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Saarland
Fahrräder für Flüchtlinge

Flüchtlinge sind in Sachen Mobilität oft eingeschränkt, denn der öffentliche Nahverkehr ist für viele zu teuer. Der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) im Saarland hatte deswegen einen Aufruf gestartet, Fahrräder für Flüchtlinge zu spenden. Mit Erfolg: Über 400 Räder wurden mittlerweile verteilt.

Von Tonia Koch | 01.06.2015

    Zwei Fahrräder fahren auf einem asphaltiertem Fahrradweg.
    Mit den Rädern werden die Flüchtlinge mobil. (dpa/picture alliance/Bernd SettnikFriso Gentsch)
    In der kleinen Fahrradwerkstatt des ADFC, des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs in der Saarbrücker Innenstadt drängen sich 20 Interessenten. Heute ist für jeden etwas dabei. Mahmoud Ourabi hat zu einem pink Farben lackierten Rad gegriffen. Nicht sein Traum, aber die Farbe sei zweitrangig.
    Das Rad ist in gutem Zustand, verfügt über 21 Gänge. Das Richtige für den sportlich ambitionierten jungen Mann.
    "Ich habe eine Anmeldung im Fitnessstudio gemacht und mache Radtouren, around Saarbrücken."
    Auch Rostia Nabo hat sich eines ausgesucht, ein Trekking-Rad, dezent lackiert.
    "Zum Beispiel die Schule, die ist weit weg von mir."
    Renate Reissner winkt mit dem passenden Schloss.
    "Wir geben den Leuten auch noch einfache Schlösser aus, für zwei Euro. Das ist eine Art Anerkennung, kein richtiger Preis, halt eine Art Anerkennung, damit sie auch merken, dass es nicht alles geschenkt gibt und damit sie sich auch schützen können. Ah, da kommen noch ein paar neue, Schlösser..."
    Überwiegend junge Männer und Kinder interessieren sich für die Räder
    Ein paar Schritte entfernt erläutert Thomas Fläschner, der saarländische ADFC-Landesvorsitzende, die Tücken einer Nabenschaltung:
    "Die kennen keine Nabenschaltungen und dann kommen sie damit nicht klar und sagen, die Gangschaltung geht nicht. Da muss man sich bei jedem Fahrrad die Zeit nehmen und erklären. Die Nabenschaltung ist halt etwas sehr Deutsches, diese Fichtel- und Sachs-Tradition."
    Maya, eine junge Frau, ebenfalls aus Syrien, tut sich nicht schwer damit, sie ist glücklich mit ihrem Rad.
    "I'm happy with my bicycle. Denn ich habe keine andere Transportmöglichkeit und Bus und Bahn sind teuer, das Fahrrad ist daher wichtig für mich."
    Maya ist eine Ausnahme, denn überwiegend sind es junge Männer und Kinder, die sich für einen fahrbaren Untersatz interessieren.
    Der ADFC verlangt pro Fahrrad ob für Herren, Damen oder Kinder jeweils zehn Euro.
    "Für ein Fahrrad zehn Euro, das ist nichts. Ich finde, das ist sehr gut, toll, ja."
    Ergänzende Verkehrskompetenzkurse
    So wie Rostia Nabo denken die meisten. Niemand beklage sich darüber, dass der Fahrradclub diese Art Aufwandsentschädigung verlange, sagt ADFC-Vorsitzender Fläschner:
    "Es soll ja auch das Gefühl entstehen, dass das was wert ist, was man da bekommt. Und wir müssen das Projekt ja auch finanzieren, weil, wir müssen viel in die Räder reinstecken. Fast jedes Fahrrad hat Reparaturbedarf. Wir mussten die Fahrräder auch im ganzen Saarland abholen - wir haben die abgeholt, ja - das sind viele Benzinkosten. Wir wollten eine Kontrolle darüber haben, dass wir keinen Schrott angeliefert bekommen. Die Gefahr besteht ja. Das war viel Arbeit, wir haben mal geschätzt, dass wir bislang 2.000 Arbeitsstunden im Projekt stecken haben."
    Die Idee, die angebotenen Räder vor Ort zu begutachten, habe sich bewährt, das zeige die Qualität der Fahrradspenden. Inzwischen sind 670 Räder eingesammelt und 420 davon verteilt. Der ADFC-Saarland ist für sein Engagement zugunsten der Flüchtlinge in der Kategorie Service mit dem diesjährigen Deutschen Fahrradpreis ausgezeichnet worden. Das Preisgeld in Höhe von 3.000 Euro fließt ins Projekt.
    "Geplant sind ergänzend sogenannte Verkehrskompetenzkurse mit afghanischen Jugendlichen, damit sie vernünftig am Straßenverkehr teilnehmen können, denn diese sind noch ein bisschen kamikazemäßig unterwegs, hat man uns erzählt, und die sollen herangeführt werden an das deutsche Verkehrsgeschehen, wie man sich verhält, welche Regeln es gibt."
    Bevor die stolzen Fahrradbesitzer den Hof verlassen, wird ihnen eine Art Kaufvertrag ausgehändigt. Er belegt, dass das Rad ordnungsgemäß erworben wurde.