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Salzburger Festspiele
Shakespeare in Seebühnenästhetik

Die Salzburger Festspiele waren bisher nicht für Seebühnenästhetik bekannt. Nun aber hat Henry Mason Shakespeares "Komödie der Irrungen" für die Festspiele inszeniert - samt überfluteter Arena und Haudraufkomik, die auch noch musikalisch untermalt wird.

Von Sven Ricklefs | 02.08.2015
    Schauspieler tanzen auf einer Bühne, deren Boden von Wasser bedeckt ist, Wasser spritzt in die Luft
    Shakespeares "Komödie der Irrungen" bei den Salzburger Festspielen 2015 (dpa/picture alliance/Barbara Gindl)
    Da ist es also wieder, das Sven Eric Bechtolf-Theater, mit dem der inzwischen zum Interimsintendanten avancierte Schauspielchef der Salzburger Festspiele schon in den letzten Jahren versucht hat, dem Sprechtheater des Festivals seine Ästhetik und seine Auffassung von Theater aufzudrücken. Was so viel heißt, wie: Unterhaltungstheater auf - im wahrsten Sinne des Worts - Deubel komm heraus, ein Theater, das sehr bewusst ohne Konzeption auskommt und lieber Pointen setzt als Gedanken vermittelt, geschweige denn Deutungen setzt. Lieber ließ er Puppentheater bei den Festspielen auftreten, oder beauftragte Regisseure wie Henry Mason einen Sommernachtstraum daherhübscheln zu lassen, brav romantisiert von Mendelssohns Musik. Nun durfte Henry Mason, ein Regisseur, der sonst wohl eher durch seine Jugendtheaterarbeiten hervorgetreten ist, wieder ran. Und da der Künstler sichtlich gern mit Musik arbeitet und da es wieder ein Shakespeare sein sollte, bekommen wir jetzt eine "Komödie der Irrungen" als Musical. Auch schön.
    Die frühe und wohl nicht ganz zu Unrecht eher selten gespielte Komödie ist eine leidlich gut gebaute Snowballcomedy und Verwechslungskomödie, in der zwei Zwillingspaare aufeinandertreffen. Jeweils als Herr und Diener in früher Kindheit durch ein Seeunglück auseinandergerissen, werden die beiden Brüderpaare nun schicksalsmächtig in einer Stadt zusammengeführt. Dabei müssen sie erst durch das ganze Repertoire an Verwechslungen in allen denkbaren Variationen hindurch, bis ein heilsames Ende alle Knoten löst. Da dabei jeweils auch Herr und Diener immer mal wieder überkreuz geführt werden, gibt's Anlass zu allerlei Haudraufkomik, die Henry Mason in seiner Salzburger Inszenierung auch weidlich auswalzt und gleich auch noch musikalisch untermalt.
    "Dach, ich dachte Kopf hätt ich gedacht.... gut:
    Wenn's Schläge hagelt, dann lieber Dach als Kopf.
    Lieber Dachschaden als Sachschaden.
    Au. Immer auf die Mansarde?"
    Hauptsache es zündet
    Klingt fast wie Zirkus, hat auch was davon. Da steht ein Arenenholzrund in der Mitte der Bühne der alten Saline auf der Perner Insel bei Hallein, der Rest der Bühne ist dekorativ überflutet, schließlich haben wir es ja mit dem Meer als Schicksalsmacht zu tun und Ephesus ist zudem Hafenstadt, also her mit den 80.000 Litern, der Erkenntnisgewinn ist zwar gering, aber die Schauspieler waten wadentief. Ist nett anzusehen und eignet sich auch noch gut, für reinhopsen, reinschmeißen, drüberhoppeln und sonstige Varianten. Am Riesenberg aus aufgetürmtem Gestühl lässt sich trefflich klettern, auf der Schaukel schaukelt, wer gerade mag, und die dreiköpfige Combo sitzt auch dekorativ im Wasser und spielt demjenigen, der sich gerade zum Singen berufen fühlt Songs auf, die man aus anderen Zusammenhängen kennt:
    Won't you come home my baby?
    Won't you come home.....
    Nicht, dass das nicht alles ziemlich perfekt durchgetaktet wäre, Henry Mason versteht sich auf Tempo. Zudem hat er dem 50er-/60er-Jahre Soundtrack entsprechend seine Comedy auch ästhetisch verpettycoated. Und sein Ensemble? Das gibt dem Affen Zucker: die Männer slapstickend, die Frauen rumzickend, aus jedem Klischee wird der Witz gepresst, Hauptsache es zündet.
    Die Frage dagegen, ob in dieser frühen Komödienfingerübung Shakespeares nicht vielleicht doch mehr steckt, als eine Perlschnur vorhersehbarer Pointen, bleibt unbeantwortet. Und so wird dieses Stück zumindest im deutschsprachigen Raum wohl auch weiterhin zumeist bei Schlossfestspielen zur Aufführung kommen, bei Schlossfestspielen und auf Seebühnen, wie dieser gefluteten hier auf der Perner Insel in Hallein. Komisch nur, dass die Salzburger Festspiele bisher nicht bekannt waren für ihre Seebühnenästhetik.