Archiv

Roberto Simanowski über das unvergessliche NetzArchivierungswut und überbordende Erinnerung

Moderne Medien archivieren distanzlos alles. Auch Unbedeutendes wird überliefert. Das verändert unser Erinnern, sagte der Medienwissenschaftler Roberto Simanowski im Dlf. Er plädiert für eine Handy-Diät.

Roberto Simanowski im Gespräch mit Doris Schäfer-Noske | 15.07.2018

Deutsche Schüler, die auf einer Klassenfahrt sind, fotografieren sich am 16.07.2013 auf dem Gendarmenmarkt im Bezirk Mitte in Berlin.
Alles fotografieren, nichts sehen (dpa / Wolfram Steinberg)
Der Mensch nehme Dinge heute nicht mehr wahr, die ihm wichtig sind, sondern registriere durch moderne Medien alles. Beim Einkaufsbummel etwa werde ein Eisbecher, der verzehrt wird, gleich fotografiert und auf Facebook gepostet. Dieses Foto wird einem nach Jahren von der Erinnerungsfunktion der sozialen Netzwerke noch präsentiert. Nicht weil es wichtig ist, sondern weil es gepostet wurde.
Unbedeutendes wird wichtig
Das könne man nicht mit der "Madeleine" vergleichen, jenem süßen Tee-Gebäck in Marcel Prousts Roman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" . Die Erinnerung an das Gebäck der Kindheit sei latent immer vorhanden gewesen. Es hat eine Bedeutung für den Erinnernden. Daher wird es lange memoriert. Der Eisbecher hingegen bekäme durch Likes und Klicks eine Bedeutung, die er nicht habe.
Das Foto als Beute verdränge insgesamt zunehmend das Erleben. Heute bestätige die Netzgemeinde, dass das Gesehene erinnernswert sei. Wichtiges und Unwichtiges wird nicht mehr durch Überlegung unterschieden.
Das digitale Archiv ist leidenschaftslos, passionslos. Das Gedächtnis hingegen ist emphatisch und erzeugt Bedeutungen.
Medienwissenschaftler Simanowski spricht sich für einen distanzvolleren Umgang mit sozialen Medien aus und empfiehlt eine Art Handy-Diät.