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StartseiteKultur heuteÄrger wegen Einladung von Achille Mbembe15.04.2020

Ruhrtriennale und BDSÄrger wegen Einladung von Achille Mbembe

Zu Beginn der Ruhrtriennale-Intendanz von Stefanie Carp gab es Proteste: Die Band Young Fathers sympathisierte mit dem BDS. Derselbe Vorwurf trifft nun den kenianischen Historiker und Politologen Achille Mbembe, der die Eröffnungsrede 2020 halten wird. Ist diese neue Debatte nur aufgeblasen?

Von Stefan Keim

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Der Schriftsteller Achille Mbembe 2015 in der Ludwig-Maximilians-Universität in München (dpa / picture alliance / Matthias Balk)
Der Historiker und Politologe Achille Mbembe gilt als führender Denker des Postkolonialismus (dpa / picture alliance / Matthias Balk)
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Wie teilen wir die Welt? Das ist die große Frage, mit der sich Achille Mbembe beschäftigt. Auch in einer Rede, die er vor knapp einem Jahr an der Universität zu Köln hielt: "Many are wondering how we should inhabit it differently or anew and share it as equitably as possible among its inhabitants, humans and non-humans."

Es geht Mbembe um eine neue Weltordnung. Er kritisiert die große Machtkonzentration der global agierenden Firmen und dass europäische Staaten in diktatorisch geführten Ländern Lager finanzieren, um die Migration aus Afrika zu unterbinden. Mbembe lehrt an der Universität Witwatersrand in Johannesburg, in der viele Gegner der Apartheid studiert haben. Er verlangt, direkt in die afrikanische Infrastruktur zu investieren, in die Wasserversorgung und die Verkehrswege, damit sich die Menschen in ihrer Heimat ein besseres Leben aufbauen können und nicht fliehen müssen.

"That is how the future will be brought back. And no African will leave or end in a place where they know nobody, where nobody is waiting for them and where they are not welcome."

Mbembe verweist darauf, dass diese Strategie nicht nur gut für Afrika wäre. Sondern auch für Europa, das sich auf Dauer mit noch so hohen Grenzmauern nicht wehren könne. Schließlich wachse die afrikanische Bevölkerung sehr schnell.

Plädoyer für eine gerechte Verteilung der Ressourcen

Die einzige Möglichkeit gegen die Armutsmigration, sagt Mbembe, wäre ein neuer Völkermord. Mbembe stellt sein Publikum vor zwei Alternativen: Die eine wäre die zynische Unterstützung einer Politik, die einen neuen Genozid in Kauf nimmt, die andere eine internationale Zusammenarbeit, um die Ressourcen des Planeten gerecht zu verteilen.

"The choice it seems to me now is clear: It is between cynically embracing the full consequences of a creeping para genocidal policy or imagining together different ways of reorganizing the world."

Mit seinen Thesen passt Achille Mbembe ideal zum Programm der Ruhrtriennale, die sich in der dreijährigen Intendanz von Stefanie Carp mit den Folgen des Kolonialismus und Ideen für die zukünftige Gestaltung der Welt beschäftigt. Dass Mbembe die Eröffnungsrede zu Carps letztem Programm hält, erscheint also logisch. Nun geht es aber nicht um die Inhalte, die der Historiker und Politikwissenschaftler vertritt, sondern um seine Person. Mbembe soll die israelkritische Bewegung BDS unterstützt haben, indem er vor zehn Jahren eine Petition unterschrieben hat. Darin wurde die Universität von Johannesburg – also nicht die Hochschule, an der Mbembe lehrt – aufgefordert, die Zusammenarbeit mit der Ben Gurion-Universität in Israel abzubrechen. Auf Nachfrage erklärte Achille Mbembe, er habe keine Verbindung zum BDS und gehöre keiner Interessengruppe oder Organisation an.

Die Personen hinter dem BDS-Streit in NRW

Vor zwei Jahren hatte sich auch die Band Young Fathers, die bei der Ruhrtriennale auftreten sollte, vom BDS klar distanziert. Das kühlte die Debatte aber nicht ab. Das scheint auch jetzt der Fall zu sein. Die Leute, die sich damals an Stefanie Carp festgebissen hatten, schärfen nun wieder die Zähne. Das sind vor allem der kulturpolitische Sprecher der FDP im NRW-Landtag, Lorenz Deutsch, und der Journalist Stefan Laurin vom Internetportal Ruhrbarone.

Der Landtag hatte 2018 beschlossen, dass "Einrichtungen des Landes der BDS-Kampagne keine Räume zur Verfügung stellen dürfen". Die Ruhrtriennale wird zu einem großen Teil vom Land finanziert. Viele sehen nun in der Einladung Mbembes eine Provokation Stefanie Carps, darunter der Bochumer Oberbürgermeister Thomas Eiskirch und der kulturpolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion. Stefanie Carp hingegen hält daran fest, dass Achille Mbembe die Festivalrede halten wird. Sie verweist nicht nur auf seine viel diskutierten Bücher und Auszeichnungen, sondern auch auf eine Rede, die Mbembe vor einem Jahr im Düsseldorfer Schauspielhaus gehalten hat. Das wird übrigens auch zur Hälfte vom Land NRW getragen. Damals hat nur niemand so genau nachgeschaut.

Diffamierungskampagne gegen Carp und Mbembe?

Es scheint also klar, dass es nicht um die Person Achille Mbembe geht, sondern um den vor zwei Jahren ausgebrochenen und schon damals völlig übersteigerten Kleinkrieg zwischen Stefanie Carp und Teilen der Landespolitik. Schaden nehmen dabei alle: die Ruhrtriennale, das Land und vielleicht auch Mbembe, der die Proteste gegen ihn eine dumme und rassistische Diffamierungskampagne nennt.

Ein zweiter Vorwurf gegen ihn lautet, er habe den Holocaust verharmlost. Weil er in einem Aufsatz Israel als einen schlimmeren Apartheidstaat als Südafrika bezeichnet hat. Dazu hat sich Mbembe bisher nicht geäußert. Stefanie Carp liest den fraglichen Aufsatz übrigens völlig anders. So ist die Ruhrtriennale, die Mitte August beginnen soll, nicht nur vom Coronavirus bedroht, sondern auch von einer ziemlich aufgeblasen wirkenden Debatte.

BDS ist die Abkürzung von "Boycott, Divestment and Sanctions", übersetzt: Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen, und steht für eine politische Kampagne, die den Staat Israel wirtschaftlich, kulturell und politisch isolieren will, um ihn zur Durchsetzung ihrer Ziele zu zwingen. Dazu zählen vor allem das Rückkehrrecht der palästinensischen Flüchtlinge und volle Bürgerrechte, wie sie die UN-Resolution 194 festgelegt hat. Viele Prominente und Künstler*innen unterstützen den BDS. Die Ziele der Kampagne werden von Antisemitismusforschern allerdings als antizionistisch bewertet, also gegen den jüdischen Staat gerichtet. Der Deutsche Bundestag verurteilte im Mai 2019 Boykottaufrufe gegen Israel und bewertete den BDS als antisemitisch.

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