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Russlands Geschichtspolitik
Mythen für den Machterhalt

In Russland leben sowjetischen Mythen fort. Die Taten des KGB und die stalinistischen Säuberungen werden nicht aufgearbeitet, die Opfer des Vaterländischen Krieges nicht hinterfragt. Im Gegenteil: Die Mythen ehemaliger Größe werden instrumentalisiert - um die jetzige Regierung zu legitimieren.

Von Sabine Adler | 08.05.2018
    Der russische Präsident Wladimir Putin schreitet im Kreml auf einem roten Teppich einen Saal mit Gästen ab.
    Zaristischer Prunk für einen Präsidenten, der im kommunistischen Geheimdienst sozialisiert wurde - Wladimir Putin hat seine vierte Amtszeit angetreten. (picture alliance / Sputnik / Evgeny Biyatov)
    1991 wurde auf dem berühmt-berüchtigten Lubjanka-Platz vor der Zentrale des Geheimdienstes KGB, der heute FSB heißt, das Denkmal des Gründers Felix Dscherschinksi gestürzt, die Akten aber blieben, wo sie waren, bedauert der russische Schriftsteller Sergej Lebedew.
    "Das war der einzige Moment, in dem man die Dokumente hätte herausholen können. Leider war die symbolische Geste - der Denkmalsturz - wichtiger. Ein echter Sieg wäre es gewesen, die Archive zu beschlagnahmen."
    Stalin-Säuberungen wurden nicht aufgearbeitet
    Die spätere Öffnung der Archive gelang nur teilweise. Der 37-jährige Autor Lebedew, der die Erschießung seines Cousins 1938 erforschen möchte, weiß wo dessen Opfer-Akte liegt, bekommt sie aber nicht. Fast jede ehemals sowjetische Familie kann eine Opfer- oder Tätergeschichte erzählen, oft beides. Denn Millionen sind bei den sogenannten Stalin-Säuberungen 1937/1938 ermordet worden. Das Ende der UdSSR hätte die Aufarbeitung dieses Kapitels einläuten können.
    "Die Dissidenten und NGOs haben damals gesagt, dass sie keine Jagd auf die Schuldigen wollen und auch keine Überprüfung der Beamten und Funktionäre auf ihre KGB-Vergangenheit. Weil das zu einer Verschärfung der Lage oder gar zu einem Bürgerkrieg hätte führen können. Wären damals die KBG-Leute überprüft worden, hätten wir heute nicht diesen Präsidenten. Denn er hätte dann vermutlich nicht mehr zur Wahl antreten dürfen, weil er in einer verbrecherischen Organisation gedient hat."
    Keine Distanz zu alten Verbrechen
    Der FSB gedenkt in diesem Jahr seiner Gründung, ohne ein einziges Wort der Distanzierung von den Verbrechen seiner Vorgängerorganisationen.
    "Moskau schläft, nur die Arbeiter der Lubjanka sind wach. Trinken wir auf die Männer, die im FSB dienen."
    Dass es einer der hier besungenen Diener der Lubjanka in den Kreml schaffte, verdankt er auch der russischen Geschichtspolitik, die sich zwar den Opfern, aber nie den Tätern zuwandte.
    "Sie sprechen selbst von der Kontinuität der Organisationen und bezeichnen sich ganz offen als Erben des NKWD, dem Vorläufer des KGB, und des KBG selbst."
    Statt die Geschichte aufzuarbeiten, leben die sowjetischen Mythen fort, die Größe des Zarenreiches und der Sowjetunion gelten als Wert an sich, der die Unterordnung des Bürgers unter den Staat verlangt. Selbst der Blick auf den Massenterror der 1930er Jahre ändert sich, er wird inzwischen entschuldigt.
    "Umfragen des Levada-Zentrums haben gezeigt, dass rund die Hälfte der Menschen heute findet, dass die Repressionen einen Grund hatten. Auch der jetzige Chef des Inlandsgeheimdienstes FSB, Alexander Bortnikow, sagte das jetzt zum 100. Jahrestag der Gründung des KGB. Niemand habe sich die Verbrechen, derer die Opfer beschuldigt wurden, einfach ausgedacht, es habe immer etwas Reales dahinter gestanden. So werden diese Verbrechen Schritt für Schritt entkriminalisiert."
    Der "heilige Sieg" darf nicht diskutiert werden
    Und so wird Stalin wieder salonfähig gemacht und die Sowjetzeit verklärt, die angeblich frei von Korruption war. Ein gefährlicher Irrglaube, warnt der Stalin-Biograf Oleg Chlewenjuk.
    "Die Beamten haben auch unter Stalin viel besser gelebt als der Durchschnitt, sie hatten alle Macht, um über Leben und Tod eines x-beliebigen Bürgers zu entscheiden. Stalin interessierte der Kampf gegen Korruption überhaupt nicht, ihm ging es ausschließlich um politische Säuberungen, alles war politisch motiviert."
    Der Sieg im Großen Vaterländischen Krieg, an den morgen mit einer Militärparade erinnert wird, gehört zum Grundverständnis der sowjetischen Nachkriegszeit und des heutigen Russland. Das jedoch nicht hinterfragt werde, moniert der Romanautor Lebedew.
    "Wenn es Fehler gegeben haben sollte, wie die Repressionen - so machte der Sieg alles wieder wett. Wehe, wenn jemand zu bedenken gibt, dass der Sieg dramatische Verluste gefordert hat und Osteuropa nicht die Freiheit, sondern 40 Jahre Okkupation gebracht hat. Der heilige Sieg darf nicht diskutiert werden. Würde man auch das endlich mal klären, könnte Russland freier atmen."
    Festhalten an vergangener Größe
    Der Investigativ-Journalist und Schriftsteller erforscht die Opfer- und Täter-Geschichte seiner eigenen Familie, neben dem ermordeten Cousin gab es den Großvater, der Vize-Chef eines Gulag-Lagers war. Lebedew sieht, dass zwar viele Opfer rehabilitiert wurden, dass man sich aber noch immer nicht mit den Tätern beschäftigt, denn bislang wurde niemand verurteilt. Das häufig vorgebrachte Argument, dass nicht selten die Opfer zu Tätern wurden und Täter zu Opfern, lässt er nicht gelten.
    "Es ist nicht schwer, die Täter von den Opfern zu trennen. Auf der mittleren Ebene des NKWD sind die Namen und Funktionen von rund 40.000 Personen bekannt."
    Das Festhalten an der imperialen Größe, an den Sowjetmythen verdeckt, dass es für Russland keine neue nationalen Idee gibt, dass es sich bei dem gestern zaristisch inthronisierten Präsidenten, der im kommunistischen Geheimdienst sozialisiert wurde, alles um Machterhalt dreht, sagt Lebedew.
    "Diese alten Mythen werden instrumentalisiert. Es geht nicht um Wahrheit, sondern um die Legitimierung dieser jetzigen nicht demokratischen Regierung durch den sakralen und heiligen Geist der Vergangenheit."