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Rassenunruhen - ein "grundfalscher" Begriff

Seit Wochen demonstrieren vor allem in den USA zehntausende Menschen gegen Rassismus und Polizeigewalt. Um die Bewegung zusammenzufassen, wird in einigen Medien von "Rassenunruhen" gesprochen. Doch neutral ist dieser Begriff nicht - und er benennt nicht treffend, was wirklich passiert.

Von Annika Schneider | 09.06.2020

Protestierende halten Plakate mit der Aufschrift "Black Lives Matter" in die Höhe.
Anti-Rassismus-Demonstration in Washington (Consolidated News Photos/Amanda Andrade-Rhoades)
Das Wort Rasse ist problematisch: Es steht zwar im Grundgesetz, wurde aber für schlimmste Verbrechen genutzt und war noch nie eine geeignete Kategorie, um Menschen in Gruppen einzuteilen.
Und es stellt sich ja auch die Frage, was Rassenunruhen überhaupt sein sollen. Der Begriff klingt, als würden Angehörige einer bestimmten Ethnizität aufbegehren. Dabei protestieren weltweit viele Menschen gemeinsam – eben nicht nur diejenigen, die wegen ihres Aussehens von Diskriminierung besonders betroffen sind.
Dossier: Rassismus
Dossier: Rassismus (picture alliance / NurPhoto / Beata Zawrzel)
"Grundfalscher" Begriff
Auch das Wort Unruhen passt nicht. Es klingt, als wäre es das Hauptanliegen der Demonstrierenden, Unruhe zu stiften. Dass es dabei um berechtigte Kritik an Missständen geht, verschwindet hinter dem Begriff. Das ist auch ZDF-Moderatorin Marietta Slomka aufgefallen, die selbst von Rassenunruhen gesprochen hatte. Am Wochenende erklärte sie im "heute journal", wie sehr sie sich anschließend über diesen – in ihren Worten – "grundfalschen" Begriff geärgert habe.
Treffender ist es, von "Protesten gegen Polizeigewalt und Rassismus" zu sprechen. Wer klarmachen will, dass es dabei auch zu Ausschreitungen und Krawallen kommt, kann die konkret benennen – und differenziert so zwischen friedlichen und gewalttätigen Demonstrierenden.