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Startseite@mediasresDas Problem mit den Symbolbildern11.09.2019

Samira el OuassilDas Problem mit den Symbolbildern

Bei sperrigen Themen greifen Journalistinnen und Journalisten oft auf Symbolbilder zurück. Das Kopftuch steht dann zum Beispiel für das Thema Migration oder eine zerbrochene Puppe für Kindesmissbrauch. Diese Bilder bedienten zu sehr Klischees und verzerrten die Wirklichkeit, findet unsere Kolumnistin.

Von Samira el Ouassil

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Eine niedergeschlagene Frau lehnt ihren Kopf auf einen Koffer (imago / Westend61)
Auch dieses Foto einer "niedergeschlagenen Frau mit Koffer" kann als Symbolbild dienen (imago / Westend61)
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Welches Bild haben Sie im Kopf, wenn ich zum Beispiel sage "typisch deutsch"? Denken Sie da an visuelle Stereotype, die man mit Deutschland verbindet? Vielleicht sehen Sie einen Bierkrug, ein Handtuch auf einer Liege, ein deutsches Auto? Und was ist das erste Bild vor Ihrem geistigen Auge, wenn ich sage "typisch ostdeutsch"?

Die Frage ist eine Falle, denn nach einem Bild für etwas "typisch Ostdeutschem" zu fragen, ist genauso sinnvoll und effektiv, wie nach einer Bebilderung für etwas "typisch Europäischem" zu fragen.

Und hier zeigt sich die Herausforderung, die Stärke und die Schwäche von Symbolbildern in Artikeln und auf Covern: etwas Abstraktes auf etwas Konkretes und Visuelles runter zu brechen, was mit einem Blick sofort begriffen werden kann.

Stereotype Bilder bei komplexen Themen

Michael Kappeler, Leiter der dpa-Fotoredaktion, sagte dem Mediendienst "Integration", dass sich die Kunden wünschen, dass die Bilder "illustrativ so reduziert sind, dass man das Thema erkennen kann, ohne den Text zu lesen".

Und genau das ist das Problem: Denn so greift man bei visuell sperrigen Themen, zum Beispiel der Gesellschaftspolitik, immer wieder auf stereotypische Darstellungen zurück.

Problematisch wird es, wenn für das Abstrakte eigentlich keine Bebilderungen möglich erscheinen. Hier wird die bildliche Darstellung zur karikierten Blaupause des Themas. Und damit zu einem abgedroschenen Klischee.

Migration ist keine Frau mit Kopftuch

Geht es zum Beispiel um Migration, kommt gerne der kopftuchbedeckte Hinterkopf einer Frau zum Einsatz. Offenbar handelt es sich bei den meisten Einwanderern um eine Frau mit Kopftuch. Ihr Gesicht ist aus nachvollziehbaren Gründen nie zu sehen, nur der Stoff und ihr Kopf.

Eine muslimische Frau mit Kopftuch steht vor dem Brandenburger Tor in Berlin (picture-alliance / dpa / Wolfgang Kumm)Eine muslimische Frau mit Kopftuch steht vor dem Brandenburger Tor in Berlin (picture-alliance / dpa / Wolfgang Kumm)

Gern richtet die Unbekannte ihren Blick auf etwas unverkennbar Deutsches, das Brandenburger Tor zum Beispiel. Schwierig an diesem Symbolbild ist der Umstand, dass in Deutschland Schätzungen nach 75 Prozent der Musliminnen gar kein Kopftuch tragen.

Bilder schaffen gefühlte Wahrheiten

Sozialempiriker schätzen, dass in Deutschland etwa vier Millionen Muslime leben, das sind fünf Prozent der Bevölkerung. Die meisten Bundesbürger schätzen allerdings, dass die Anzahl der hier lebenden Muslime sehr viel höher ist: Ein Drittel der Deutschen glaubt, dass es mit elf Millionen fast dreimal so viele sind.

Das ist ein Paradebeispiel für die kommunikationswissenschaftlich erforschte "Kultivierungsthese". Dieses Modell besagt, dass Nachrichtenbilder unsere Einschätzungen über die Realität messbar verzerren.

Wenn Symbolbilder Krankheiten romantisieren

Auch wenn es um antisemitische Übergriffe oder jüdisches Leben in Deutschland geht, zeigen die Medien gerne standardisierte Motive. Etwa einen männlichen Hinterkopf mit einer Kippa. 

Infoveranstaltung in der Jüdischen Gemeinde in Rostock. (picture alliance / dpa / Bernd Wüstneck)Jüdische Gemeinde. (picture alliance / dpa / Bernd Wüstneck)

Und nicht nur religiöse Minderheiten sind Opfer der Symbolbildreduktion: Auch Menschen mit Depressionen können vermutlich nur noch müde lächeln, wenn sie in den Ratgeber- oder Lebensressorts der Zeitungen wieder die verweinte Frau mit dem verwischten Mascara sehen, sobald es um diese Krankheit geht.

Jedes Bild, das suggeriert, dass eine Depression andeutungsweise so aussehen könnte wie auf dem Bild dargestellt, ist ein Trugschluss und trägt zu einer ästhetischen Romantisierung der Krankheit bei.

Unsensible Bebilderung

Natürlich sind nicht alle Symbolbilder derart problematisch. Der Hacker vor der Tastatur, der in seinen eigenen vier Wänden eine Skimaske trägt, – warum auch immer –, ist natürlich hochgradig albern, aber harmlos.

Beschädigte Kinderpuppe (picture alliance / dpa / Karl-Josef Hildenbrand)Beschädigte Kinderpuppe (picture alliance / dpa / Karl-Josef Hildenbrand)
 
Das Bild der zerbrochenen Puppe oder des kaputten Teddys hingegen, wenn es um Kindesmissbrauch geht, ist allerdings in seiner ästhetisierten Unterkomplexität derart unsensibel, dass es schon fast beleidigend für die Opfer ist.

Buchstaben statt Bilder

Gute Geschichten brauchen nicht immer Bilder. Selbst die Bild-Zeitung, die das Visuelle in ihrem Namen trägt, weiß um die subversive Kraft großer Lettern.

Medienphilosoph Vilém Flusser meinte mal in einem Gespräch mit Harun Farocki, dass die Buchstaben auf der Seite eins rein durch ihre Form "ein magisches Klima der Brutalität" schaffen würden. So eine visuelle Kraft kann es haben, wenn mal kein Bild zu sehen ist.

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