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StartseiteForschung aktuellFeinstaubbelastung im Mutterkuchen18.09.2019

Ruß in der PlazentaFeinstaubbelastung im Mutterkuchen

Die Plazenta versorgt das Ungeborene im Mutterleib mit Sauerstoff und Nährstoffen. Es hält aber auch einige Schadstoffe davon ab, bis zum Embryo oder Fötus vorzudringen. Nun haben Forscher aus Belgien nachgewiesen, dass Rußpartikel über die Lunge der Mutter bis in die Plazenta vordringen können.

Christine Westerhaus

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Medizinische Illustration einer Fötusentwicklung in der neunten Woche (Imago / Stocktrek Images )
Ob Rußpartikel von der Plazenta aus auch in den Körper des Ungeborenen gelangen, ist noch nicht klar (Imago / Stocktrek Images )
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Als Schwangere in einer Großstadt zu leben hat zwar den Vorteil, dass es eine große Auswahl an Ärzten und Geburtskliniken gibt. Doch Tag für Tag atmen werdende Mütter dort die Abgase von vielen Autos und LKW ein. Tim Nawrot und seine Kollegen von der Hasselt Universität in Belgien wollten herausfinden, ob Rußpartikel aus den Abgasen auch in die Plazenta gelangen. Deshalb haben sie die Nachgeburt von zehn Müttern untersucht, die einer erhöhten Feinstaubbelastung ausgesetzt waren. Diese Daten haben sie mit zehn weiteren Frauen verglichen, die während der Schwangerschaft in weniger belasteten Regionen gelebt hatten. Dabei zeigte sich: Je höher die Feinstaubbelastung der Mutter, desto mehr Rußpartikel lagern sich in der Plazenta ab. Tim Nawrot:
 
"Das zeigt, dass die Rußpartikel nicht nur in die Lunge gelangen, sondern von dort auch über die Blutbahn in die Plazenta. Gleichzeitig haben wir in unseren Untersuchungen gesehen, dass die Zellen von Neugeborenen, die während der Entwicklung im Mutterleib höheren Konzentrationen von Rußpartikeln ausgesetzt waren, kürzere Telomere haben. Das sind Strukturen, die etwas über das Alter der Zellen aussagen. Tatsächlich sind die Zellen dieser Neugeborenen biologisch gesehen also älter."

Langzeitfolgen durch Rußbelastung bei Ungeborenen möglich

Die Länge der Telomere der Chromosomen, also der Erbsubstanz in den Zellen, ist ein Maß dafür, wie oft sich eine Zelle teilen kann. Studien haben gezeigt, dass verkürzte Telomere mit der Entstehung von Krebs in Zusammenhang stehen. Außerdem kann es auch den Verlauf der Schwangerschaft beeinträchtigen, wenn Mütter erhöhten Konzentrationen von Rußpartikeln ausgesetzt sind.

"Wir wissen, dass sich eine erhöhte Luftverschmutzung während der gesamten Schwangerschaft negativ auf die Gesundheit des Kindes auswirkt. Das Geburtsgewicht ist dann geringer und kürzlich hat eine US-Studie gezeigt, dass es auch öfter zu Fehlgeburten kommt. Die Schwangerschaft ist eine sehr empfindliche Phase im Leben, in der sich Organe, das Gehirn und das Blutkreislaufsystem entwickeln. Es kann also sein, dass es Folgen für das gesamte Leben hat, wenn Ungeborene während der Schwangerschaft Rußpartikeln ausgesetzt sind."

Forschungsergebnisse aber noch nicht bedenklich

Trotzdem: Für bedenklich halten die Forscher die Ergebnisse ihrer Untersuchung nicht. Denn bislang haben sie nur gezeigt, dass sich Rußpartikel in der Plazenta anreichern. Nicht aber, ob diese beim Ungeborenen Schäden hervorrufen. Und auch Ekkehard Schleußner, Direktor der Klinik für Geburtsmedizin am Uniklinikum Jena, macht sich vorerst keine Sorgen.

"Also ich würde nicht soweit gehen, dass ich es bedenklich finde. Denn erst muss festgehalten werden, dass die Autoren erstmals nachgewiesen haben, dass der Feinstaub, also diese Rußpartikel, wirklich aus der Lunge über die mütterliche Blutbahn bis in die Plazenta kommt und dort gespeichert werden und möglicherweise, das ist jetzt in dieser Veröffentlichung nicht gezeigt worden, auch in die kindliche, fetale Blutbahn übergeht. Welche Folgen das hat und ob man dann von einem bedenklichen Zustand sprechen muss, das kann jetzt aus den Ergebnissen noch nicht gesagt werden.

Wir wissen aber schon seit vielen Jahren, dass ein Zusammenhang besteht zwischen der Feinstaubbelastung von Schwangeren - und diese Rußpartikel sind ja Teil des Feinstaubes - und Veränderungen oder Komplikationen im Schwangerschaftsverlauf und beim Nachwuchs."

Weitere Studien erforderlich

Zunächst muss also gezeigt werden, dass die Rußpartikel von der Plazenta aus auch in den Körper des Ungeborenen gelangen. Mit ihrer Studie haben die belgischen Forscher nun die Voraussetzungen für solche Untersuchungen geschaffen.

"Ich denke, unsere Methode gibt uns nun die Möglichkeit, die Belastung von Schwangeren durch Rußpartikel genauer zu messen und die Folgen besser abzuschätzen. Wie groß ist die Luftverschmutzung, welchen Weg nehmen die Rußpartikel im Körper und in welchen Mengen reichern sie sich in den verschiedenen Organen an."

Ob die Rußpartikel tatsächlich für negative Langzeitfolgen verantwortlich sind, lässt sich allein anhand der neuen Studie noch nicht eindeutig sagen. Trotzdem spricht wohl einiges dafür, dass werdende Mütter die Belastung mit Feinstaub möglichst gering halten sollten.

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