
Ausländische Webseiten und Apps wie WhatsApp oder Instagram werden in Russland immer wieder blockiert. Doch inzwischen geht das Regime weiter: Es schränkt zunehmend auch das Internet ein. In einzelnen Regionen wurde es vorübergehend sogar ganz abgestellt.
FSB gibt Mobilfunkanbietern Anweisungen
Bis Anfang Mai soll es mehr als 20.000 Fälle gegeben haben, in denen das mobile Internet regional eingeschränkt wurde. Das hat der russischsprachige Telegram-Kanal "Na svjazi" ermittelt. Die häufigsten Ausfälle gab es "Na svjazi" zufolge in den Gebieten Saratow an der Wolga und Swerdlowsk östlich des Urals sowie in Moskau, Nischni Nowgorod und Rostow. Wo das mobile Internet eingeschränkt wird, entscheidet der Geheimdienst FSB. Das haben russische Exiljournalisten recherchiert. Der FSB gebe den Mobilfunkanbietern direkt Anweisungen.
Offiziell begründen die Behörden die Einschränkungen mit ukrainischen Angriffen auf russisches Territorium: Als die Ukraine im Juni 2025 in Russland mehrere Flughäfen und mindestens ein Dutzend Militärflugzeuge mit Drohnen zerstörte, nutzte sie dabei russische SIM-Karten und das mobile Internet.
Ukraine trifft trotz Internetsperren Ziele in Russland
Beobachter halten die Begründung für vorgeschoben. Denn auch auf der russischen Halbinsel Kamtschatka wurden die Internetverbindungen gekappt. Kamtschatka liegt 7000 Kilometer von der Front entfernt. Und im Gebiet Rostow an der Grenze zur Ukraine gelingt es der ukrainischen Armee immer wieder, mit Drohnen militärische Infrastruktur zu zerstören – trotz der Internetsperren.
Mit den Einschränkungen verfolgt das Regime ein anderes Ziel, glauben Russland-Experten. Es gehe um Kontrolle der Bürger durch die Regierung.
Überwacht durch Messenger-App Max
Das will der russische Machthaber Putin offenbar auch mit dem Messenger-Dienst Max erreichen. Der Kreml-Chef selbst hatte dessen Entwicklung vor einem Jahr angeordnet. Im Gegensatz zu WhatsApp, Telegram und Instagram läuft Max in Russland reibungslos.
Michail Klimarjow ist für die Gesellschaft für den Schutz des Internets tätig. Er warnt eindringlich vor dem Messenger. „Die Max-App auf das eigene Mobiltelefon zu laden heißt, sich einen persönlichen Polizisten zu installieren, der dich rund um die Uhr verfolgt“, sagt der Internetaktivist. Die App habe Zugriff auf sämtliche Chats im Max-Messenger und auf VKontakte. Die Plattform VKontakte - das russische Pendant zu Facebook - wird vom selben Unternehmen wie Max betrieben: Vk.com.
App-Betreiber übermittelt Nutzerdaten an Staatsmacht
Klimarjow zufolge kann Max zudem den Standort eines Users mit einer Genauigkeit von wenigen Dutzend Metern bestimmen. Sämtliche Daten würden gesammelt und auf Servern gespeichert.
Aus der Kooperation mit dem Staat macht auch Max-Betreiber Vk.com keinen Hehl. Das Unternehmen hat offen angekündigt, sämtliche über die App gesammelten Nutzerdaten an alle Organe der Staatsmacht weiterzugeben.
Erfolgreich ist Max trotzdem. Bereits für jeden zehnten Russen ist der Messenger-Dienst zu einer wichtigen Informationsquelle geworden. Das ergab eine Umfrage des unabhängigen Sozialforschungsinstituts Lewada-Zentrum. Gleichzeitig nutzen immer weniger Menschen in der Russischen Föderation Telegram als primäre Informationsquelle. Im März waren es noch 25 Prozent der Befragten, im April nur noch 18 Prozent.
Den Erfolg der App hat das Regime nicht dem Zufall überlassen: Der Start von Max wurde mit einer großen PR-Kampagne begleitet. Der russische Rapper Egor Kreed warb in einem seiner Musikvideos für den Messenger. Instagram-Influencer wie die Bloggerin Instasamka wurden eingespannt.
Überwachungs-App auf jedem Handy vorinstalliert
Seit Herbst 2025 muss die App zudem auf allen in Russland verkauften Smartphones und Tablets vorinstalliert sein. Ärzte privater Kliniken wurden angewiesen, mit ihren Patienten nur noch über Max zu kommunizieren. Und in vielen russischen Regionen haben die lokalen Verwaltungen ihre Kommunikation in die App verlegt. Über Max verschicken die Behörden Warnungen vor Extremwetter, Katastrophen und Drohnenangriffen. Das Ziel: An Max soll kein Weg mehr vorbeiführen.
Russen entziehen sich der Kontrolle mit VPNs
Um sich im Internet einigermaßen frei bewegen zu können, nutzen viele Russen sogenannte VPNs (Virtual Private Networks). Die Technologie ermöglicht es, den Standort des eigenen Computers zu verheimlichen.
Der russischen Zensur sind VPNs daher schon lange ein Dorn im Auge. Die Regierung reagierte mit Verboten. Wer bestimmte Webseiten mithilfe von VPNs aufruft, macht sich strafbar. Einige VPNs dürfen seit 2021 gar nicht mehr genutzt werden. 2024 kam ein Werbeverbot für die Anbieter hinzu.
Genützt hat das wenig. Medienberichten zufolge haben User in Russland im März 2026 allein über Google Play mehr als neun Millionen Mal VPNs heruntergeladen. Das ist 14-mal häufiger als im März des Vorjahres.
Um die Nutzung der Anonymisierungsdienste einzudämmen, hat die Regierung kürzlich eine weitere Maßnahme ergriffen: Onlinehändler sind nun gehalten, Nutzer zu blockieren, wenn die sich mit eingeschaltetem VPN anmelden.
Zwei Smartphones für mehr Sicherheit
Doch absolute Sicherheit bieten in Russland auch VPNs nicht. Die Organisation RKS Global setzt sich für Internetfreiheit in verschiedenen Ländern ein. Sie hat herausgefunden, dass 22 der 30 populärsten russischen Android-Apps VPNs erkennen – und die Informationen unter Umständen an die Sicherheitsbehörden weiterleiten.
Internetaktivist Klimarjow rät russischen Usern daher, sich ein zweites Smartphone einzurichten. Er nennt es „Maxophon“, nach dem staatlichen Messenger-Dienst. Installiert sind auf diesem Tarntelefon nur russische Apps. „Ihr normales Smartphone, auf dem sie VPNs benutzen, muss ein anderes sein“, sagt Klimarjow. Das Gleiche gelte für Computer.
Radiobeitrag: Gesine Dornblüth und Thomas Franke
Online-Text: Tobias Kurfer
Online-Text: Tobias Kurfer














