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StartseiteMusikjournalMarkenzeichen schon im Frühwerk19.08.2019

Rossini Festival in PesaroMarkenzeichen schon im Frühwerk

Drei seltene Rossini-Werke standen beim Rossini Opera Festival in Pesaro auf dem Plan: Zwei frühe Opern von Rossini und die späte "Semiramide". Insbesondere aus den zwei Frühwerke blitzt bereits das musikalische Genie des Komponisten deutlich hervor.

Von Elisabeth Richter

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Musik: Rossini, Demetrio e Polibio

"Es gibt schon hier eine Struktur, die sich auch in den späteren Opern immer wieder findet. Die Struktur von "La Cenerentola" ist der von "Demetrio e *Polibio" sehr ähnlich." Der Dirigent Paolo Arrivabeni kann sich nicht genug für Rossinis erste Oper "Demetrio e Polibio" begeistern. Der Komponist hat sie vermutlich mit nur 15 Jahren geschrieben.

Musik: Rossini: Demetrio e Polibio

"Natürlich ist die Musik in "La Cenerentola" musikalisch elaborierter und interessanter. Dennoch, schon in "Demetrio und Polibio" benutzt Rossini stilistische Elemente, die er auch noch später in Meisterwerken wie *"Semiramide" oder "Wilhelm Tell" einsetzt: Zum Beispiel gibt es das sogenannte "Rossini-Crescendo" schon in "Demetrio und Polibio": Rossini hat es erfunden, es ist sein Markenzeichen."

Musik: Rossini, Demetrio e Polibio (Rossini-Crescendo)

"Demetrio e Polibio" ist ein "Vier-Personen-Stück" mit vier charakteristischen Rollen: Polibio ein Bass, Demetrio ein Tenor, Siveno ein Mezzo als Hosenrolle, und Lisinga ein hochvirtuoser Koloratursopran.

Der Syrer-König Demetrio und der Parther-König Polibio waren einst verfeindet. In Kriegswirren verschwand Demetrios Sohn Siveno und wuchs als Ziehsohn Polibios auf. Über seine Herkunft weiß niemand etwas, auch er selbst nicht. Siveno soll einmal Nachfolger Polibios werden, er liebt dessen Tochter Lisinga. Doch der eigentliche Vater Demetrio erscheint als angeblicher Gesandter Eumene des syrischen Königs und fordert Siveno zurück. Am Ende löst sich alle Verwirrung, Parther und Syrer schließen Frieden und das junge Paar darf heiraten.

Musik: Rossini: Demetrio e Polibio

Mit etwas forcierter Virtuosität riss die Sopranistin Jessica Pratt in der enorm schwierigen Partie der Lisinga das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin, manchen sagte der scharfe Klang ihrer Stimme weniger zu. Die Sensibilität und Behutsamkeit, mit der Dirigent Paolo Arrivabeni bei dieser deutlich von Mozart oder Cimarosa inspirierten Musik die Filarmonia Gioachino Rossini leitete, berührte ebenfalls stark.

Musik: Rossini "Semiramide"

Dem nur etwa zweistündigen "dramma serio" "Demetrio e Polibio" stand als Monumentalwerk in diesem Jahr beim Rossini Opera Festival "Semiramide" gegenüber, mit mehr als vier Stunden Musik eine der längsten Opern Rossinis. Am Pult des Orchestra Sinfoncia della RAI Michele Mariotti.

"Semiramide ist Rossinis belcantistisches Hauptwerk. In dieser Oper fokussiert sich ein Vorher und ein Nachher, und zwar ganz allgemein im Universum des (musikalischen) "melodramma". Semiramide ist wie eine Kathedrale, ein Panorama dessen, was eine Belcanto-Oper nur bieten kann: Ein Triumph! Hier wird die Basis für eine Zukunft gelegt, die Rossini zwar sehr wohl kannte, mit der er sich aber nicht verbinden wollte."

Bekanntlich komponierte Rossini nach "Guillaume Tell" keine Opern mehr. "Semiramide" von 1823 ist seine letzte italienische Oper, danach schrieb er nur noch französische Werke. Die Geschichte dreht sich um die assyrische Königin Semiramis, die einst gemeinsam mit ihrem Verehrer Assur ihren Gatten tötete. Für ihren Sohn Ninia eine traumatische Erfahrung, er wächst unter dem Namen Arsace in der Fremde auf und ahnt nur seine wahre Herkunft, von der er erst als Erwachsener erfährt. Stilistisch retrospektiv sind die zahlreichen bekannten Rossini-Koloraturen, visionär ist manche Instrumentierung, die bereits Bellini oder Verdi vorausnehmen.

Musik: Rossini, Semiramide

Die Stärken der "Semiramide"-Produktion in Pesaro lagen vor allem im Musikalischen, dem punktgenau balancierten Dirigat von Michele Mariotti und den hervorragend besetzten Gesangspartien.

Der britische Regisseur Graham Vick erzählte die Geschichte klar und vor allem mit der Musik, allerdings wirkte seine Psychologisierung mit Rückblenden in die Kindheit des Arsace ein wenig halbherzig. Die biedere Ästhetik in verwässerten grün-blauen Farben, mit einem mahnenden Riesenportrait des alten Königs im Hintergrund quittierte das Publikum mit deutlichen Buhs.

Musik: Rossini, "L'Equivoco stravagante" 

Vergnügen bereitete dagegen die dritte Produktion in Pesaro: "L'Equivoco stravagante", ebenfalls eine frühe Oper Rossinis von 1811. In "Das bizarre Missverständnis" rivalisieren zwei Männer um eine junge Frau, die sich der Philosophie verschrieben hat. Ihr Vater will sie gewinnbringend verheiraten. Zwei Diener helfen dem einen Bewerber mit der Lüge, dass Ernestina eigentlich der Kastrat Ernesto sei, der dem Militärdienst entgehen will. Natürlich fliegt das "bizarre Missverständnis" auf. Für Rossini war die turbulente Geschichte Anlass zu einer unglaublich spritzigen und intelligenten Musik.

Musi:, Rossini, "L'Equivoco stravagante"

"Rossini beschreibt die Persönlichkeiten. Gamberotto, der Vater und Buralicchio, der eine Brautwerber, sind Neureiche, die mit ihrem Geld prahlen. Wenn sie sich vorstellen, bringt Rossini pompöse Fanfaren in den Hörnern. Üblicherweise sind diese Instrumente mit militärischen Eigenschaften konnotiert, aber hier ist klar, dass Rossini sich über diese beiden Angeber musikalisch durch den Orchesterklang lustig macht."

Der Dirigent Carlo Rizzi am Pult des Orchestra Sinfonica della RAI kristallisierte die vielen Feinheiten dieser staunenswerten Partitur des nur 19-jährigen Rossini ausgesprochen subtil heraus. Schon hier zeigt sich, dass Rossini ähnlich wie Mozart, in wenigen Akkorden durch Harmoniewechsel etwa Stimmungen unmittelbar packend beschreiben kann.

Musik: Rossini, "L'Equivoco stravagante"

Auch in seiner 40. Festival-Ausgabe blieb das Rossini-Festival in Pesaro seinem hohen Qualitätsstandard treu. Gerade die Gegenüberstellung der beiden frühen Opern mit der reifen Semiramide war ungeheuer spannend und zeigte, dass das Genie Rossinis schon in jungen Jahren zum Tragen kam.

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