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StartseiteDeutschland heuteAlles für "Die Partei"11.02.2015

Satire im Hamburger WahlkampfAlles für "Die Partei"

Elbverlängerung statt Elbvertiefung und Zeppeline statt U-Bahnen: Die Partei "Die Partei", einst gegründet von Ex-Titanic-Chefredakteur Martin Sonneborn, tritt auch in Hamburg zur Wahl an - natürlich getrieben von selbstlosem Idealismus.

Von Axel Schröder

Großes Wahlplakat auf einer Grünfläche mit der Forderung: "Puff ab 16" und einem Bild von einem Mann, der einen Eimer auf dem Kopf trägt, im Hintergrund ist ein Bordell zu sehen. (Deutschlandradio/Axel Schröder)
Wahlplakat der "Partei": "Wir denken mehr im Sinne der "Partei" als im Sinne der Stadt Hamburg," so Martin Sonneborn. (Deutschlandradio/Axel Schröder)
Weiterführende Information

Europawahl - "Die Partei" in Brüssel
(Deutschlandfunk, DLF-Magazin, 03.07.2014)

Graue Anzüge in allen Schattierungen, gebügelte Hemden, die Krawatten akkurat geknotet. Rein äußerlich sind die Spitzenpolitiker der Partei "Die Partei" nicht unterscheidbar von ihren Kontrahenten von SPD, CDU oder Grünen. Beim Wahlkampf-Abend im Hamburger "Polittbüro", einer Kleinkunstbühne, irritiert einzig ihr Schuhwerk: die robusten, schwarzen Stiefel, die alle tragen. Und ihre Prognose, wie "Die Partei" bei den Bürgerschaftswahlen am kommenden Sonntag abschneiden wird:

"Also, ich habe ja vorhin das Diagramm gezeigt, wo man die bisherigen Wahlergebnisse gesehen hat. Wenn man das hochrechnet mit einfachsten mathematischen Mitteln, dann sind bei dieser Wahl 120 Prozent fällig!"

Das erklärt Alexander Grupe, der Hamburger Landeschef der Partei "Die Partei". Ein Mann wie ein Baum, eckige Brille, mit einem Vollbart à la Walter Ulbricht. Alexander Grupe verdient sein Geld als "Programmierhilfe", wie er sagt, und nach der - Zitat - "Machtergreifung" in Hamburg hat seine Partei große Pläne: U- und S-Bahnen sollen abgeschafft werden. Platz machen für ein neues, revolutionäres Verkehrsmittel: für die Linie Z. Für Zeppeline über Hamburg:

"Unser Konzept für den Zeppelin ist: 'Lautlos und mautlos' fliegt der Zeppelin über die Dächer der Stadt! Das schafft Arbeitsplätze. Wir brauchen ja auch Zeppelin-Bord-Pianisten und Zeppelin-Anschubser! Und es ist ein ganz neues Reiseerlebnis und ein Touristen-Magnet!"

"Den Glauben habe ich verloren, als ich mich selber wählen konnte!"

Der Name "Die Partei" ist ein Kürzel. Und steht für "Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative". Bei allem Klamauk: Tatsächlich ist die Partei zugelassen bei der Hamburger Bürgerschaftswahl. Alle formalen Anforderungen werden erfüllt. Geführt wird sie von Martin Sonneborn, dem einstigen Chefredakteur der Satire-Zeitschrift "Titanic". Heute betreut Sonneborn die Satire-Rubrik bei Spiegel-Online und wurde - der bisher größte Erfolg der "Partei" - 2014 tatsächlich ins EU-Parlament gewählt. Natürlich unterstützt er seine Hamburger Parteikollegen auch beim Wahlabend in Hamburg. Auch er trägt den obligatorischen grauen Anzug und schwarze, klobige Lederstiefel und klärt darüber auf, welche Chancen die "Partei" der Hansestadt eröffnen kann:

"Ich glaube nicht, dass Hamburg bessere Chancen hat mit der 'Partei'. Wir denken mehr im Sinne der 'Partei' als im Sinne der Stadt Hamburg! Wir möchten an die Macht und das hier seit zehn Jahren. Aber ich denke, das Versagen der Alt-Parteien hat uns natürlich den Boden bereitet: Schmierige, obskure Parteien wie wir sind gefragt!"

Vor allem, wenn sie so prägnante Wahlziele wie "Die Partei" haben: Die Elbvertiefung wollen die Polit-Aktivisten stoppen. Und propagieren stattdessen eine Elbverlängerung - um 50 Prozent! Und weil bei der Hamburger Bürgerschaftswahl auch Jugendliche ab 16 ihre Stimme abgeben dürfen, fordern sie auf ihrem einzigen Wahlplakat in Alsternähe: "Puff ab 16!". Durchsetzen soll das alles der Spitzenkandidat der Polit-Guerilleros: Prof. Dr. Dr. Eimer. Ein Zinkeimer mit aufgeklebten Kulleraugen und heraushängender Zunge.

Trotz allem Klamauk: Die Parteimitglieder spielen ihre Rollen mit größtmöglicher Konsequenz. Und ehrliche Antworten auf die Frage, warum sie als Polit-Satiriker auftreten, wann sie den Glauben ans Polit-Establishment verloren haben, darf man nicht erwarten.

"Den Glauben habe ich spätestens dann verloren, als ich mich selber wählen konnte. Das ist ein sehr erhebendes Gefühl! Bei der letzten Bundestagswahl den eigenen Namen auf dem Zettel zu sehen. Und das kann ich jedermann nur empfehlen! Das ist richtig geil!"

"Die Politik in Deutschland braucht Spiegel"

Nur ein einziger Aktivist am Stand der Wahlkämpfer hält sich nicht an die verordnete Linie, niemals aus der Rolle des seriösen Politikers zu fallen. Seinen Namen will er nicht nennen:

"Warum ich mich da engagiere? Weil ich denke, dass das wichtig ist! Satire hält halt den Spiegel vor und die Politik in Deutschland braucht Spiegel. Damit die sich mal selber sehen. Sehen, was sie falsch machen, was auch falsch läuft und was zu kritisieren ist. Satire ist Kritik und Kritik ist wichtig in einer Demokratie! "

Und deshalb will er weiter für "Die Partei" kämpfen. Für 120 Prozent bei der Bürgerschaftswahl. Mindestens!

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