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StartseiteKultur heuteRudolf Steiners Judenfeindlichkeit01.12.2007

Rudolf Steiners Judenfeindlichkeit

Aus der Gesamtausgabe des Anthroposophen wird ein Band zurückgezogen

Rudolf Steiner ist ein Denker zu Beginn des letzten Jahrhunderts gewesen, der in Nachschlagewerken gern rasch Esoteriker genannt wird. In den frühen Schriften Steiners vor 1900 gibt es durchaus rassistische Stellen. Als 23-Jähriger schrieb er darüber hinaus antisemitischen Unsinn und finanzierte verschwörungstheoretische Schriften, die den Juden die Kriegsschuld gaben, mit. Nun nimmt die Rudolf-Steiner-Nachlassverwaltung einen Band der Gesamtausgabe vom Markt. Ein Gespräch mit dem Präsidenten Cornelius Bohlen.

Moderation: Michael Köhler

Der Gründer der Waldorf-Pädagogik in der Diskussion. (AP)
Der Gründer der Waldorf-Pädagogik in der Diskussion. (AP)

Michael Köhler: Ich habe Cornelius Bohlen, den Präsidenten der schweizerischen Rudolf-Steiner-Nachlassverwaltung gefragt, Sie ziehen einen Band der Gesamtausgabe zurück, welcher ist es und warum tun sie es?

Cornelius Bohlen: Ja, das sind Vorgänge, die eigentlich voneinander unterschieden werden müssen. Es hat jetzt ein großes Medienecho gegeben aufgrund der Strafanzeigen, die sich selber ja nur an das Verfahren bei der Bundesprüfstelle für Jugendschutz angeschlossen haben. Wir selbst bei der Rudolf-Steiner-Nachlassverwaltung haben längst vor diesen Strafanzeigen und vor dem Verfahren bei der Bundesprüfstelle bereits beschlossen, aufgrund der Empfehlungen der niederländischen Untersuchungskommission aus dem Jahre 1998/2000, dass wir bei Neuauflagen kritische Stellen zu den Rassen im Werk von Rudolf Steiner mit Kommentaren und Hinweisen und Erläuterungen versehen. Und wir wollten jetzt einfach dem Nachdruck verleihen, dass wir diese Kommentare machen, nachdem eine so große öffentliche Diskussion entbrannt ist über die Bände, die in Bonn verhandelt wurden, und der Band der Gesamtausgabe 32, also gesammelte Aufsätze zur Literatur, 1884 bis 1902, und haben die drei Bände von der Auslieferung zurückgezogen, weil wir die nicht einfach im Raum stehen lassen möchten, sondern die Kommentare realisieren möchten.

Köhler: Fehlt es an Aufarbeitung dieser Seite des Begründers der Anthroposophie und auch der Theosophie, denn die theosophischen Einflüsse sind es ja oft gewesen, die antisemitischer Natur waren? Kurzum: Fehlt es an Aufarbeitung dieser geschichtlichen Seite innerhalb der anthroposophischen Bewegung, oder sehen Sie das anders?

Bohlen: Ich denke, dass es tatsächlich Aufarbeitung zum Beispiel der Gedanken und Vorstellungen über Rassen und Kulturen von Rudolf Steiner teilweise fehlt, und zwar aus einem Grund auch, weil Anthroposophen sich häufig gar nicht so stark dafür interessiert haben. Ich kenne die entsprechende Sekundärliteratur, Literatur bei den Anthroposophen. Diese Zitate, auch dieses Zitat über das Judentum hat in der Anthroposophie überhaupt gar keine Rolle spielt, dass sich irgendjemand darauf beruft. Das ist eigentlich nur in der heutigen Diskussion, dass das von Kritikern aufgeworfen und teilweise auch manipulativ benutzt wird, um gegen ihr Feindbild Rudolf Steiner vorzugehen, dass das eine so große Bedeutung zu gewinnen scheint. Und während Steiner ja eindeutig sich gegen den Antisemitismus und auch gegen den Rassismus erklärt hat ...

Köhler: Wo tut er das bitte? Haben Sie die Stellen zufällig parat?

Bohlen: Ja, das gibt eine bekannte Stelle oder aus dem Jahre nach dem Ersten Weltkrieg Rassenideale sind der Niedergang der Menschheit, also wo eine ganz eindeutige Aussage vorliegt. Aber es gibt viele ähnliche Aussagen, auch schon in seinem Frühwerk, in seinem philosophischen Frühwerk, weil er ein ausgesprochener Individualist war.

Köhler: Ja.

Bohlen: ... der auch in die Nähe zu den Anarchisten gerückt wurde ...

Köhler: Zu Max Stürmer stand da ...

Bohlen: ... am Anfang und sich ganz stark eigentlich an das menschliche Einzelindividuum gewendet hat, unabhängig von der Zuordnung des Individuums zu Gattung, Geschlecht, Kulturen, Rasse, Stand und so weiter. Da hat er einen ganz hoch individualistischen, liberalen Zug. Es gibt ja, und das ist ja der Stein des Anstoßes sozusagen, außer, dass Rudolf Steiner sich selber stark abgesetzt hat von rassistischen Strömungen, hat er eben inhaltliche Vorstellungen über Kulturen überhaupt, und auch über den Westen und den Osten, über Nationalkulturen, über Völker, aber auch über Rassen mit sehr deutlichen Charakteristiken geäußert.

Köhler: Aber Band 32 wird also nächstes Jahr kommentiert erscheinen? Ist das richtig so?

Bohlen: Ja, das ist so. Diese drei Bände, die haben wir eben als Zeichen zurückgezogen, dass wir da jetzt mal sofort mit den Kommentaren beginnen, und in anderen Bänden wird das bald in entsprechenden Neuauflagen geschehen.

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