicht auch in Gefahr ist, nein. Ich würde mir große Sorgen machen, weil es dem Kapitalismus zum einen an Verteidigern fehlt, zum anderen, weil wir, glaube ich, langsam verlernen, was es bedeutet, wenn wir keinen Kapitalismus haben. Das realsozialistische Experiment ist jetzt auch mittlerweile eine Generation vorüber und die Erinnerung verblasst ein bisschen und das halte ich für gefährlich.

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