Samstag, 04. Dezember 2021

Roman über historischen Pockenausbruch"Verletzlichkeit, die zum menschlichen Leben dazugehört"

In Monschau brachen 1962 die Pocken aus. Über diese historischen Ereignisse hat Steffen Kopetzky in Corona-Zeiten einen Roman geschrieben. Die Pocken waren so etwas "wie das Corona der damaligen Zeit", sagte der Schriftsteller im Dlf. Zu Beginn des Ausbruchs wurden damals viele Fehler gemacht.

Steffen Kopetzky im Gespräch mit Michael Köhler | 05.04.2021

Schwarzweiß-Bild von Menschen, die sich durchsichtige Plastikumhänge über die Kleidung gezogen haben.
Angst vor den Pocken: Infizierte Menschen wurden damals in Quarantäne gebracht (picture-alliance / dpa / Roland Scheidemann)
Historischer Ausgangspunkt des Romans "Monschau" ist der Pockenausbruch in der Eifel im Jahr 1962. Beim Schreiben hat Steffen Kopetzky viele Parallelen zu unserer heutigen Zeit entdeckt: "Man kann schon sagen, dass die Pocken damals, in den 1950er- und 1960er-Jahren, durchaus so etwas waren wie eben die große Pandemie auf der Welt, so etwas wie das Corona der damaligen Zeit." Auch als die Pocken in Mitteleuropa durch Impfungen zurückgedrängt wurden, seien im globalen Süden immer noch viele Menschen daran erkrankt, so Kopetzky. Schätzungsweise seien allein im 20. Jahrhundert 300 Millionen Menschen an Pocken gestorben.
Historische Illustration einer Gruppe hustender Menschen, 1918.
Pandemien und kultureller Wandel
Im Mittelalter wütet in Europa die Pest, im 19. Jahrhundert sterben Hunderttausende Menschen an Cholera und in den 80er-Jahren versetzt Aids die Menschen in Panik. Epidemien sind Teil der Menschheitsgeschichte – im Negativen wie im Positiven.
Es wurden zu Beginn des Pockenausbruchs zahllose Fehler gemacht, erklärt Steffen Kopetzky. Man habe die Augen vor unangenehmen Wahrheiten verschlossen - erst habe man beispielsweise an Windpocken geglaubt - und dann habe die Bürokratie zugeschlagen. Kopetzky wollte aber keinen Katastrophenroman schreiben, sondern er hat sein Buch als eine Art Ritterroman angelegt: "Da ist diese kleine, geheimnisvolle Stadt hinter den sieben Bergen: Monschau. Da bricht ein Übel aus und es werden dann eben Ritter gerufen, um dieses Übel zu besiegen."

Deutschland im Wirtschaftswunder

Der griechische Arzt Nikolaos Spyridakis wird - quasi als einer der ersten Gastarbeiter - engagiert, die Pocken in der Eifel zu bekämpfen. Der Roman ist auch ein Zeitbild der jungen BRD - zwischen Wirtschaftswunder, nuklearer Aufrüstung und der Aufarbeitung des Nationalsozialismus. "Das war das Setting für einen Roman, der die Themen dieser Zeit aufgreift, eine Jugend zeigt, die ein anderes Europa möchte."

"Wir glauben, dass wir unangreifbar sind"

Die Verletzlichkeit gehöre zum menschlichen Leben dazu, führt Schriftsteller Kopetzky aus. Auch wenn wir uns mit dem Smartphone in der Hand heute mächtig fühlen, so sind wir doch "ganz normale Menschen, die einem Naturphänomen, wie es eben so eine Epidemie oder Pandemie darstellt, ausgesetzt sind".
Steffen Kopetzky: "Monschau"
Rowohlt-Verlag, Berlin, erschienen im März 2021, 352 Seiten