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StartseiteKultur heute"Asylschmarotzer und Welcome-Wahn"09.10.2016

Schauspiel Frankfurt"Asylschmarotzer und Welcome-Wahn"

Schauspiel und Tanz bietet der Autor Falk Richter gemeinsam mit der niederländischen Choreographin Anouk van Dijk indem Stück "Safe Places"“ Es geht um Menschen, die aus ihren Herkunftsländern fliehen. Ebenfalls in Frankfurt: "der Stumme Diener" von Harold Pinter, ein konkret-politisches Drama

Von Cornelie Ueding

Inszenierung SAFE PLACES (Birgit Hupfeld)
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"Ich bin Europa."

"Ich bin der Traum, der wahr wird."

"Ich bin all das, wonach du dich sehnst,

und ich werde alles tun, um meinen Wohlstand zu erhalten."

In einem rasanten Schnelldurchlauf bringen ein Dutzend Tänzer und Schauspieler aus aller Herren Länder alle gegenwärtig laufenden Diskurse zum Thema ‚Europa und Flüchtlinge’ auf die Bühne: Erst eine Gruppe im erregten Wortwechsel über Werte und Interessen, dann eine Welle aus zuckenden, fliegenden, stürmisch andrängenden, im nächsten Moment wieder auseinanderstiebenden Tänzern, die alle Theoriesplitter förmlich wegspülen und durch die harte konkrete Konfrontation mit Gewalt, Panik und Aggression ersetzen. Tische werden blitzschnell zu Barrieren, Stühle zu Ganzkörper-Fesseln.

Komischer Perfektionismus

Die Frankfurter Uraufführung von Safe Places ist ein einziger Wirbel aus Wörtern und Körpern, Argumenten und Bewegungen. Zwischendrin stöckelt eine mondän gestylte Reinkarnation Europas über die Bühne und memoriert mit selbstbewusstem Gestus die kulturellen Meriten und die politischen Abgründe des Kontinents. Komischer Perfektionismus mutiert zu wutschnaubender Selbstgerechtigkeit, wenn Constanze Becker deutsches Kulturgut am Beispiel der gefühlt 1.000 deutschen Brotsorten durchdekliniert, von Misch- und Sesam-, bis Roggen- und Zweikornbrot. Und wenn sie in andere Rollen schlüpft, denunzieren sich zum Beispiel Germania und Frau von Storch selbst als morbid-wahnsinnige und unsichere Kantonistinnen.

Bis zu einem gewissen Grad ist das eine Art Rocky Horror Picture Show in Sachen "Europäischer Werte" - alles, wirklich alles wird von "überforderten Frauen" und "völkischen Wirs", von Leuten, "denen grad alles zu viel wird" und solchen, die "einfach was machen wollen" zum Thema gemacht: Grenzen, Werte, die Festung Europa, die Mythen der deutschen Geschichte, Firewall und KZ, Asylschmarotzer und Welcome-Wahn.

Witz und Verve

Doch dieser stürmisch gefeierte Abend ist sehr viel als mehr als eine rasante Flugshow der Argumente, die im politischen Luftraum über uns herumschwirren, voller Witz und Verve, Temperament und Fantasie. Ganz ohne symbolhaftes Geraune und Bedeutsamkeitszauber wird das an der Kippe zum Zerfall stehende Projekt europäischer Werte und Defekte ironisch und ernsthaft zugleich zur Diskussion und auch zur Disposition gestellt. Keine neue Utopie, sondern – nur? - viele gute und ernsthaft gestellte Fragen über die Zukunft der Chimäre Europa. Mit offenem Ende.

Am Abend davor: zwei Einakter von Harold Pinter – Stücke voller Infamie, Gewalt und Menschenverachtung: "One for the Road" und "Der stumme Diener". Ein klug gedachtes Doppelprojekt. In einer metallkäfigartigen Kuppel werden ein Mann, dessen Frau und Kind verhört von einem professionellen Verwalter des Grauens – einem jener Typen, die dir in wohlgesetzten Worten einen Drink anbieten, bevor sie dir die Zunge abschneiden oder einen Kopfschuss geben.

"Gierigneu. Ich bin neugierig. Vor allem, weil ich so viel gehört habe von Ihnen. Auch, weil es einmalig wäre, wenn Sie mich nicht respektierten. Jeder andere hier weiß, dass aus mir die Stimme Gottes spricht."

Kein Spannungsmoment

Das Opfer spuckt eine Stunde lang Blut und ausgeschlagene Zähne, die Frau blubbert Seifenblasen aus dem misshandelten Körper und der Folterverwalter sondert gestelzte Sottisen ab. Aber jedem seiner Sätze fehlt der Subtext, fehlt die bestialische Gemeinheit. Nicht einmal der beiläufig hingeworfene letzte Satz "Ihr Sohn WAR ein Scheißkerl" wird in dieser Aufführung in all seiner Abscheulichkeit erkennbar. Instinktsicher gelingt es dem Regisseur Jürgen Kruse auch im zweiten Pinter-Stück, jede Doppelbödigkeit, Doppeldeutigkeit zu vermeiden - und damit auch hier jedes Spannungsmoment zu unterlaufen.

Was bei dem Sujet beinahe ein Kunststück ist. In einer muffigen Absteige warten zwei professionelle Killer auf den nächsten Auftrag. Sonnenbebrillte Gangster in Anzug und Krawatte, die herum blödeln und sich auf klapprigen Bettgestellen herumfläzen bis die Daunen fliegen. Auch hier wäre die giftscharfe Pointe am Ende zu finden gewesen – wenn sich herausstellt, dass der nächste Auftrag bereits vor Ort ist: in Gestalt eines der beiden Killer, der von seinem Kumpel plattgemacht wird. Doch selbst dieser Moment schrumpft zu einer unscharfen Andeutung und geht im allgemeinen Gekalauer unter.

Leider.

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