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StartseiteTag für TagHexerei trifft Hightech15.01.2020

Schamanismus in SüdkoreaHexerei trifft Hightech

Der Leistungsdruck in Südkorea ist enorm - eine Folge der rasanten Modernisierung. Die Bedeutung traditioneller Religionen schwindet, aber uralte schamanische Rituale sind beliebt. Sie gelten als Gegenprogramm zum alltäglichen Stress.

Von Margarete Blümel

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Eine südkoreanische Schamanin nimmt die Rolle eines Mediums zwischen den Lebenden und der Geisterwelt ein. (imago / Michael Macinty)
Südkoreanische Schamaninen nehmen die Rolle eines Mediums zwischen den Lebenden und der Geisterwelt ein (imago / Michael Macinty)
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"Was die Religion angeht, ist unsere südkoreanische Gesellschaft pluralistisch. Nehmen Sie mich: Ich bin Katholikin. Wenn ich Zukunftssorgen habe, wende ich mich ganz selbstverständlich an einen schamanistischen Wahrsager. Diese Schamaninnen oder Schamanen sind in Korea heutzutage zugleich Berater und Wegbegleiterinnen, besonders, wenn es um psychologische Anliegen geht."

Seong Nae Kim ist Professorin für Religiöse Studien an der Sogang University, einer römisch-katholischen Privatuniversität in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul. Ihr hauptsächliches Forschungsgebiet ist die Religionsanthropologie. Schamanen sind grundsätzlich Ritual-Gestalter, sagt Seon Nae Kim. Sie inszenieren religiöse Zeremonien, im Zuge derer sie Himmelsgötter, die Urahnen, Gottheiten des Wassers oder des Hauses anrufen und um Hilfe bitten.

Persönlichkeiten mit geistlicher Macht

"Ich bin einigen Schamanen und Schamaninnen begegnet, die nicht rechnen und weder lesen noch schreiben können. Und doch sind sie hoch qualifiziert. Sie wissen genauestens über ihre Religion Bescheid, haben die verschiedenen Rituale bis ins kleinste Detail memorisiert und verfügen über besondere Techniken, die ihnen den Kontakt zu den spirituellen Wesen erleichtern. Am Ende versuchen diese Ritualexperten dann stets, zwischen den beiden Parteien zu vermitteln, um die irdischen Probleme der Gläubigen zu lösen."

Jongsung Yang ist Anthropologie-Professor, er leitet in Seoul ein Schamanismus-Museum. "Einige unserer Schamaninnen und Schamanen sind von der Regierung als "Verkörperungen des koreanischen Kulturerbes" ausgezeichnet worden – eine hohe Ehre, die auf einer sehr alten Tradition basiert. Als Koreaner pflegen wir eine tiefe Verbindung zu spiritueller Kraft und damit auch zu Persönlichkeiten, denen geistige Macht innewohnt", sagt er.  

Seelische Erkrankungen sind schambehaftet

Welche Möglichkeiten der Schamanismus Menschen mit seelischen Erkrankungen bietet, erläutert David A. Mason von der Sejong-University in Seoul. Wer in Korea psychische Probleme hat, würde niemandem davon erzählen:

"Solche Dinge sind in Korea schambehaftet. Wer davon betroffen ist, gilt als Versager, verliert den Job, wird an der Uni gemobbt oder bestenfalls einfach ignoriert. Im Schamanismus jedoch haben wankelmütige Menschen und psychisch Kranke immer schon Zuflucht und Hilfe gefunden. Das ist bis heute so geblieben."

Die Manshin, die schamanistische Priesterin, erzählt: "Nachdem ich mein traditionelles Gewand angezogen habe und meine Helferinnen ihre Trommeln und Zimbeln aufgenommen haben, wende ich mich an die Urahnen-Götter. Ich verbinde mich mit ihnen, um den Menschen, die ihre Hoffnungen auf mich setzen, beizustehen. Viele, die zu mir kommen, sind sehr krank. Und den meisten von ihnen kann ich auf diese Weise helfen."

Zusammentreffen von Göttern und Menschen

Sie vollführt gerade ein mehrstündiges Ritual für eine junge Frau. Die Leiterin einer Sprachenschule hat die Frau der 10.000 Götter um Hilfe gebeten. Begleitet wird die 30-Jährige von ihrer gleichaltrigen Freundin, einer Collegeprofessorin. Unter der Last ihrer Arbeit, dem Tod des Vaters und dem bei ihrer Mutter diagnostizierten Gehirntumor habe sie einen Burn-Out erlitten, erzählt sie. Die Manshin wendet sich in ihrem rituellen Tanz an die Verantwortlichen – die Geister und schamanischen Götter, die der Gläubigen nicht gewogen sind. Sie erklärt:

"Ich war 31, als mir bewusst wurde, dass ich diese Gabe habe. Erst wollte ich nicht Schamanin werden. Bis meine Großmutter, der ich sehr nahe stand, mich davon überzeugt hat."

Das Kut genannte schamanistische Ritual ist ein Zusammentreffen von Göttern und Menschen. Die koreanischen Schamaninnen und Schamanen können im Zuge eines Kuts von bestimmten Gottheiten besessen werden. Manchmal werden sie in Trance selbst zu einem Gott oder einer Göttin. Oder sie stellen nur den Kontakt zur Gottheit her und teilen ihr mit, welches Anliegen die Gläubigen bewegt.

In diesem Ritual, das in einem kleinen Tempel mitten in Seoul stattfindet, richten gerade um ein Dutzend Menschen erwartungsvoll den Blick auf die völlig selbstvergessen herumwirbelnde Manshin. Die Mittlerin zwischen Göttern und Gläubigen wirft ihren Fächer von sich, schwingt ein Schwert und stößt Gebetsformeln aus. Die Collegeprofessorin hat Tränen in den Augen, während die neben ihr hockende Leiterin der Sprachenschule unverhohlen schluchzt. Die Helferinnen der Manshin trommeln unentwegt, bis die Schamanin sich schließlich zu Boden wirft, mit leeren Augen auf den mit Reiskuchen, Früchten und einem Schweinekopf bedeckten Altar starrt und zu wimmern beginnt.

Im Widerspruch zur Modernisierungsideologie

Was da auf den ersten Blick so wirke, als handele es sich um Hexerei, passe eigentlich so gar nicht zum Hightech-Image Südkoreas, sagt David A. Mason, Professor für Tourismus mit Schwerpunkt Kultur und Religion an der Sejong-University in Seoul:

"Einerseits hat sich hierzulande eine Art Modernisierungs-Ideologie breit gemacht. Nach dem Motto: Wir sind fortgeschritten und sehr gebildet. Dieser ganze Aberglaube ist ein Ding aus den 50er und 60er-Jahren, das wir hinter uns gelassen haben."

Und doch: "Dass Gläubige heute noch Baumgötter anbeten oder zu bestimmten Schreinen pilgern, die an der Küste hoch über den Klippen aufragen, wird gern abgestritten. In Wahrheit aber sind solche Praktiken in Südkorea weiterhin gang und gäbe."

Eine Nachtaufnahme zeigt die illuminierte Innenstadt von Seoul mit Ihren Hochhäusern udn Schnellstraßen. In der Mitte das historische Sungnyemun-Tor. (Getty Images / Chung Sung-Jun)Schamanismus passe eigentlich nicht zur Modernisierungs-Ideologie, wird aber weiterhin praktiziert, so Prof. David A. Mason (Getty Images / Chung Sung-Jun)

Die koreanischen Schamanen und Schamaninnen gelten als Mittler zwischen den Menschen und Göttern, Geistern und Dämonen, die für die verschiedenen Aspekte des täglichen Lebens verantwortlich zeichnen. Wer von einem Missgeschick oder einer Krankheit befallen ist, geht davon aus, die Götter seien wegen eines Fehlverhaltens verstimmt. Um das wieder gut zu machen, wenden die Betroffenen sich an einen Schamanen oder eine Schamanin, die mittels eines Rituales versuchen, die Gottheiten zu beschwichtigen.

Teilnehmer eines Zen-Kurses (imago / UIG)Teilnehmer eines Zen-Kurses (imago / UIG)

Der Schamanismus ist die älteste Religion Koreas. Die Verehrung von Geistern und der Natur und die Überzeugung, dass nicht nur dem Menschen eine Seele innewohnt, hat auch die später eingeführten Religionen befruchtet und durchdrungen. Taoismus, Buddhismus und Konfuzianismus tragen auf der koreanischen Halbinsel bis heute schamanistische Züge.

Darüber hinaus ist die südkoreanische Gesellschaft von buddhistischen und konfuzianistischen Werten geprägt. Vor allem die Morallehre des Philosophen Konfuzius hat den Koreanern eine ethische Rüstung eingebracht, die gerade jüngere Südkoreaner heute gern abschütteln würden, weil sie ihnen zu schwer geworden ist. Die von Konfuzius geforderten Tugenden wie Sorgfalt und Fleiß, Bescheidenheit und Gleichmut haben die Bewohner der Republik Korea binnen Kurzem weit gebracht. Was ihnen das abfordert, wollen einige aber inzwischen nicht mehr leisten.

Instant-Helfer bei allen Gefahren des Daseins

Wenn es darauf ankommt, nehmen viele Südkoreaner Zuflucht zum Schamanismus, der für die meisten die einzige religiöse Praxis ist, die mit beiden Beinen im Leben steht.

Die mit Göttern und Geistern verbundene schamanistische Schutzmacht samt ihrer Ritualspezialisten gilt als Instant-Helfer bei allen Gefahren des Daseins, sagt der Anthropologe Jongsung Yang:

"Wer Probleme mit seinem Geschäft oder innerhalb der Familie hat, wendet sich an einen Schamanen oder eine Schamanin. Wer Kinder hat, bittet um Rat, im Sinne von: Wie kann mein Sohn die Aufnahmeprüfung für eine bestimmte Universität schaffen? Oder auch: Wie finde ich einen guten Mann für meine Tochter? Desgleichen, wenn ein neues Haus gebaut wird – dann befragt man gern zuvor die schamanischen Priester oder Priesterinnen."

Es gibt viele Beispiele dafür, dass der Schamanismus jeden Tag aufs Neue einen Lichtschein in die unbarmherzige Lern- und Arbeitsrealität seiner Landsleute bringe, sagt Professor Jongsung Yang. Für Südkoreaner sei dieser Glaube ein Rettungsanker.

"Nein, ein Ende des Schamanismus in Korea, das kann ich mir nicht vorstellen! Im Gegenteil - er wird auch in Zukunft nicht im Geringsten an Bedeutung verlieren."

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