Sonntag, 29. Mai 2022

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Rücktritt von Carsten Rentzing
Die Grenze zwischen konservativ und extrem rechts

Die sächsische Landeskirche hat das Rücktrittsgesuch von Bischof Carsten Rentzing angenommen. Nun will sie die Bergpredigt zum Prüfstein machen, um klar sagen zu können, was noch christlich-wertkonservativ und was zu weit rechts ist. Die Anhänger Rentzings fordern seinen Verbleib im Amt.

Von Bastian Brandau | 22.10.2019

Der sächsische Landesbischof Carsten Rentzing in der barocken Dresdner Frauenkirche bei einem Festgottesdienst zum zehnjährigen Wiederaufbau.
Der sächsische Landesbischof Carsten Rentzing wird zum 31. Oktober aus seinem Amt scheiden (imago / Matthias Rietschel)
"Wir haben also nach langer und intensiver Beratung beschlossen, dass Einvernehmen herzustellen mit dem Wunsch des Landesbischofs Dr. Carsten Rentzing aus dem Amt scheiden zu wollen.", sagt Otto Guse, Präsident der Landessynode der evangelischen Landeskirche Sachsen, dass diese auf ihrer Sitzung das Rücktrittsgesuch des Landesbischofs Carsten Rentzing annimmt.
"Elitär, in Teilen nationalistisch und demokratiefeindlich"
Rentzing hatte seine Mitgliedschaft in einer pflichtschlagenden Verbindung verschwiegen, ebenso einen Vortrag in einer der Neuen Rechten zuzuordnenden Vereinigung. Gemeinsam mit deren Leiter, so war vor knapp zwei Wochen bekannt geworden, hatte er außerdem zu Studienzeiten Texte verfasst, die die Kirchenleitung als "elitär, in Teilen nationalistisch und demokratiefeindlich" einstuft. Rentzing befindet sich derzeit im Urlaub, wird noch bis Ende des Monats im Amt bleiben. Ein Nachfolger - oder eine Nachfolgerin - soll Anfang März gewählt werden.
Abgrenzung nach rechts
In einer erweiterten Präsidiumssitzung will man sich nun mit den inhaltlichen Fragen auseinandersetzen, die nicht nur Rentzings Wirken in extrem rechten Kreisen, sondern auch der aus liberalen Kreisen kritisierte Umgang mit der in Sachsen starken AfD hervorbringt.
Der Synodalpräsident der 27. Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, Otto Guse, eröffnet am 11.11.2016 in der Dreikönigskirche in Dresden (Sachsen) die Synode der Landeskirche. Die Landessynode stellt die Vertretung aller Kirchgemeinden der Landeskirche dar. Foto: Arno Burgi/dpa-Zentralbild/dpa | Verwendung weltweit
Otto Guse, Präsident der Landessynode der evangelischen Landeskirche Sachsen (dpa-Zentralbild / dpa / Arno Burgi)
Otto Guse: "Wie gehen wir eigentlich mit der Frage um, was ist Rechtsextremismus und was ist ein wertkonservativer Christ? Wir wollen festlegen oder uns darüber beraten, inwieweit die Bergpredigt zum Beispiel als Prüfstein genutzt werden kann um zum Beispiel zu sagen: Lieber Bruder, schau dir die Bergpredigt an, wenn du danach lebst, dann bist du ein wertekonservativer Christ, wenn du das nicht tust, dann bist du für uns ein Heide oder Zöllner. Das heißt, wir werden uns tatsächlich mal damit beschäftigen müssen, dass wir hier klare Abgrenzungen schaffen. Das ist bisher nicht gewesen und das ist ein Teil des Problems."
Prüfstein: Evangelium
Soll heißen: In Sachsen, dem Bundesland, in dem der NSU jahrelang Unterschlupf fand, in dem erst die NPD und nun die AFD extrem Rechte Positionen im Landtag vertritt, hat die evangelische Landeskirche nach eigenem Bekunden den klaren Umgang mit dem Rechtsextremismus vernachlässigt. Das soll nun nachgeholt werden. Hans-Peter Vollbach, Präsident des sächsischen Landeskirchenamtes:
"Die Landeskirche hat sich in der Vergangenheit gegen Rechtsextremismus und Extremismus in jeder Form gewandt, auch gegen Radikalismus, die Landeskirche vertritt ein christliches Weltbild und die Frage wird sein, an einzelnen Positionen, an einzelnen Formulieren abzuprüfen, ob das dem Evangelium entspricht oder nicht."
Anhänger des Bischofs protestieren
Darüber streiten in der sächsischen Landeskirche linke und liberale Christen mit konservativ-reaktionären, die oft mit der AFD sympathisieren. Anhänger des scheidenden Bischofs waren auch an diesem Abend zahlreich vor dem Gebäude der Landeskirche erschienen, machten sich akustisch bemerkbar. Wie mit ihren Forderungen nach einem Bleiben des Bischofs umgehen? Noch einmal Otto Guse, Präsident der Landessynode:
"Ich werde denen sagen, was ich auch schon im Gottesdienst gesagt habe: Ich muss das Wort eines Landesbischofs respektieren. Wenn er sagt, er sehe nur eine Möglichkeit, die Einheit der Landeskirche wiederherzustellen, indem ich mein Amt zur Verfügung stelle, dann kann ich nicht ihn zwingen, gegen seinen Willen Landesbischof zu sein, sagen wir es mal so."
Neue Aufgabe noch unklar
Über eine andere Aufgabe für Rentzing in der Evangelischen Landeskirche werde man gemeinsam mit ihm nach seiner Rückkehr aus dem Urlaub beraten. Denn, auch das unterstrichen die Vertreter der Kirchenleiter zum Rücktritt - der sei aus ihrer Sicht nicht zwingend gewesen, wenn Rentzing offen mit seiner Vergangenheit umgegangen wäre und sich frühzeitig distanziert hätte. Otto Guse:
"Ideal wäre ja gewesen, wenn man das vor der Landesbischofswahl gewusst hätte. Und die eigentliche Frage ist ja: Wäre er Landesbischof, wenn er das vorher gesagt hätte? Und da wage ich mal die Behauptung: nein."