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Saison geht in die Verlängerung

Meteorologie. – "Katrina" ist möglicherweise für diese Saison nicht der letzte Sturm im Golf von Mexiko gewesen. Noch bis in den Oktober hinein dürfte der Atlantik an der Oberfläche warm genug sein, um tropische Stürme und vielleicht sogar Hurrikane zu erzeugen.

Von Volker Mrasek | 08.09.2005

Es ist kaum zehn Tage her, dass "Katrina" den Küstenstreifen in den US-Bundesstaaten Mississippi und Louisiana verwüstete, da brauen sich über dem Atlantik schon die nächsten Wirbelstürme zusammen ...

"”Da sind zwei neue Hurrikans, Maria und Nate. Maria stellt keine Gefahr für die Küste dar. Aber Nate könnte auf die Bermuda-Inseln zulaufen. Und dann haben wir da noch einen tropischen Sturm namens Ophelia, aus dem in den nächsten Tagen ein Hurrikan werden könnte.""

Dieser Sturm bereitet Richard Pasch die größte Sorge. Der Meteorologe arbeitet für die US-Wetterbehörde NOAA und sitzt im Nationalen Hurrikan-Zentrum in Miami in Florida. Ophelia läßt Pasch deshalb nicht aus den Augen, weil der Tropensturm schon sehr nahe an die US-Ostküste herangerückt ist. Nach den aktuellen Beobachtungen befindet er sich nicht mehr weit von Florida entfernt. Bis zum Weltraumbahnhof Cape Canaveral sind es nur noch rund 140 Kilometer in westlicher Richtung. Pasch:

"Für die Südostküste der USA könnte es gefährlich werden. Der Sturm befindet sich in einer Art Warteposition. Er bewegt sich praktisch nicht, weil die Höhenwinde über dem Atlantik momentan nur schwach ausgeprägt sind."

Selbst wenn Ophelia am Ende gefahrlos abdrehen sollte - der nächste Megasturm kommt bestimmt, und vermutlich wird er nicht einmal lange auf sich warten lassen. Denn der Atlantik steckt mitten in einer Hurrikan-Saison, wie es sie bisher noch nicht gegeben hat - jedenfalls nicht, seit es Aufzeichnungen darüber gibt. Schon im Mai und noch einmal im August erläuterte der Direktor des Nationalen Wetterdienstes bei der NOAA, David Johnson, worauf sich die Bevölkerung der Region in diesem Sommer und Herbst einstellen muss:

"”Wir rechnen in dieser Saison mit elf bis 14 zusätzlichen tropischen Stürmen. Sieben bis neun dieser Stürme dürften sich zu Hurrikans entwickeln, und drei bis fünf von ihnen zu besonders starken.""

Unter dem Eindruck der Katastrophe in New Orleans sind sie zwar mittlerweile fast vergessen. Doch schon im Juli fegten zwei gewaltige Hurrikane durch den Golf von Mexiko. Der eine - Dennis - verursachte große Schäden auf Kuba; der andere - "Emily" - traf Mexiko. Beide Hurrikane waren zeitweilig fast genauso energiegeladen wie jetzt "Katrina". Johnson:

"”Einen so starken Hurrikan wie Emily hat es nach unseren Aufzeichnungen im Juli noch nie gegeben. Und Dennis folgt gleich auf dem nächsten Platz.""

Die Saison ist so turbulent, weil das Oberflächenwasser des tropischen Atlantik schon seit Wochen Badewannen-Temperatur hat. 26 Grad Celsius sind nötig, damit Hurrikane überhaupt entstehen. Ist dieser Schwellenwert erreicht, verdunstet genügend Meerwasser, und Luft wird in so starkem Maße aufwärts bewegt, dass ein tropisches Tiefdruckgebiet in einen stabilen Sturmwirbel ausarten kann. Tatsächlich ist der Ozean in diesem Sommer noch ein gutes Stück wärmer. Seit Juli werden Oberflächentemperaturen bis zu 28 Grad gemessen. Das sei ungewöhnlich, sagt Gerry Bell. Der Meteorologe ist zuständig für die Hurrikan-Saison-Vorhersage bei der NOAA:

"”Wir müssen davon ausgehen, dass diese extremen Meerestemperaturen weiter anhalten. Und das ist sehr kritisch: Denn sie sorgen für stärkere Stürme und Hurrikane.""

Noch bis in den Oktober hinein könnte der tropische Atlantik so warm bleiben. Das bedeutet: "Katrina" muss nicht der letzte verheerende Wirbelsturm in der Golfregion in diesem Jahr gewesen sein. Weitere könnten folgen in den nächsten vier bis fünf Wochen, unter Umständen sogar von ähnlichem Kaliber, meint Richard Pasch:

"”Entlang der Küste hat nun jeder große Angst vor dem, was noch kommen mag.""