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StartseiteInterview"Mukwege weint mit den Frauen"26.11.2014

Sacharow-Preis"Mukwege weint mit den Frauen"

Die Auszeichnung des kongolesischen Arztes Denis Mukwege ist für Monika Hauser, Gründerin der Frauenrechts-Organisation "medica mondiale", ein wichtiges Zeichen. Dass ein Mann gegen die sexualisierte Gewalt an Frauen und Mädchen kämpfe, mache ihn zu einem Rollenmodell, sagte sie im DLF.

Monika Hauser im Gespräch mit Thielko Grieß

Monika Hauser ist Gründerin der Hilfsorganisation "medica mondiale". (dpa / picture alliance / Daniel Naupold)
Monika Hauser ist Gründerin der Hilfsorganisation "medica mondiale". (dpa / picture alliance / Daniel Naupold)
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Thielko Grieß: Die Demokratische Republik Kongo im Zentrum Afrikas wird von Korruption und staatlichem Zerfall und Bürgerkrieg zerfressen, vor allem im Osten des Landes, nahe der Grenze zu Ruanda. Hier gibt es reichlich Rohstoffe, Diamanten zum Beispiel oder Metalle für Smartphones in aller Welt, und es herrscht dort erbitterter Bürgerkrieg, das seit vielen, vielen Jahren. Eine der perfidesten Waffen in diesem Bürgerkrieg sind massenhafte Vergewaltigungen.

Am Telefon begrüße ich jetzt Monika Hauser, Gründerin der Frauenrechts-Organisation "medica mondiale", eine Organisation, die sich Frauen annimmt, die Opfer von Sexualgewalt geworden sind, in etlichen Projekten weltweit, unter anderem im Kongo. Guten Tag.

Monika Hauser: Ja, guten Tag.

Grieß: Entspricht das, was wir gerade gehört haben, auch Ihren Erfahrungen?

Hauser: Das entspricht auf jeden Fall auch den Erfahrungen, die wir immer wieder von unseren Kolleginnen aus dem Osten des Kongos hören. Das sind Kolleginnen von kleinen Frauenprojekten, die seit vielen Jahren ähnliche mutige Arbeit wie Herr Mukwege tun und sich dort der Frauen annehmen, die Frauen unterstützen, versuchen, ganzheitlich zu unterstützen, die solches erlebt haben, damit Frauen überhaupt wieder ins Leben zurückkehren können.

Grieß: Gibt es in diesen Bürgerkriegsregionen überhaupt keinen Schutz für so viele Frauen?

Hauser: Das Problem ist, dass es immer wieder militärische Bewegungen gibt, weil die Friedensschlüsse nicht das Papier wert sind, auf dem sie gedruckt sind, und immer wieder Rebellen Regionen überfallen, auch mit dem Ziel, natürlich Minengebiete zu erobern. Sie haben vorher von dem Coltan und weiteren Rohstoffen gesprochen. Das ist natürlich ein Grund, warum diese Regionen erobert werden sollen, um wieder Geld zu machen, um wieder an Waffen kommen zu können und so weiter.

Hier hat natürlich die internationale Gemeinschaft und die UN eine große Verantwortung, diese Friedensschlüsse entsprechend zu beeinflussen, und das Versagen der internationalen Gemeinschaft gerade im Osten des Kongos trägt natürlich enorm zum Leid der vor allem auch weiblichen Bevölkerung bei.

"Auszeichnung eines Mannes ist ein wichtiges Zeichen"

Der Arzt Denis Mukwege behandelt Vergewaltigungsopfer in der Demokratischen Republik Kongo. (AFP / VIRGINIE LEFOUR)Der Arzt Denis Mukwege behandelt Vergewaltigungsopfer in der Demokratischen Republik Kongo. (AFP / VIRGINIE LEFOUR)

Grieß: Auf die Verantwortung der internationalen Gemeinschaft kommen wir gleich noch einmal, Frau Hauser. Zunächst noch kurz die Frage: Spielt es eine Rolle, dass der Gynäkologe Mukwege in diesem Fall ein Mann ist?

Hauser: Ich denke, es ist sehr wichtig, dass wir hier einen Mann haben, der endlich auch Verantwortung übernimmt und weibliche Opfer unterstützt. Das sind ja zu 99 Prozent weltweit in erster Linie Frauen, Aktivistinnen, Fachfrauen, die sich um Frauen kümmern, die solches erlebt haben.

Ich denke, es ist hier sehr wichtig, dass Mukwege ein deutliches Zeichen als Mann setzt, als Arzt, der hier wirklich hervorragende Arbeit als Gynäkologe leistet, aber auch als einer, der mit den Frauen weint, der um ihr Leid weiß, der weiß, wie zerstört sie und ihre Kinder und ihre Familien oft auf Generationen hinaus sind. Ich denke, es ist sehr gut, dass er auch an Männer appelliert, das nicht nur in Straßburg tut, sondern auch hoffentlich - und das wünsche ich mir - zu anderen Gelegenheiten, dass er wirklich hier als Rollenmodell auch fungiert und Mut macht auch anderen Männern, auch in Europa, sich gegen massive Gewalt zu wehren, die wir ja weltweit haben, auch in Europa haben, hier als Mann dagegen anzugehen.

Grieß: Die seelischen Qualen, die körperlichen Leiden, die sind ja kaum zu ermessen für Menschen, die nicht betroffen sind. Welche sozialen Folgen haben diese Vergewaltigungen für Frauen?

Hauser: Ja, das ist eine sehr wichtige Frage, weil neben dem physischen und psychischen Leid, den Traumata, die wirklich die Frauen ein Leben lang begleiten und sie deswegen auch unbedingt fachliche Unterstützung brauchen, was aber nur den wenigsten Frauen zuteilwird in diesen Regionen. Daneben haben wir natürlich massive soziale Probleme. Sie werden ausgegrenzt von ihrer eigenen Familie, von der eigenen Gemeinde, von ihrer Gesellschaft, weil wir nach wie vor das Problem haben, dass nicht der Finger auf den Täter zeigt, sondern auf die Überlebende. Und deswegen ist neben der medizinisch-psychologischen fachlichen Unterstützung unbedingt auch Aufklärungsarbeit und immer wieder Aufklärungsarbeit in diesen Gesellschaften notwendig, damit klar wird, dass die Frauen natürlich nichts dafür können, was ihnen geschehen ist, sondern sie allen Respekt verdienen und es vor allem verdienen, dass ihre Familie und die Gemeinde sie mit allen Möglichkeiten, die sie hat, unterstützt, um wieder eine Perspektive zu haben.

Vergewaltigungsopfer in der Demokratischen Republik Kongo (AFP / Tony Karumba)Vergewaltigungsopfer in der Demokratischen Republik Kongo (AFP / Tony Karumba)

"Tribunal in Den Haag tut sich schwer mit dieser Form der Gewalt"

Grieß: Sexualisierte Gewalt, Vergewaltigungen sind im Jahr 2000 vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag erstmals als Kriegsverbrechen eingestuft worden. Hat sich seitdem irgendetwas verändert?

Hauser: Ich muss sehr frustriert und bitter auch sagen, dass sich nicht wirklich etwas verändert hat. Es ist auch Frauenaktivistinnen weltweit zu verdanken, dass sie mit ihrem Druck nicht nachgelassen haben, dass das UN-Gericht diese Formen der Gewalt als Kriegsverbrechen und als Verbrechen gegen die Menschlichkeit anerkannt haben. Das ist schon mal etwas wert, dass wir das ganz klar auf dem Papier haben. Aber es muss natürlich auch umgesetzt werden und wir sehen, wie schwer sich das Tribunal in Den Haag und auch Gerichte weltweit immer wieder tun, diese Formen der Gewalt wirklich zu ahnden. Auch in Deutschland kommt nur ein Bruchteil aller Vergewaltigungen tatsächlich zu einem Prozess und wiederum davon nur ein Bruchteil der Täter wird verurteilt. Hier gibt es sehr viel Verbesserungs- und Nachbesserungsbedarf in der Justiz, hier wirklich diesen großen Problemen gerecht zu werden.

Grieß: Sagt Monika Hauser, die Gründerin der Frauenrechts-Organisation "medica mondiale". Vielen Dank für das Gespräch heute Mittag bei uns im Deutschlandfunk.

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