Krieg in der Ukraine
Putins Regime unter Druck

Der Krieg gegen die Ukraine ist inzwischen auch für weite Teile der russischen Bevölkerung spürbar. Wladimir Putin sagt erstmals, der Krieg “neige sich dem Ende zu”. Experten gehen davon aus, dass Putin und sein Regime zunehmend von Angst geprägt sind.

    Der russische Präsident Wladimir Putin.
    Der russische Präsident Wladimir Putin absolviert im Vergleich zum Vorjahr nur noch etwa ein Viertel seiner öffentlichen Auftritte (picture alliance / ZUMAPRESS.com / Gavriil Grigorov)
    Keine Panzer, keine Raketen: Die traditionelle Militärparade am 9. Mai, dem Tag des Sieges der Sowjetunion über Nazideutschland, sah dieses Jahr anders aus. Erstmals seit 2007 wurde auf dem Roten Platz keine schwere Militärtechnik vorgeführt - offenbar aus Angst vor ukrainischen Angriffen. Dieser Schritt war vom russischen Verteidigungsministerium angekündigt worden. Als Begründung wurde "die operative Situation" genannt. Die verschlankte Siegesparade gilt einigen Experten als Spiegelbild der Lage in Wladimir Putins Krieg gegen die Ukraine.

    Inhalt

    Welche Hinweise gibt es, dass Putin Angst um seine Sicherheit hat? 

    Die jährliche Militärparade diente Putin bisher zur Demonstration von Stärke. Nun ist sie zu einer “Parade der Verletzlichkeit” geworden, stellt der Politikwissenschaftler Gerhard Mangott fest. Aus Angst vor einem “Zwischenfall” mit der Ukraine, so Mangott. Da die Ukraine für sich in Anspruch nimmt, russische Militärtechnik anzugreifen, hätte die öffentliche Zurschaustellung von Panzern und Raketen zum Angriffsziel werden können. Ukrainische Drohnen reichen inzwischen weit bis ins russische Hinterland.
    Zudem entfachte die Ermordung eines russischen Generalleutnants im Dezember 2025 eine Diskussion über Sicherheitslücken. Unter Berufung auf Geheimdienstinformationen war zuletzt berichtet worden, dass es im Kreml Angst vor Anschlagsversuchen auf Putin und einem Putsch gebe. Im Vorfeld der diesjährigen Militärparade wurde in Sankt Petersburg und Moskau deshalb mehrere Tage das Internet abgeschaltet, um Drohnenangriffe zu verhindern.
    Darüber hinaus gibt es Hinweise darauf, dass Putin persönliche Angriffe fürchtet. Der russische Präsident absolviert im Vergleich zum Vorjahr nur noch etwa ein Viertel seiner öffentlichen Auftritte. Gleichzeitig verschleiert er seinen Aufenthaltsort. Bei virtuellen Konferenzen ist unklar, ob er sich in Krasnodar, Waldai oder doch im Kreml in Moskau aufhält. Seine Büros sind offenbar bewusst identisch ausgestattet. Seine Residenz in Waldai, zwischen Moskau und Sankt Petersburg, soll mittlerweile von 27 Luftabwehrsystemen geschützt sein.  
    “Wir wissen nichts wirklich gesichert”, betont Dlf-Osteuropaexpertin Sabine Adler. Es gebe aber immer wieder Informationen aus russischen Staatskreisen, die sich “nicht einfach wegwischen” ließen. 

    Wie verändert sich die Stimmung in der russischen Bevölkerung gegenüber dem Krieg?

    Die Stimmung in der russischen Bevölkerung gegenüber dem Krieg kippt zunehmend. Die Zustimmungswerte für Wladimir Putin sinken, sagt der Politikwissenschaftler Gerhard Mangott. Gründe dafür sind unter anderem hohe Lebenshaltungskosten, schlechte wirtschaftliche Perspektiven und wachsende Kriegsmüdigkeit.
    Zudem kommt der Krieg immer mehr im Alltag der Menschen an. Durch brennende Raffinerien, die Luft und Meer verschmutzen, und durch sichtbare Zerstörungen stellt sich in der Bevölkerung ein Gefühl der Verwundbarkeit ein. Auch Manfred Sapper, Politikwissenschaftler und Chefredakteur der Zeitschrift “Osteuropa”, beobachtet, dass sich die bisherige Stabilität des russischen Regimes verändert. Das zeige sich in bestimmten Medienzugriffen, Meinungsumfragen und wachsender Kritik in sozialen Medien. So erreichte der Instagram-Post einer russischen Beauty-Bloggerin, in dem sie erklärte die Bevölkerung habe Angst vor Putin, innerhalb kürzester Zeit 30 Millionen Aufrufe.
    Gleichzeitig sorgen gesperrte Internetseiten für Unzufriedenheit und wirtschaftliche Einbußen, so Politikwissenschaftler und Osteuropaexperte Alexander Libman: “Für kleine und mittelständische Unternehmen in Russland sind staatliche Maßnahmen im Internet ein so großes Problem, dass man es kaum überschätzen kann.” Das liege daran, dass ein Großteil der Kundenkommunikation über Messengerdienste stattfinde.
    Der Unmut reicht inzwischen auch bis in die militärische Elite Russlands. In den vergangenen Wochen gab es so viel öffentliche Kritik an Putins Kriegsführung wie noch nie. Eine lautet, Putin müsse den Krieg mit mehr Härte führen.

    Wie ist die militärische Situation Russlands im Krieg mit der Ukraine?

    Auf dem Schlachtfeld herrscht derzeit weitgehend ein Patt, so die Einschätzung des Politikwissenschaftlers Manfred Sapper. Der Krieg sei zu einem Abnutzungskrieg geworden. Aus russischer Sicht gebe es strategisch kaum Fortschritte.
    Gleichzeitig verlagert sich ein Teil des Krieges in die Luft: Die Ukraine hat Drohnen entwickelt, die Ziele weit hinter der russischen Landesgrenze angreifen können. Die Angriffe auf Militärdepots, Stützpunkte und die Infrastruktur für Öl und Gas stellen Russland vor Herausforderungen. Die hohen Todeszahlen auf russischer Seite sind laut Dlf-Osteuropaexpertin Sabine Adler auf schlechte Kampfführung und Taktik zurückzuführen.

    Welche Perspektive entwirft Putin für ein mögliches Kriegsende?

    Im Anschluss an die russische Siegesparade zum Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs stellte Putin in Aussicht, die „Ukraine-Angelegenheit neige sich dem Ende zu“. Nicht durch einen klaren militärischen Sieg, sondern durch Verhandlungen. Von allen europäischen Politikern würde er Gespräche mit Altkanzler Gerhard Schröder bevorzugen.
    Der mittlerweile 82-jährige Schröder, der von 1998 bis 2005 Bundeskanzler war, steht wegen Tätigkeiten für russische Öl- und Gaskonzerne nach dem Ende seiner Amtszeit in der Kritik. Zuletzt hatte er Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine Ende Januar in einem Gastbeitrag für die „Berliner Zeitung“ zwar als völkerrechtswidrig bezeichnet, sich dabei aber auch gegen eine „Dämonisierung Russlands als ewiger Feind“ ausgesprochen.
    Die Bundesregierung nannte Putins Vorstoß ein “Scheinangebot”. Auch in der EU gibt es Vorbehalte gegen eine Vermittlerrolle von Altkanzler Schröder im Krieg in der Ukraine. Die EU-Außenbeauftragte Kallas sagte, es sei unklug, Russland bestimmen zu lassen, wer Europa vertrete.
    Der ukrainische Journalist Jurij Durkot bezeichnete den Vorstoß als ”Finte”. Putin wolle damit Verhandlungsbereitschaft vortäuschen, aber auch provozieren. Der russische Präsident wisse, dass sein Vorschlag für die Ukraine nicht akzeptabel sei.

    Online-Text: Maja Fiedler, Quellen: Deutschlandradio