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StartseiteEuropa heuteEntlassen, aber nicht frei28.11.2019

Russische Ex-HäftlingeEntlassen, aber nicht frei

Die "Besserungskolonien" genannten russischen Gefängnisse sollen auch die Resozialisierung der Häftlinge unterstützen. Doch diesem Anspruch wird der Strafvollzug häufig nicht gerecht. Sanja wurde nach 23 Jahren aus einem Lager entlassen und sucht noch immer seinen Platz in der Gesellschaft. 

Von Gesine Dornblüth

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Der russische Ex-Häftling Sanja steht mit einer Holzkette mit Kreuz in der Hand vor einer Kirche in Tutajew (Deutschlandradio/ Gesine Dornblüth)
Ex-Häftling Sanja sucht Halt in der Kirche (Deutschlandradio/ Gesine Dornblüth)
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Die Auferstehungskirche in Tutajew ist eine Touristenattraktion: 350 Jahre alt, das Innere über und über mit leuchtenden Fresken und Ikonen geschmückt. Ein einzelner Mann verharrt kniend im Gebet. Über dem T-Shirt trägt er eine Holzkette mit einem großen Kreuz. Er heißt Sanja und kommt jeden Tag hier her. Er bekreuzigt sich und steht auf. "Der Glaube gibt mir Trost und Hoffnung, dass nicht alles im Leben schlecht ist."

Sanja hat viel Schlechtes erlebt. Mit 18 wurde er verurteilt, 23 Jahre saß er in russischen Lagern. Jetzt ist er 42 und wohnt in einem Plattenbau.

"Ich habe das ganze Leben in Zellen gesessen"

Auf der Bank vor der Haustür teilen sich zwei Männer eine Flasche Schnaps. Sanja sperrt die Wohnungstür auf. Ein Zimmer mit einem Ausziehsofa, zwei Sesseln und einem kleinen Tisch. Über dem Küchenfenster trocknen Kräuter für Tee. Er hat sie selbst gesammelt. Zeit hat er im Überfluss.

"Ich habe mich beim Arbeitsamt arbeitssuchend gemeldet. Hier in der Stadt. Drei, vier Mal haben sie versucht, mir etwas zu vermitteln; hier in Tutajew, ich darf ja die Stadt nicht verlassen. Aber niemand nimmt mich. Alle fragen nach meinen Arbeitsnachweisen. Ich habe aber nie gearbeitet. Auch nicht im Gefängnis. Ich habe eigentlich das ganze Leben in Zellen gesessen. Und sofort heißt es: Das war‘s, wir haben doch keine freie Stelle. Tut uns leid."

Dieser Beitrag gehört zur fünfteiligen Reportagereihe Strafvollzug in Russland - "In der Zone bist du ein Stück Vieh".

Sanja ist nur unter Auflagen freigekommen: Drei Jahre lang muss er sich regelmäßig bei der Polizei in Tutajew melden. Und zwischen 22 Uhr abends und 6 Uhr morgens darf er seine Wohnung nicht verlassen.

"Die Stadt ist klein, wer braucht mich hier schon? Meine alten Bekannten sind inzwischen Unternehmer. Ich habe bei allen vorbeigeschaut. Alle haben gesagt: Oh, Sanja, schön, dich zu sehen, komm, wir trinken einen Tee oder einen Kaffee. Aber wenn es um Arbeit geht - keine Chance."

Viele Bescheinigungen, kein Beruf

Dabei hat er sogar mehrere Ausbildungsnachweise. Sanja holt eine Plastiktüte hervor und breitet den Inhalt auf dem Tisch aus.

"Vor meiner Entlassung haben sie mir alle möglichen Bescheinigungen ausgehändigt. Ich war doll erstaunt. Was bin ich noch gleich? Tischler. Und was noch? Monteur von Holzerzeugnissen. Und hier: Heizer."

Nichts davon habe er gelernt, beteuert Sanja. Dabei ist die Justizvollzugsbehörde angehalten, Häftlinge auszubilden. Sanja nimmt seine Holzkette mit dem Kreuz in die Hand, lässt die Kugeln durch die Finger gleiten.

"In meiner Jugend habe ich geboxt. Fünf Jahre. Ich bin auch bei Wettkämpfen angetreten. Jetzt hatte ich überlegt, Kinder zu trainieren. Es ist doch besser, sie lernen boxen, anstatt zu rauchen und zu saufen. Dann hieß es: Kinder? Dir anvertrauen? Wie viele Jahre hast du gesessen? Ich bin jetzt fünf Monate in Freiheit. Ich weiß absolut nicht, was ich machen soll."

Heirat in Haft

Sanjas größte Stütze ist seine Schwester. Sie ist Zahnärztin, in Russland ein schlecht bezahlter Beruf. Aber sie hat noch einmal ein Kind bekommen, von der Prämie die Einzimmerwohnung gekauft und sie ihrem Bruder zur Verfügung gestellt.

Und dann ist da noch Sanjas Frau. Er hat sie vor 15 Jahren über einen gemeinsamen Bekannten kennengelernt. Da saß er schon seit fast zehn Jahren hinter Gittern. Zunächst war es eine Brieffreundschaft. Um sich überhaupt einmal sehen zu können, haben sie geheiratet. Eheleute erhalten Besuchsrecht. Sie haben einen Sohn, der ist inzwischen elf. Das Verhältnis zu Frau und Sohn sei gut, sagt Sanja. Die beiden wohnen im Nachbarbezirk. Wegen der Auflagen darf er nicht zu ihnen ziehen. So kommen sie an den Wochenenden zu Besuch. Meist bringen sie Lebensmittel mit. 

"Mir ist das sehr unangenehm meiner Frau gegenüber. Sie hat so lange auf mich gewartet, hat gehofft, dass ich auf die Beine komme und ihr finanziell helfen kann. Jetzt ist es andersherum, jetzt bin ich ihr ein Klotz am Bein. Für meinen Sohn möchte ich weiter in Freiheit sein, ihm etwas geben. Aber was kann ich ihm geben, wenn sie mir solche Auflagen machen? Ich brauche eigentlich selber Hilfe."

Die ist nirgendwo in Sicht. So etwas wie Bewährungshelfer gibt es in Russland nicht.

"Hier gibt es viele Leute wie mich. Einige fangen an zu saufen, andere spritzen. Dafür brauchen sie Geld, brechen irgendwo ein, klauen hier Metall, dort, was sie sonst kriegen können. Die meisten sind ein, zwei Monate kurz mal in Freiheit, und dann landen sie wieder im Knast. Was soll man machen? Die Bedingungen sind so. Gott liebt die Geduldigen, heißt es. Aber wie lange meine Geduld reicht, weiß ich nicht."

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