Samstag, 18.09.2021
 
Seit 15:05 Uhr Corso - Kunst & Pop
StartseiteThemaWie die EU-Staaten mit Sputnik V umgehen12.04.2021

Russischer ImpfstoffWie die EU-Staaten mit Sputnik V umgehen

In der EU ist der russische Impfstoff Sputnik V noch nicht zugelassen. Die EU-Kommission hat bislang kein Interesse an einem gemeinsamen Kauf des Impfstoffes signalisiert. Einige EU-Mitgliedsländer bemühen sich deshalb eigenständig um Verhandlungen - und in Ungarn wird Sputnik sogar schon verimpft.

Eine Krankenschwester in Argentinien hält eine Spritze und die Verpackung des russischen Impfstoffs Sputnik V in die Kamera (picture alliance / dpa / ZUMAPRESS.com | Claudio Santisteban)
Mit Sputnik V wird bereits in über 50 Ländern weltweit geimpft, in Europa bislang in Ungarn (picture alliance / dpa / ZUMAPRESS.com | Claudio Santisteban)
Mehr zum Thema

Kommentar Söder beschert Putin einen unnötigen PR-Erfolg

Dossier Überblick zum Coronavirus

Coronavirus in Zahlen Überblick über die wichtigsten Entwicklungen

Bislang ist der russische Impfstoff Sputnik V in der EU nicht zugelassen. Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) überprüft derzeit die Sicherheit des Impfstoffes. Damit der Impfstoff im Fall der Zulassung schnell innerhalb der EU verimpft werden kann, müsste die EU bereits jetzt einen Vorvertrag schließen. Doch der russische Impfstoff Sputnik V soll nicht gemeinsam über die EU bestellt werden, wie es bei anderen Impfstoffen der Fall war. Deswegen strebt die Bundesregierung einen unabhängigen Kauf des Impfstoffes an. Am 9. April bestätigte sie Verhandlungen über den Kauf von Sputnik V. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) erklärte, man sei in Gesprächen über einen Vorvertrag. Er bekräftigte aber auch, dass ein Einsatz des Impfstoffs erst in Frage komme, wenn er die Zulassung der europäischen Arzneimittelbehörde EMA habe. Auch Bayern und Mecklenburg-Vorpommern verhandeln über den Kauf von Sputnik V.

Ampullen des Sputink-V-Impfstoffes liegen auf einem Tisch in Gaza, Palästina (picture alliance / dpa / ZUMAPRESS.com - Mahmoud Issa) (picture alliance / dpa / ZUMAPRESS.com - Mahmoud Issa)Nationale Alleingänge statt EU-weiter Bestellung
Die EMA hat Sputnik V noch nicht zugelassen. Einige EU-Mitgliedsstaaten haben eigenständig den russischen Impfstoff bestellt - mitunter mit politischen Folgen.

Wie begründet die EU ihre Entscheidung, Sputnik V nicht zu bestellen?

Der EU-Binnenmarktkommissar und Impfstoff-Beauftragte der EU-Kommission Thierry Breton hat begründet, warum die EU den russischen Impfstoff Sputnik V nicht für Europa bestellt. Für Breton stellt sich bei neuen Impfstoffen im Moment eine Frage: Können sie dazu beitragen, dass die EU ihr Impfziel für diesen Sommer erreicht – also rund 70 Prozent der erwachsenen Europäer zu impfen? Bretons Antwort im Fall Sputnik V lautet: nein. Das liegt daran, dass die europäische Arzneimittelbehörde EMA den Impfstoff erst freigeben muss und ihn momentan noch überprüft. Die Überprüfung kann noch dauern, denn dafür benötigt die EMA weitere Informationen aus Russland und muss auch dortige Produktionsstätten besichtigen, was Russland gerade verschoben hat. Breton geht davon aus, dass die EU von den bereits zugelassenen Impfstoffen schon so viele Dosen erhalten wird, dass auch ohne Sputnik V ausreichend geimpft werden kann.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Wie reagiert Russland?

Die russische Seite reagiert ziemlich dünnhäutig, wenn Zweifel an Sputnik V aufkommen. So hatte zum Beispiel die "Financial Times" berichtet, dass die EMA erst einmal prüfen müsse, ob die russischen Studien überhaupt internationalen Standards entsprechen. Der offizielle Sputnik-V-Twitter-Account bezeichnete diesen Bericht als Fake News.

Gleichzeitig greifen russischen Medien die EU an: Eine Pressemitteilung des russischen Auslandsgeheimdienstes wurde mit der Behauptung zitiert, dass EU-Bürokraten alles täten, um Sputnik V zu diskreditieren. Dafür wurde sogar der EMA-Chefin Emer Cooke in den Mund gelegt, sie wolle den russischen Impfstoff verbieten.

Es zeigt sich also, dass Sputnik V von einer ziemlich offensiven Medienkampagne begleitet wird. Das Credo der russischen Medien lautet: Es ist einer der besten Impfstoffe gegen das Coronavirus. Die landesweiten Impfungen in Russland hatten im Dezember 2020 begonnen, gehen aber relativ langsam voran.

Ein medizinischer Mitarbeiterin steht in der Tür einer mobilen COVID-19-Impfeinheit im Kaufhaus GUM. (imago / Tass / Alexander Shcherbak) (imago / Tass / Alexander Shcherbak)Zur Corona-Impfung ins Kaufhaus
In Russland ist das öffentliche Leben fast gar nicht mehr beschränkt. Längst kann sich jeder mit dem russischen Impfstoff Sputnik V impfen lassen. Das Paradoxe: Die Impfbereitschaft ist sehr, sehr niedrig.

Wie läuft es mit Sputnik V in anderen EU-Staaten?

Es gibt einige Länder oder auch Regionen, die eigenständig Sputnik V einsetzen wollen — mal mit, mal ohne Segen von Europas Arzneimittelbehörde. Madrid hat über den Kauf verhandelt. Die süditalienische Region Kampanien hat bestellt. Italien insgesamt will sich auch ohne EU-Koordination Sputnik V sichern. Österreich will eine Million Impfdosen kaufen.

Die Slowakei hat schon 200.000 Impfdosen erhalten, aber auch in diesem EU-Land gibt es Streit um Sputnik V. Dem slowakischen Ministerpräsidenten Igor Matovič wurde neben Fehlern im Corona-Krisenmanagement auch der hastige Ankauf des russischen Impfstoffs vorgeworfen, was zu seinem Rücktritt geführt hat. Matovič selbst, der noch Finanzminister ist, kritisierte negative Medienberichte auf Facebook als böswillige Verschwörung. Außerdem hat die slowakische Arzneimittelbehörde Sputnik V bislang nicht zugelassen. Denn sie hat andere Inhaltsstoffe gefunden als in den bisher von der EMA und dem Fachmagazin "The Lancet" untersuchten Proben. Russland fordert die Impfdosen zurück. Matovič ist nach Moskau gereist, um mit dem Chef des russischen Staatsfonds verhandeln, der Sputnik V vertreibt.

Mehrere Injektionsnadeln liegen in einem Halbkreis, das Foto ist künstlerisch verfremdet. (imago / Future Image) (imago / Future Image)Corona-Impfstoffe in der Übersicht 
Die EU-Behörde EMA hat bisher vier Corona-Impfstoffe zugelassen – von Biontech/Pfizer, Moderna, Astrazeneca und Johnson & Johnson. Wie sie wirken und welche Impfstoff-Kandidaten es noch gibt – ein Überblick.

In Tschechien ist am 7. April zum dritten Mal seit Beginn der Corona-Pandemie der Gesundheitsminister ausgewechselt worden. Diesmal gefiel Ministerpräsident Andrej Babis nicht, dass der Gesundheitsminister Jan Blatny auf die EMA-Freigabe für Sputnik V warten wollte.

Häufig stehen Wahlen in den Ländern an, in denen Politikerinnen und Politiker versuchen, mit Sputnik V das Impftempo zu erhöhen. In Madrid, wo über den Kauf des Impfstoffes verhandelt wird, finden im Mai Regionalwahlen statt. In Tschechien gibt es in einem halben Jahr Parlamentswahlen. In Ungarn, wo bereits mit Sputnik V geimpft wird, will Regierungschef Viktor Orbán die Wirtschaft ankurbeln, bevor in einem Jahr ein neues Parlament gewählt wird.

Peter Liese (CDU), EU-Abgeordneter und gesundheitspolitischer Sprecher der EVP-Fraktion im EU-Parlament (dpa / Bernd Thissen) (dpa / Bernd Thissen)Liese (CDU): Impfstoff nicht aus politischen Gründen ablehnen
Über den möglichen Einsatz von Sputnik V sollte sachlich entschieden werden, sagte Peter Liese (CDU) im Dlf. Politisch sei der Einsatz allerdings nicht die beste Lösung.

Ungarn impft bereits mit Sputnik V

Ungarn ist bislang das einzige EU-Mitgliedsland, das mit Sputink V derzeit impft. Die Impfkampagne ist dort weiter fortgeschritten als in anderen europäischen Ländern: 29 Prozent der Bevölkerung haben zumindest eine Impfung erhalten. Im Vergleich: In Deutschland ist der Anteil knapp halb so hoch. Der Vorsprung liegt aber nicht nur an Sputnik V, sondern auch am chinesischen Impfstoff Sinopharm, mit dem sich auch Orbán impfen ließ. Davon hat Ungarn mehr als doppelt so viel gekauft wie von Sputnik V. Die Impfquote nennt Orbán einen Meilenstein. Die Corona-Restriktionen hat er gelockert, sodass zum Beispiel Einzelhandel und Friseure wieder geöffnet haben.

(Quelle: Benjamin Dierks, afp)

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk