Meurer: Sind noch andere Lösungen jetzt denkbar?
Neugebauer: Ich glaube nicht. Es ging ja im Prinzip nicht nur um Personen, sondern auch um Inhalte. So viel ich weiß, haben Berthold Huber und Jürgen Peters sich auch geeinigt hinsichtlich ein paar inhaltlichen Fragen. Ich bin froh, dass Berthold Huber auf Jürgen Peters zugegangen ist, und damit, sage ich mal, eine offene Auseinandersetzung auf dem Gewerkschaftstag nicht stattfinden wird.
Meurer: Was glauben Sie denn, hat Jürgen Peters Berthold Huber versprochen, dass Berthold Huber seine Meinung doch geändert hat?
Neugebauer: Berthold Huber hatte gesagt, jeder hat seinen persönlichen Ehrgeiz zurückzustellen, und ihm geht es insbesondere um die Frage der Organisation. Das ist das, was viele von ihm ja auch erwartet haben. Über die Details bin ich nicht informiert, aber ich gehe davon aus, dass am Mittwoch im Vorstand das nicht nur dargestellt, sondern auch diskutiert wird.
Meurer: Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass am Mittwoch erst der Vorstand und dann Ende August der Gewerkschaftstag unter diese Lösung ihren Stempel machen werden?
Neugebauer: Ich denke, es wird noch mal ein paar Diskussionen geben. Es gibt ja nicht wenige, die eine personelle Erneuerung gefordert haben, aber diese Diskussionen werden wir dann führen müssen. Es gibt ja dann ein Gesamtpaket, erster Vorsitzender, zweiter Vorsitzender, Hauptkassierer und vier weitere geschäftsführende Vorstandsmitglieder. Das meine ich, wenn ich von einem Paket rede, dass wir dann mit möglichst breiter Mehrheit die Personalien dann entscheiden können.
Meurer: Nun hat ja Klaus Zwickel gestern zum Duo Peters und Huber gesagt, das sei kein personeller Neuanfang, und unter anderem deswegen tritt er zurück. Sie stimmen Ihrem ehemaligen Vorsitzenden nicht zu?
Neugebauer: Da ist viel Verbitterung, was ich gut verstehen kann, bei Klaus Zwickel da. Er hat sich eine andere Lösung gewünscht, aber sehen Sie, die Welt ist eben anders, als man sie sich wünscht. Deshalb halte ich es für eine tragfähige Lösung.
Meurer: Wieso hat Klaus Zwickel in der Nachfolgefrage eine Niederlage nach der anderen kassiert?
Neugebauer: Das ist eine lange Geschichte, die vor fünf Jahren begonnen hat. Ich denke, die sollten wir jetzt nicht wieder aufwärmen, sondern nach vorne schauen.
Meurer: Wie groß sind die Trümmerberge bei der IG-Metall, die jetzt abgeräumt werden müssen?
Neugebauer: Es gab Verletztheiten. Es gibt ein paar Gräben, die, denke ich, jetzt über die inhaltliche Arbeit zugeschüttet werden müssen. Aus der Sicht bin ich vorsichtig optimistisch, dass wir insbesondere über die inhaltliche Diskussion uns stärken können. Wie stellen wir uns zum Beispiel zu dem, was gestern Regierung und Opposition beschlossen haben, wie ist die Zukunft des Flächentarifvertrages, welches Verhältnis haben wir zur Sozialdemokratie? Wir haben einen Berg von Themen, wenn wir die abgearbeitet haben, wird es viel Einigendes geben.
Meurer: Wird es der IG-Metall sozusagen in der laufenden Diskussion noch mal angeheftet werden: Die Gewerkschaft wird von einem Traditionalisten geführt und somit zählt das Wort der IG-Metall nicht mehr so viel?
Neugebauer: Wissen Sie, es gibt 2,6 Millionen Mitglieder und ich behaupte mindestens 2,5 Millionen Meinungen innerhalb der IG-Metall. Es ist aus meiner Sicht völlig verkürzt dargestellt, die IG-Metall in zwei Schachteln zu stecken: die einen sind die Guten, die anderen die Bösen, oder die Modernisierer und die Traditionalisten. So ist die IG-Metall nicht gestrickt. Wie gesagt, sie hat Hunderttausende von Meinungen, aber sie hat immer eines ausgezeichnet, wenn man gestritten hat und wenn man sich auseinandergesetzt hat, dann hat man ein Ziel definiert und das ist dann gemeinsam angegangen worden. Das ist die Stärke der IG-Metall gewesen, und ich bin fest davon überzeugt, zu dieser Stärke werden wir auch wieder zurückfinden.
Meurer: Nun hat ja Klaus Zwickel seinem möglichen Nachfolger Jürgen Peters vorgeworfen, den Vorstand hinter das Licht geführt zu haben beim Streik in Ostdeutschland. Ist Peters nach diesen ganzen Vorwürfen auch von den Betriebsräten seitens der Betriebsseite nicht zu beschädigt, um die IG-Metall führen zu können?
Neugebauer: Er hat sich dazu entschieden, dass er antritt. Das habe ich zur Kenntnis zu nehmen. Das habe ich zu respektieren. Und wie in jedem Betrieb auch und wie im Leben gibt es Liebesbeziehungen und Arbeitsbeziehungen zu Menschen, und unter diesem Gesichtspunkt, denke ich, werden wir uns auf die Sacharbeit konzentrieren. Im Übrigen messen unsere Mitglieder uns nicht daran, ob jemand groß oder klein ist, sondern welche Ergebnisse wir bringen. Zum Beispiel: Wie können wir Arbeitsplätze sicherer machen? Eines der Kernprobleme, die wir haben. Wie können wir die Tarifrunde so vorbereiten, dass wir ein vernünftiges Ergebnis hinbekommen? Das sind die Dinge, die die Menschen interessieren, unsere Mitglieder interessieren, und das ist entscheidend.
Meurer: Also Sie hätten sich schon jemand anders als Nummer Eins gewünscht?
Neugebauer: Nochmals, es geht nicht darum, dass meine persönlichen Wünsche befriedigt werden, es geht nicht nach dem Lustprinzip. Wir werden dieses Team, so hoffe ich, in den nächsten vier Jahren haben, und daran werden wir, wie gesagt, uns messen lassen müssen, was wir an Ergebnissen im Sinne unserer Mitglieder erreichen.
Meurer: Wie schnell, glaube ich, wird der Ärger bei den Mitgliedern verrauchen?
Neugebauer: Ich denke, dass das noch ein paar Wochen dauern wird, hoffentlich nicht öffentlich, aber wir werden - da gibt es Diskussionsbedarf - Diskussionen führen. Wie gesagt, wenn wir die Tarifrunde nächstes Jahr gut hinbekommen, dann schaut die Welt schon wieder anders aus.
Meurer: Das heißt, trotz dieser Tandemlösung verspricht der Gewerkschaftstag durchaus noch einmal hitzig zu werden.
Neugebauer: Wie gesagt, es sind Befindlichkeiten, Verletztheiten da, es sind Gräben entstanden, die werden wir nicht mit einem Gewerkschaftstag wegbekommen. Das muss man ausdiskutieren, aber intern ausdiskutieren. Es sind Fehler gemacht worden, die benannt werden müssen. Aber wissen Sie, in zehn Jahren gibt es keinen Neugebauer, keinen Zwickel, keinen Huber und keinen Peters mehr in der IG-Metall. Aber die nachwachsenden Generationen, die unseren Job dann machen müssen, wollen wissen, was ist da falsch gemacht worden, und nicht, ob der Peters den Huber gemocht hat oder umgekehrt. Das spielt dann keine Rolle.
Meurer: Der bayrische IG Metall-Bezirksleiter Werner Neugebauer bei uns im Deutschlandfunk. Herzlichen Dank!
Link: Interview als RealAudio
