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StartseiteForschung aktuellWissenschaftler in den Fängen von Raubverlegern20.07.2018

ScheinkonferenzWissenschaftler in den Fängen von Raubverlegern

Auch renommierte Forscher gehen ihnen auf den Leim: Sogenannten Raubverlegern, die prominente Referenten zu Pseudokongressen einladen, um Teilnehmer anzulocken - und Kursgebühren zu kassieren. So auch bei einem Kongress über Klimawandel 2017 in Dubai, auf den ein renommierter Meteorologe hereinfiel.

Von Volker Mrasek

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Der Naturkatastrophen-Experten der MunichRe Peter Höppe (dpa / Peter Kneffel)
Der Chef-Meteorologe der Münchener Rückversicherung, Peter Höppe, ließ sich von einer Tochterfirma von OMICS International täuschen (dpa / Peter Kneffel)
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Peter Höppe ist Professor für Biometeorologie an der Universität München. Aber noch besser bekannt als langjähriger Leiter der Geo- und Klimarisikoforschung bei der Munich Re, der Münchener Rückversicherung. Der Meteorologe hält oft Vorträge auf Fachkonferenzen:

"Meistens ist es ja so, dass ich die Konferenzveranstalter von den wirklich guten wissenschaftlichen Konferenzen kenne und weiß, was mich erwartet."

Mutmaßlichem indischen Raubverleger auf den Leim gegangen

Doch wenn man im Internet recherchiert, dann entdeckt man Höppe auch als Hauptredner einer dubiosen Tagung in Dubai im Oktober 2017. "3. Weltkongress über Klimawandel und globale Erwärmung" - so nannte sich die Veranstaltung hochtrabend. Der Münchener Meteorologe war schon anderthalb Jahre vorher angeschrieben worden, wie er sagt:

"Man hat mich dann noch gebeten, doch auch Teil des Organisationskomitees zu werden. Aber je näher dann die Konferenz kam, desto mehr habe ich schon gemerkt, dass das eine Luftblase ist oder eine Seifenblase, die irgendwann zerplatzt. Und als ich dann vor Ort war, habe ich gemerkt, dass nur sehr wenige Teilnehmer da waren und auch die Vorträge von nicht sehr hoher Qualität."

Höppe war offenbar blauäugig. Noch spät in seiner wissenschaftlichen Karriere ging er einer Tochterfirma von OMICS International auf den Leim, einem mutmaßlichen indischen Raubverleger.

"Man fühlt sich dann schon missbraucht"

Laut Höppe hatte der vermeintliche Weltkongress am Ende nur 30 Teilnehmer. Er selbst sei nur hingereist, weil er zu der Zeit sowieso noch andere berufliche Termine in Dubai gehabt habe:

"Man fühlt sich dann schon missbraucht. Es war allerdings in meinem ganzen wissenschaftlichen Leben die einzige und erste Erfahrung in dieser Art. Ich habe auch nichts bekommen dafür. Das muss man auch ganz klar sagen. Ich habe am Ende des Kongresses noch mal den Veranstaltern, die ja selber nicht vor Ort waren, geschrieben, dass ich mich missbraucht fühlte und dass sie von jeglichen Einladungen zu zukünftigen Kongressen Abstand nehmen sollen."

Weiterhin Werbung mit Foto des Wissenschaftlers

Was der Experte für Bioklimatologie nicht wusste: Die OMICS-Tochter wirbt weiterhin mit ihm. Und zwar für einen ganz ähnlichen Kongress, der Anfang August in Japan stattfinden soll:

"Das ist mir nicht recht, worauf ich ja jetzt erst durch Ihren Hinweis gestoßen bin, dass ich immer noch mit Foto abgebildet bin und der Eindruck erweckt wurde, dass ich mit diesen aktuellen Kongressen noch etwas zu tun habe. Ich habe sofort eine E-Mail an die Veranstalter geschickt und protestiert."

Höppes Foto wurde aber nicht von der Internetseite entfernt. Der Veranstalter führt ihn jetzt einfach nicht mehr als "renommierten Redner" wie vorher, sondern als "früheren".

Motivation: Konferenzgebühren kassieren

An der Tagung in Dubai nahm auch der deutsche Geophysiker Hans Joachim Müller teil, Gastforscher am Karlsruher Institut für Technologie. Auch er erklärte auf Anfrage, es habe sich allenfalls um einen Workshop gehandelt, keineswegs um einen Weltkongress.

Peter Höppe will gar nicht beschönigen, dass er sich vor den Karren eines Veranstalters spannen ließ, dem es vermutlich nur darum geht, Konferenzgebühren zu kassieren:

"Die Motivation ist mir sehr klar. Man hat versucht, bekannte Referenten einzuladen als Lockmittel, um eben Teilnehmer zu dieser Konferenz zu locken. Die ganze Veranstaltungsserie ist ja kommerziell ausgerichtet. Ich finde natürlich das Geschäftsmodell nicht ganz lauter, dass man eben Menschen mit falschen Vorgaben und falschen Versprechungen da Geld abnimmt."

Unzählige Konferenzen - unzählig getäuschte Forscher?

Verlockend könnte natürlich auch sein, dass solche Tagungen gerne mal in 5-Sterne-Hotels abgehalten werden und in sehenswerten Großstädten rund um den Globus. Das gilt im Übrigen nicht nur für Klimakonferenzen. Die OMICS-Gruppe ist auf unzähligen Feldern der Wissenschaft und Medizin aktiv, wie ihr Chef Srinubabu Gedela einer indischen Zeitung sagte. Allein in diesem Jahr veranstaltet die Unternehmensgruppe demnach 3.000 Konferenzen, Workshops und Symposien.

Und es gibt durchaus noch andere Firmen, die im Ruf stehen, zweifelhafte wissenschaftliche Tagungen auszurichten. Sodass man sich schon verwundert die Augen reibt: Wie kann es sein, dass sich so viele Forscher hinters Licht führen lassen?

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