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StartseiteCampus & KarriereZensur in der postsowjetischen Wissenschaft14.04.2018

Russische Forscher im deutschen ExilZensur in der postsowjetischen Wissenschaft

In der Wissenschaft Aserbaidschans und Russlands gibt es viele Tabus. "Du musst das System nicht unbedingt loben. Aber du darfst es nicht kritisieren", sagt Sergej Rumjanzew. Daher lebt und arbeitet er wie viele seiner Kolleginnen und Kollegen in Deutschland.

Von Gesine Dornblüth

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Blick auf den Fernsehturm und den Neptunbrunnen am Alexanderplatz in Berlin Mitte (imago / Jochen Tack)
Viele russische Forscher in Deutschland, so auch in Berlin (imago / Jochen Tack)
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Elena Stein sitzt in einem Dachgeschoss im Berliner Bezirk Mitte. Hier befindet sich das Zentrum für Unabhängige Sozialforschung, kurz CISR. Die Soziologin hat es vor drei Jahren gegründet, als Plattform für Wissenschaftler aus dem postsowjetischen Raum, deren Arbeit in ihren Heimatländern behindert wird. Elena Stein kommt aus St. Petersburg, hat dort an einem Institut mit demselben Namen gearbeitet. 2015 wurde das CISR in St. Petersburg zum "ausländischen Agenten" erklärt.

"Dieser Titel wirkt stigmatisierend, und damit verschließen sich den Mitarbeitern des CISR ganze Forschungsfelder. Man kann nicht mehr so einfach in Schulen forschen oder mit Beamten arbeiten. Denn die haben Angst vor "ausländischen Agenten"." 

In Russland sind ausländische Agenten Organisationen, die Geld aus dem Ausland erhalten und politisch tätig sind. Das wird von den russischen Behörden äusserst willkürlich angewandt. Das CISR St. Petersburg war eine der ersten wissenschaftlichen Institutionen, die es traf. Elena Stein hält engen Kontakt zu ihren früheren Kollegen und beobachtet bei ihnen Anzeichen von Selbstzensur.

"Du fragst dich nicht mehr, was du erforschen möchtest, sondern, was möglich ist. Kooperationen mit ukrainischen Kollegen sind sehr schwierig. Und mit dem Krieg in der Ostukraine wollen sich viele lieber gar nicht erst befassen."

Stadtentwicklung in postindustriellen osteuropäischen Städten

Von Berlin aus geht vieles besser. Die Mitarbeiter des hiesigen CISR forschen an der Schnittstelle zwischen angewandter Sozialforschung und bürgerschaftlichem Aktivismus, immer in Kooperation mit Wissenschaftlern in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Derzeit beschäftigen sie sich mit Stadtentwicklung in postindustriellen osteuropäischen Städten. Das Geld kommt aus Deutschland, unter anderem vom Auswärtigen Amt und von einer Unternehmensstiftung. 

In Russland seien bisher vor allem Gesellschaftswissenschaftler in Forschung und Lehre eingeschränkt, meint Elena Stein, und besonders Historiker, denn:

"Statt Geschichte zu erforschen, wird Geschichte umgeschrieben, gerade so, wie es das System erfordert."

Exemplarisch die Geschichte der "28 Panfilowzy", der 28 Rotarmisten, die - angeblich – im Zweiten Weltkrieg vor den Toren Moskaus mehr als ein Dutzend deutsche Panzer vernichteten und dann den Heldentod starben. Die Geschichte steht in russischen Schulbüchern. Der Chef des russischen Staatsarchivs entlarvte sie 2015 als Fälschung. Das brachte ihm einen Rüffel von Russlands Kulturminister Wladimir Medinskij ein. Dabei hatte bereits der sowjetische Militärstaatsanwalt 1948 die Propagandalegende von den 28 Soldaten widerlegt. Minister Medinskij aber schreibt in einem Buch, Fakten bedeuteten an sich nicht viel.

Sergej Rumjanzew kennt diese Entwicklungen in Russland und hat darauf seinen eigenen Blick. Auch er arbeitet am CISR in Berlin:

"Als Soziologe aus Aserbaidschan erscheint mir die Situation in Russland sehr gut. In Aserbaidschan gibt es viel mehr Tabus als in Russland."

Tabus und Zensur

In Aserbaidschan sind zum Beispiel neutrale Darstellungen des Konflikts mit dem Nachbarland Armenien und die Präsidentenfamilie tabu. Rumjanzew:

"Es gibt eine offiziellen Anordnung, derzufolge niemand in Aserbaidschan das Recht hat, eine Monographie über den ehemaligen Präsidenten oder über seinen Sohn, den heutigen Präsidenten, zu schreiben, ohne eine offizielle Genehmigung einzuholen."

Rumjanzew arbeitete bis 2014 an der Akademie der Wissenschaften in Aserbaidschans Hauptstadt Baku. Dann wurde er entlassen, offiziell wegen Stellenabbaus, er selbst meint, wegen seiner unabhängigen Haltung. Rumjanzew forscht zur aserbaidschanischen Diaspora. 

"Als Mitarbeiter der Akademie der Wissenschaften musste ich viele Dinge aus meinen Publikationen herausstreichen. Du musst das System nicht unbedingt loben. Aber du darfst es nicht kritisieren."

Rumjanzew würde seine Forschungen gern in seiner Heimat Aserbaidschan fortsetzen. In nächster Zeit ist das nicht realistisch.

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