Donnerstag, 09. Dezember 2021

Ronya Othmann: "die verbrechen"Lyrische Kartografien einer jungen Frau

Ein Jahr nach ihrem Romandebüt „Die Sommer“ hat Nachwuchsautorin Ronya Othmanns ihr langerwartetes Lyrikdebüt vorgelegt. In „die verbrechen“ findet die 28-Jährige einen würdigen Weg, der Opfer von Bürgerkrieg und Terror zu gedenken - ein poetischer Coup von internationaler Größenordnung.

Von Alexandru Bulucz | 25.10.2021

Die Schriftstellerin Ronya Othmann und ihr erster Gedichtband: „die verbrechen“
Ronya Othmann ist eine junge Autorin der deutschen Gegenwartsliteratur und legt jetzt mit "die verbrechen" ihr Lyrikdebüt vor. (Cihan Cakmak)
Ronya Othmanns Gedichtband, "die verbrechen", liest sich ganz und gar nicht wie ein Lyrikdebüt. Ihre lyrischen Ichs stagnieren nicht auf der Selbstsuche, sondern adressieren häufig ein Gegenüber. Ihre strophenlosen Textmonolithen sind formal eher konservativ. Es überwiegt ein zugängliches Parlando.
Der Grund dieser Abgeklärtheit liegt in der Stoffsicherheit, die Othmann mitbringt und mit verschiedenen Genres bespielt: mit Kolumnen, mit Prosa und nun auch mit einer aufsehenerregenden Lyrik.

Eine Familiengeschichte, die zum Lebensthema wurde

Ihr stoffliches Interesse ist nicht zuletzt biografischer Natur. Der Vater der gebürtigen Münchnerin, die 1993 auf die Welt kam, ist ein heimatvertriebener kurdischer Jeside. Ihre Familie musste 2014 wegen des sogenannten "Islamischen Staats" aus Syrien fliehen. Sie selber sei oft dort gewesen und habe viele Erinnerungen an die besuchten Orte, sagte sie in einem Interview.
Othmanns Texte belegen über Gattungsgrenzen hinweg eine tiefschürfende Auseinandersetzung mit Vertreibung, Flucht und Heimweh, mit Repressionen und Massakern an Minderheiten weltweit. Aus ihrer Familiengeschichte hat sich, so scheint es, eine Art Lebensthema herausgebildet, an das sie genreunabhängig mit hohen ethischen Ansprüchen herangeht.
Kann eine Ethisierung von Ästhetik respektive eine Ästhetisierung von Ethik gut gehen? Wird Othmanns Lyrik über Nahost, über islamistischen Terror und über die beschädigten Einzelschicksale dem Ernst der Lage gerecht? Eines ihrer Gedichte trägt den Titel: "dies ist kein spiel".
Zur Methode ihrer kriminologischen Poetik heißt es an einer Stelle: "wer legt deinen weg zurück./ wer legt ihn dir aus." Es geht um Rückschauen auf zurückgelegte Entfernungen und um die Interpretation der Berichte der Zeugnisablegenden, taucht doch gegen Ende des Gedichtbands auch ein Aufnahmegerät auf. In der Wendung "einen Weg auslegen" aber liegt eine Doppeldeutigkeit: Um an die Schauplätze auch physisch zurückzukehren, bedürfte es eines Wiederaufbaus der zerstörten Infrastruktur. Am Beginn des Auslegens steht darum ein "Rückwärtslesen der Detonation":
"man muss die steine
rückwärts lesen. von der kuppel beginnend, sonnenförmig,
die strahlen. die kuppel aber landete, die kuppel ohne kuppelrumpf
und kuppelsitze aber landete nach der detonation
drei meter und zehn zentimeter weiter.
rechnet man den schutt, die steine zurück bis ins gebäude,
bekommt man einen tempel."
Einige Schauplätze werden genannt: Afrin, Mossul, Ninive. Es sind Städte, in denen in der jüngeren Vergangenheit vor allem Kurdinnen und Kurden Spielball der regionalen Konflikte waren.

Kartografierung und Protokollierung von Verlust und Trauer

Othmann rückt aber auch das ländliche Leben an den Peripherien in den Vordergrund: die Arbeitsabläufe, den Pflanzenreichtum, die Baumbestände, die Haus- und Nutztiere. Das Gedicht "du zeichnest die karte deiner verluste" korrespondiert mit dem Gedicht "du zeichnest die karte der dörfer in eine landschaft aus staub". Stets mündet das angerissene Herkunftsmärchen in katastrophaler Unwirtlichkeit, mit "brennenden Bäumen", mit verbrannter Erde also.
"als ob wir von
nichts wüssten, als ob wir nicht wüssten, ist die landschaft trotz
alledem ein protokoll. und der himmel immer eine lüge,
unversehrt blau. so viel dazu."
Die Kartografierung und die Protokollierung von Verlust und Trauer – das ist Othmanns poetisches Unterfangen. Dass ihre zum Teil dokumentarische Dichtung über die Vertreibung und die Kriegserfahrung der eigenen Familie und so vieler anderer nicht nur elegisch, sondern bisweilen geradezu anklagend ist, überrascht nicht. Am Ende gilt es, wenigstens das Andenken an die zertrümmerten Biografien und Gemeinschaften zu bewahren:
"du liest listen, liest wieder die listen wie nummern, liest in
den listen die nummern, sie setzen sich fort bis in den januar. im
märz haben sie schon neue gräber gefunden. dein name
stand da, nur war es ein anderer."

Internationale Dichtungen und globale Konfliktlösungen

Woran man vielleicht doch noch merkt, dass der Gedichtband "die verbrechen" ein Lyrikdebüt ist, ist eine gewisse Tendenz der Dichterin, sich in einigen ihrer Gedichte zu sehr mit jenen zu identifizieren, die Repressionen erlebt haben. Eine stärkere Herausarbeitung der Unterschiede zwischen den Primärerfahrungen von Gewalt und ihrer transgenerationalen Weitergabe hätte dieser Tendenz entgegengewirkt.
Und Vokabeln wie "schmerz", "trauer", "weinen" hätte es eigentlich gar nicht in Othmanns Gedichten gebraucht. Denn auch ohne sie würde man die Empathie wahrnehmen, die aus ihnen spricht. Die zusätzliche Benennung zeugt von einem Mangel an Vertrauen in die zweifellos vorhandene Performativität der eigenen Gedichte.
Mit "die verbrechen" hat Ronya Othmann einen poetischen Coup von internationaler Größenordnung gelandet. Mir fallen momentan nur zwei Lyrikerinnen ein, mit denen sie sich vergleichen lassen kann aufgrund der verwandten Themen und der fantastischen Art und Weise, sie zu verarbeiten: die belarussisch-amerikanische Lyrikerin Valzhyna Mort und die iranisch-schwedische Lyrikerin Athena Farrokhzad. Man vergleiche "die verbrechen" mit "Musik für die Toten und Auferstandenen" respektive "Bleiweiß".
Möge der Gedichtband in viele Sprachen übersetzt werden. Denn die Lösung der Probleme, die Othmann darin anspricht, ist nur global zu haben.
Ronya Othmann: "die verbrechen". Gedichte.
Hanser Verlag, München
112 Seiten, 20 Euro.