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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturVon den Chancen und Gefahren der Einwanderung 29.09.2014

Sachbuch über Migration Von den Chancen und Gefahren der Einwanderung

Migration sei immer noch ein "mit vergifteten Assoziationen überladenes Phänomen", schreibt der britische Wirtschaftswissenschaftler Paul Collier in seinem Buch "Exodus - Warum wir Einwanderung neu regeln müssen". Bei der Debatte dürfe man sich nicht von emotionalen oder gar fremdenfeindlichen Argumenten leiten lassen.

Von Mirko Smiljanic

Auffahrt auf die deutsche Autobahn hinter dem Zollamt Weil am Rhein-Autobahn. (picture alliance/dpa/Winfried Rothermel)
Gewinner von Migration seien auf jeden Fall Einwanderer, wenn sie einen Fachkräftemangel ausgleichen, schreibt Collier. (picture alliance/dpa/Winfried Rothermel)

Paul Collier entstammt einer deutschen Auswandererfamilie. Sein Großvater Karl Hellenschmidt zog vor dem Ersten Weltkrieg aus dem armen Ensbach ins reiche Bradford. Heute sieht die Situation ganz anders aus: Ensbach hat sich zu einer wohlhabenden bayerischen Gemeinde entwickelt, während Bradfords wirtschaftlicher Niedergang unübersehbar ist. Mit dieser Anekdote beginnt Paul Collier das Buch "Exodus – Warum wir Einwanderung neu regeln müssen" – und macht damit deutlich: Wer Kampfparolen eines Briten erwartet, der nachts "England den Engländern" an Hauswände sprüht, liegt falsch.

"Moralische Einstellungen zur Einwanderung sind auf verwirrende Weise mit Ansichten zu Armut, Nationalismus und Rassismus verknüpft. Die aktuelle Haltung zur Immigration ist geprägt von Schuldreaktionen auf verschiedene Verfehlungen, die sich in der Vergangenheit ereigneten. Eine rationale Diskussion über die Migrationspolitik ist erst dann möglich, wenn dieses Knäuel an Motiven entwirrt ist."

Paul Collier, Professor für Wirtschaftswissenschaft in Oxford, beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Themen der Dritten Welt. Aufsehen erregte sein 2008 auf Deutsch erschienenes Buch "Die unterste Milliarde", in dem er die Situation der rund 60 ärmsten Länder untersucht. "Exodus" sei eine Fortsetzung dieser Arbeit. Armut veranlasse immer mehr Menschen, ihr Glück legal wie illegal in reichen Ländern zu suchen – ein Prozess, der in Zukunft an Dynamik gewinnen wird, weil die Schere zwischen Arm und Reich sich immer weiter öffnet. Drei Fragen stehen im Mittelpunkt von Colliers Analyse.

"Was bestimmt die Entscheidung von Migranten? Wie wirkt sich die Migration auf die Zurückgelassenen aus? Und welche Folgen hat sie für die einheimische Bevölkerung in den Aufnahmegesellschaften?"

Keine Streitschrift

Die Entscheidung, seine Heimat zugunsten einer ungewissen Zukunft in einem reichen Land zu verlassen, hängt von mehreren Faktoren ab. Maßgeblich, so Collier, seien das Einkommensgefälle zwischen dem Aus- und dem Einwanderungsland und der politische Druck im Auswanderungsland. Intensive politische Verfolgung und schwach ausgeprägte demokratische Traditionen steigern den Anreiz zur Migration.

"Exodus" ist keine Streitschrift, sondern eine systematisch angelegte Sammlung wirtschafts- und sozialwissenschaftlich fundierter Fakten. Dies ist die Stärke des Buches. Collier vermeidet parteipolitische Positionen – natürlich wohl wissend, dass seine Forschungsergebnisse politisch vereinnahmt werden können. Und die sind auf den ersten Blick eher konservativ als linksliberal. Für jeden offene Grenzen lehnt er ab, die negativen Folgen seien einfach zu groß. Und zwar nicht nur für das Einwanderungsland. Minutiös untersucht er die Konsequenzen von Migration für die Zurückgebliebenen. Weil immer nur die Motiviertesten ihre Heimat verlassen, kämpfen diese Länder mit einem Talente-Verlust, der aber zumindest teilweise ausgeglichen wird durch Rückkehrer und Rücküberweisungen – immerhin 400 Milliarden Dollar jährlich. Euphorisch dürfe man aber nicht werden, so Collier, die Summe sei zwar hoch, ihre Bedeutung aber eher gering.

"Natürlich hätten die Auswanderer, wären sie zu Hause geblieben, etwas verdient und ihren Familien damit geholfen. Da die Geldsegnungen im Durchschnitt nur 1.000 Dollar im Jahr betragen, hätten die Migranten nicht besonders produktiv sein müssen ... Es ist also fraglich, ob das Einkommen mithilfe der Migration wesentlich von demjenigen abweicht, das man ohne sie gehabt hätte. Die Rücküberweisungen gleichen lediglich den Verlust an Produktivkraft aus. Der Unterschied besteht nur darin, dass weniger Münder zu stopfen sind."

Paul Collier stellt Fragen, die er dann in den jeweiligen Kapiteln beantwortet: "Drängt Auswanderung Regierungen zu besserem Verhalten?", "Führt Auswanderung dazu, dass es mehr gute Führungskräfte gibt?", "Ist der Braindrain die richtige Sorge?", "Verringert die Auswanderung die Überbevölkerung?".

Ein Teil des Buches beschäftigt sich mit den Gewinnern und den Verlierer der Migration. Gewinner seien auf jeden Fall Einwanderer, wenn sie einen Fachkräftemangel ausgleichen. Die einheimische Bevölkerung stehe in diesem Fall auf der Verliererseite, weil die Industrie nicht mehr ausbilde. Zweigeteilt sehe es beim Zuzug ungelernter Arbeiter aus: Das unterste Lohnniveau sinke, die ohnehin Ärmsten in den reichen Ländern litten. Bei den oberen Lohngruppen gebe es aber einen gegenteiligen Effekt: Je mehr Einwanderer ins Land kommen, desto höher steige das Niveau. Allerdings nur bei einer moderaten Migration, ist sie dauerhaft hoch, schadet sie dem Aus- und dem Einwanderungsland.

"Noch ist dieser Fall nicht eingetreten, es besteht also kein Anlass für eine Panikpolitik. Aber wir sollten begreifen, dass grundlegende Kräfte die Migration weiter zunehmen lassen werden und dass eine präventive Politik einer bloß reaktiven bei Weitem vorzuziehen ist."

"England den Engländern" ist nicht Colliers Sache, entschieden widerspricht er aber auch dem Argument, Migrationsbeschränkungen seien ethisch unzulässig. Selbst innerhalb der Europäischen Union nicht. Das setze eine "Reziprozität" der Wanderungsbewegungen voraus, wenn etwa viele Deutsche in Großbritannien und viele Briten in Deutschland leben würden. Tatsächlich wanderten aktuell aber eher Menschen aus dem armen Rumänien ins reiche Deutschland. Exodus ist ein ebenso gut zu lesendes wie argumentativ anspruchsvolles Buch, das der Migrations-Debatte neue Impulse gibt. Eine Pflichtlektüre für jeden Politiker! Am Ende der Analyse schaut der Autor noch einmal zurück auf seine eigene Geschichte. Sein Vater Karl Hellenschmidt jr. – aufgewachsen im damals noch reichen Bradford – hatte spätestens nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges ein Problem.

"Er stand vor der typischen Alternative der zweiten Generation von Einwanderern: Sollte er am Gefühl der Andersartigkeit festhalten oder sich für die neue Identität entscheiden? Er wagte den Sprung. Deshalb haben Sie ein Buch von Paul Collier gelesen – und nicht von Paul Hellenschmidt."

Paul Collier: "Exodus. Warum wir Einwanderung neu regeln müssen"
Übersetzung: Klaus-Dieter Schmidt
Siedler Verlag, 320 Seiten, 22,99 Euro
ISBN: 978-3-886-80940-0

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