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StartseiteSonntagsspaziergangDie Geschichte eines Landes in einer Straße06.01.2019

"Sandy Row" NordirlandDie Geschichte eines Landes in einer Straße

Die nur 700 Meter lange Hauptstraße "Sandy Row" in Belfast ist ein geschichtsträchtiges Stück Nordirland: gezeichnet von Industrie, Arbeiterkultur und des Identitäts- und Machtkampfes des Bürgerkriegs. Heute beschäftigt die Globalisierung die Bewohner jedoch mehr als der Gegensatz zwischen Katholiken und Protestanten.

Von Detlef Urban

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Bemalte Häuserfassade in Sandy Row, Belfast 2009: Links unten: ein maskierter und bewaffneter loyalistischer Kämpfer. Links und rechts oben: zwei geballte Fäuste, die für die Rote Hand von Ulster stehen und Symbol der UFF (imago/Hoch Zwei Stock/Angerer )
Zwischen irisch gesonnenen Republikanern und britisch orientierten Loyalisten: Sandy Row (imago/Hoch Zwei Stock/Angerer )
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Man fühlt sich unweigerlich in die britische Hauptstadt versetzt: Doppeldeckerbusse rauschen vorbei und typische schwarze Taxis kurven durch die Victoria Street und nehmen zum Westminster-Glockenschlag geschäftige Businessmen auf. Während sich die eine Hälfte der Bevölkerung nach der Einheit mit Irland sehnt, hegen die anderen eine große Affinität zum Vereinigten Königreich. In Nordirlands Hauptstadt Belfast fühlen sich die Königstreuen in dieser englischen Provinz, die etwa so groß ist wie das Saarland, oft nicht wahrgenommen von Rest-Britannien. Parlament und Regierung in London sollten sie mehr unterstützen, meinen die Loyalisten.

Mit einem solchen Loyalisten laufen wir durch Sandy Row, das alte Zentrum von Belfast. Paul McCann heißt unser Guide. "Wir treffen uns an der großen Mauer mit King William", hatte er gesimst. Das war nicht zu verfehlen.

"Hier beginnt meine Tour. Das ist King William III. von England, Prinz von Oranien, der in der Schlacht am River Boyne 1690 den ehemaligen König Jakob II. aus dem Hause Stuart besiegte und die katholische Insel Irland zurückeroberte. Hier steht die bekannte Textzeile: "King William is on the war". Ich bin ja keiner guter Sänger, aber es geht so. Und hier sind die Truppen aus allen Ländern aufgeführt, die King William’s Armee unterstützt haben: Dänen, Engländer, Schweizer, französische Hugenotten, holländische Blaue Garden, Söldner aus Preußen, Polen, Finnland und der Schweiz."

Wenn man mit Royalisten unterwegs ist, kommt man schnell auf "the Battle of The Boyne" zu sprechen, die Schlacht am River Boyne, sie liegt als Heldenepos in der DNA nordirischer Protestanten. Zwar geht die Legende, dass King William in Sandy Row seine Truppen sammelte und übernachtete - das gab dem Viertel seine Aura - doch Paul zeigt uns sein Sandy Row, das an der Boyne Bridge beginnt, einer Autobrücke über die Bahngleise, die hier an der Great Victoria Station enden neben dem Busbahnhof von Belfast. Sandy Row hat seinen Namen bekommen, weil es entlang einer Sandbank am nahe gelegenen Fluss entstand. 

"Man wollte Bücher produzieren, Lesen und Schreiben lernen"

"Damit ihr eine Vorstellung bekommt, wie Sandy Row entstanden ist: Hier gab es eine erste Papiermühle, rund herum standen Eichenwälder an den Ufern des Flusses Lagan. Die Bäume fielen der Papierproduktion zum Opfer, man wollte Bücher produzieren, Lesen und Schreiben lernen. Als die Bäume verschwunden waren, bauten die Menschen ihre ersten Häuser."

Der Papiermühle folgten Tabak- und Textilfabriken, hier wurden Uniformen für die britischen Soldaten im Ersten Weltkrieg hergestellt. Am Fuß der Boyne Bridge, gleich gegenüber dem King-William-Gemälde, steht der wohl bekannteste Blickfang in Sandy Row, die alte Tabakfabrik Murray, ein mehrstöckiger Ziegelbau mit imposanten Ecktürmen und umlaufendem goldenem Schriftfries des alten Firmennamens. In der Fabrik wurden fast 200 Jahre Pfeifen- und Schnupftabake und natürlich Zigaretten produziert und in alle Welt verschickt. 2005 geschlossen, schick saniert und jetzt aufgeteilt in teure Büroetagen. 

Wandgemälde von King William III. an einer Hausfassade in der Sandy Row (BillxWard)Prägt die Sandy Row auch heute: King William III. (BillxWard)

Links und rechts der Hauptstraße Sandy Row geht es durch Reihenhaussiedlungen, typische englische Arbeiterviertel, am Ende der Blythe Street zeigt Paul auf zwei Eisentüren: Eingänge zu alten Luftschutzbunkern, als die Deutsche Luftwaffe im April und Mai 1941 Belfast bombardierte - die größten Angriffe außerhalb Londons und bekannt als Belfast Blitz. Die Deutschen hatten es auf die starke Rüstungsindustrie abgesehen.

Gleich nebenan befindet sich die anglikanische Kirche und daneben ein Märchengarten mit allerlei Fantasiegemälden an den Mauern, einem Ziehbrunnen und einem alten Baum, von dem sich die Leute wunderliches erzählen, Mythen wie es sie vielfach in der irischen Kultur gibt - ein Zeichen, dass in Nordirland Irisches und Britisches zusammenfließt.

"Es gibt Lieder, die von diesem Baum erzählen. Ich habe oft Menschen gesehen, die den Baum berühren, sie glauben, dass tote Tiere darin leben oder Märchenfiguren. Je öfter ich das höre, desto mehr glaub ich selbst an den Spuk."

Sandy Row war 150 Jahre lang ein prominentes Industrie- und Arbeiterviertel - hier Protestanten und hinter der Boyne Bridge Katholiken. 

Wer nicht in einer der Fabriken arbeitete, der schuftete Tag und Nacht auf den nahe gelegenen Docks und auf den Werften. Die Titanic wurde im Belfaster Hafen gebaut.

Die Titanic wird zu ihrer Jungfernfahrt im April 1912 aus dem Belfaster Hafen geschleppt (picture alliance / dpa / DB Ulster F & T Museum)Die Titanic wird zu ihrer Jungfernfahrt im April 1912 aus dem Belfaster Hafen geschleppt (picture alliance / dpa / DB Ulster F & T Museum)

Vom proletarischen Flair ist nur noch wenig zu spüren - aber durch die Straßen zu laufen und zu wissen, was hier produziert und in alle Welt verschifft wurde, hilft Belfast und Nordirland besser zu verstehen. Paul McCann sieht sein altes Belfaster Wohnquartier jedoch langsam aber sicher abgleiten in die Hände internationaler Spekulanten. Und dies ist die wichtigste Erkenntnis auf der Tour durchs Protestantenviertel: Die Globalisierung beschäftige die Leute mehr als der Gegensatz zwischen Katholiken und Protestanten, meint Paul, oder - anders ausgedrückt - der zwischen irisch gesonnenen Republikanern und britisch orientierten Loyalisten.

"Das ist ein Ergebnis des Friedensprozesses seit dem Karfreitagsabkommen vor 20 Jahren, dass Sandy Row mit seiner Arbeiterklasse heute ein gemischtes Viertel ist. Katholiken und Protestanten leben Tür an Tür. Als ich Kind war, vor gut 30 Jahren, war Sandy Row ein Arbeiterviertel mit 20.000 Einwohnern. Doch seit zehn Jahren gibt es eine Invasion von Immobilien- und Finanzspekulanten. Sie haben uns das Land weggenommen, bauen teure Apartments, die sich kein Arbeiter leisten kann. Mein Haus kostet 340 Pfund Miete im Monat, aber die neuen Wohnungen kriegst Du nicht unter 1.000 Pfund. Die Arbeiter, die Sandy Row aufgebaut haben, werden Schritt für Schritt vertrieben. Da ist es gar nicht mehr wichtig, ob Du Protestant bist oder Katholik."

Im Schweinsgalopp die Mauern entlang

Nur wenige Touristen buchen eine walking tour bei Paul McCann. Die meisten besteigen eines der schwarzen Taxis und fahren im Schweinsgalopp die Mauern ab, die immer noch viele Belfaster Viertel teilen. Murals nennt man die bemalten Mauern. Offiziell heißen sie euphemistisch "Peace Lines", also Friedenslinien, mit Stacheldraht bewehrte Grenzen zwischen den ehemals oder immer noch verfeindeten Vierteln. Die steife Nordbrise bringt sie zum Singen.

Die Murals sind besprüht mit den Helden des Bürgerkriegs der katholischen Irisch-Republikanischen Armee oder der protestantischen Ulster Freedom Fighters, beides paramilitärische Verbände. Zäune - bisweilen 8 oder 9 Meter hoch - ummanteln Häuser. Ein Leben lang aus dem Schlafzimmer auf einen Drahtverhau blicken, ist für die Anwohner hinter dem katholischen Clonard Kloster Normalität geworden.

"Der Zaun musste immer höher gebaut werden, weil sie von der anderen Seite, die Protestanten, Brandbomben in unsere Häuser geworfen haben. Einmal mussten wir nachts um vier evakuiert werden, weil die Häuser in Flammen standen. Das ist es, was Du siehst, wenn Du aus dem Schlafzimmer blickst, da ist immer die Mauer und der Zaun obendrauf. Das sehen wir jeden Tag, wir kennen es nicht anders. Trotzdem: ich möchte noch erleben, dass diese Mauer abgebaut wird."

Die Peace Line trennt das katholische und protestantische West-Belfast, aufgenommen 1998. (picture-alliance / dpa / Geray Sweeney)Die Peace Line trennt das katholische und protestantische West-Belfast, aufgenommen 1998. (picture-alliance / dpa / Geray Sweeney)
In der benachbarten Northumberland Street werden um 18.00 Uhr zwei große Fabriktore geschlossen. Die Straße ist jetzt dicht, keiner kann mehr zwischen Protestanten- und Katholikenviertel hin und her fahren. Fußgänger müssen Kilometer lange Umwege auf sich nehmen. Es diene der Sicherheit. Der Torwächter, der für seinen Service kurz angeradelt kommt, blickt skeptisch in die Zukunft, besonders beim Brexit. Es gebe zu viele Verletzungen aus der Zeit des Bürgerkriegs, den sie hier "Troubles" nennen. Sicher, kaum noch Bomben oder Schießereien, aber die Wunden säßen nun mal tief. — Die Tore werden geschlossen. Belfast bei Nacht ist ein Flickenteppich, bei dem ein Navi versagt - Du landest mit dem Auto ständig vor verschlossenen Toren, das GPS stimmt, aber die Navigation kennt keine geschlossenen Peacelines. Man solle es mit Humor nehmen, sagt ein Polizist dem ratlosen Kontinentaleuropäer. 

Nun gut, zurück nach Sandy Row, zurück zu King William III., dem Urbild protestantischen Heldentums in Nordirland gegenüber Murray’s Tabakfabrik. Er blickt noch nicht lange von der Mauer, früher prangte hier das Konterfei eines protestantischen paramilitärischen Kämpfers mit Sturmgewehr im Anschlag und dem Schriftzug, dass man nun das royalistische Sandy Row betritt. Auch eine Warnung an die Gegenseite, die Katholiken.

"So war das in den 30 Jahren der Troubles, die Ulster Defense Forces schützten unsere protestantischen Viertel, und die I.R.A. verteidigte die katholisch-republikanischen Gebiete. Im Laufe des Friedensprozesses der letzten 20 Jahren sind von den 40 paramilitärischen Heldenmauern nur noch 4 übrig geblieben."

In den letzten Jahren war die Community, besonders die Frauenvereinigung von Sandy Row, der Gewaltverherrlichung überdrüssig geworden. Deshalb begrüßt jetzt King William III. die Besucher, andere überlebensgroße Mauer-Bilder von schießbereiten Paramilitärs wurden retuschiert, wieder andere übermalt mit lokalen Heroen: bekannte Boxer, weltberühmte Billardspieler oder Fußballer. Die Arbeitersportvereine von Sandy Row haben viele internationale Größen hervorgebracht. Darauf ist man jetzt stolzer als auf die schießenden Guerilla-Kämpfer.   

George Best auf einem Wandgemälde in Belfast (imago stock&people)Auf George Best ist man in Belfast besonders stolz (imago stock&people)

"Jede Bar hier hat ihre eigene traurige Geschichte während der 30 Jahre Bürgerkrieg: Schießereien und Bomben, zum Beispiel hier in der Klondyke Bar an der Ecke McAdam Street. Das war 1976. Frank McGrivey, ein Kämpfer der Provisorischen Irisch-Republikanischen Armee I.R.A. kam mit dem Auto über die Boyne Bridge, parkte hier neben der Bar abends um viertel vor Sieben, deponierte drinnen eine Bombe und fuhr wieder ab. Um sieben Uhr, als er schon wieder auf der anderen Seite der Brücke war, explodierte die Bombe, es gab einen Toten und Schwerverletzte, eine Barfrau verlor ein Auge. McGrivey wurde gefasst und verurteilt, aber nach dem Karfreitagsabkommen 1998 begnadigt. Er ist später ermordet worden, man vermutet von den eigenen I.R.A.-Kameraden."

Nur 700 Meter lang ist die Hauptstraße Sandy Row, von der Boyne Bridge bis zur Orange Hall. Die Queens University und das beschauliche Universitätsviertel schließen sich im Süden an. Dort treffen wir im schrullig-charmanten Literatur-Café "Bookfinders" den Schriftsteller Paul McVeigh, der mit seinem Roman "Guter Junge" auf dem deutschen Buchmarkt reüssierte. Er erzählt darin über die Troubles in einem katholischen Arbeiterviertel. 

"Ardoyne zu verlassen war gefährlich. Es war ein Ghetto, umzingelt von protestantischen Siedlungen. Die britische Armee lief bei uns Tag und Nacht Patrouille, es gab Razzien und Polizeikontrollen. Und dann erst die Wächter der I.R.A., die brutal vorgingen gegen uns, die eigenen Katholiken, wenn sie jemanden für einen Verräter hielten: Tribunale der Nachbarschaft, Schuldsprüche, Schüsse in die Knie oder Exekutionen. Du fühltest Dich immer beobachtet und hattest gelernt, Dich in Acht zu nehmen. Gefahr lauerte an jeder Ecke." 

Der konfliktreichste Tag in Nordirland

Immer am 12. Juli versammeln sich die Stockkonservativen unter den Protestanten im Gedenken an die Schlacht von King William am River Boyne. Sie feiern Gottesdienste und marschieren zu Kirchen. "The Twelfth" wie jeder ihn nennt, also der 12. Juli, war aber oft nicht so friedlich wie es sich in der Kirche anhört, sondern ist traditionell der konfliktreichste Tag in Nordirland.

Am Vorabend werden im ganzen Land hunderte so genannter Bonfire abgebrannt, in Sandy Row im letzten Jahr gleich neben einem Hotel, hundert Meter von Boyne Bridge und King-William-Gedenkmauer entfernt, ein 80 Meter hoher Turm aus Europaletten, oben drauf gepflanzt die von den Loyalisten verhassten Europa- und Irland-Fahnen. Das Feuer fraß sie, aber es wurde auch so heiß, dass die Scheiben eines teuren Apartmenthauses platzten. Die Polizei griff nicht ein, die Stimmung am 12. Juli ist nervös und bei den Bonfire und den Paraden ist der Alkoholpegel gewöhnlich sehr hoch.

Mit Feuertürmen feiern die nordirischen Protestanten in der Nacht zum 12. Juli den Sieg Wilhelm von Oraniens in der Schlacht am Boyne von 1690. (AFP / Paul Faith)Mit Feuertürmen feiern die nordirischen Protestanten in der Nacht zum 12. Juli den Sieg Wilhelm von Oraniens in der Schlacht am Boyne von 1690 (AFP / Paul Faith)

Auch Paul McCann nimmt an den Paraden teil, erzählt er vor der Orange Hall, dem Haus des Oranier-Ordens am Ende der Sandy Row Street. Dann legen sich die Orangemen ihre orangefarbenen Schärpen um, zumeist über Generationen oder gar Jahrhunderte vererbt - da bleibt der Mottenfraß nicht aus - setzen ihre Bowler auf und nehmen ihre Stockschirme, um durch die Stadt zu marschieren. 

"Tausende Besucher kommen aus der ganzen Welt: Amerika, Kanada, Holland, England, Schottland, unsere Hotels sind jedes Jahr ausgebucht, das ist gut für Nordirland. Die Paraden und Feiern sind friedlich, aber leider gibt es einige, die nicht wollen, dass diese Paraden stattfinden. Und die staatliche Parade Commission schreibt uns vor, dass wir durch bestimmte Straßen nicht marschieren dürfen. Klar gab es Provokationen. Aber eines muss wohl doch klar sein: Jeder hat das Recht zu marschieren, wir haben die Freiheit zu sagen was wir meinen. So ist das nun mal."

Eine Parade kann nicht enden ohne dass die sich hier so verloren fühlenden Königstreuen ihrer Königin huldigen mit ihrer Hymne. Sandy Row ist ein Stück Nordirland, gezeichnet von Industrie, Arbeiterkultur und nicht verschont von der Globalisierung und doch mit dem zarten Pflänzchen einer die Gegensätze überwindenden nordirischen Kultur. 

 

 

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