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Schilderstreit zwischen Bozen und Rom

Luis Durnwalder, Landeshauptmann von Südtirol, hat im Streit um einsprachige Hinweisschilder in der Region den Wunsch der örtlichen Bevölkerung nach deutschen Flurnamen für Wiesen oder Wälder bekräftigt. Die italienische Zentralregierung in Rom verlangt von der Autonomieregion, auch italienische Namen auszuzeichnen.

Luis Durnwalder im Gespräch mit Christoph Heinemann | 06.08.2010

Christoph Heinemann: Wenn sich Angela Merkel in diesen Tagen in Südtirol auf Wanderschaft erholt, wird sie die Hinweistafeln vermutlich nicht benötigen. Man darf davon ausgehen, dass spätestens die Personenschützer der Bundeskanzlerin wissen, welche Wege die Regierungschefin zu ihrem Ziel wählen muss. Aber vielleicht freut sich Angela Merkel ja über die Wegweiser in deutscher Sprache, obwohl sie die Ferien ja in Italien verbringt. Diese auf den ersten Blick harmlosen Tafeln bilden im übertragenen Sinne Steine des Anstoßes: Zwischen Bozen und Rom verschärft sich der Ton. Die Regierung in Rom hat gedroht, die italienische Armee werde die deutschsprachigen Hinweise entfernen. Der Südtiroler Landeshauptmann Luis Durnwalder schließt nicht gänzlich aus, die österreichische Regierung einzuschalten und damit den in der Autonomieregelung für Südtirol vorgesehenen Schutzmachtmechanismus in Gang zu setzen. Erst 1992, nach konfliktreichen etwa 45 Jahren, hatte Österreich den Streit um Südtirol gegenüber der italienischen Regierung offiziell für beigelegt erklärt. Am Telefon ist jetzt Luis Durnwalder, der Landeshauptmann von Südtirol. Guten Morgen!

Luis Durnwalder: Guten Morgen!

Heinemann: Herr Durnwalder, wieso stören Wegweiser in deutscher Sprache die Politiker in Rom?

Durnwalder: Ja, das verstehe ich selber nicht. Sie wissen ja, dass es so war: Bis 1919 waren wir ja bei Österreich als Südtirol. Und dann war die Zeit des Faschismus, und damals hat es gestört, dass wir Deutsch sprechen und eine deutsche Kultur haben, eine deutsche Geschichte und Tradition. Und deswegen hat man auch die deutschen Namen abgeschafft, die Schreibnamen, aber auch die Vornamen, und auch die Flurnamen und die Gemeindenamen. Die sind alle durch italienische Namen ersetzt worden. Die deutschen sind außer Kraft gesetzt worden und italienische sind eingeführt worden. Nach 1945 hat man wieder die deutschen Namen geduldet, und es hat dann geheißen, als wir eine Autonomie bekommen haben, dass wir die deutschen Namen wieder einführen können mit der Pflicht zur Zweisprachigkeit. Deswegen sind wir einverstanden, dass in Südtirol die Gemeinden und Katastralgemeinden in beiden Sprachen aufscheinen, auch die großen Berge und Flüsse, das heißt, dass sie sowohl deutsche als auch italienische Namen tragen. Nicht einverstanden sind wir aber, dass die Flurnamen, die Wiesen und die Wälder und die Äcker und die Almen, dass die in italienischer Sprache aufscheinen. Wir sind der Meinung, dass das ein Teil unserer Kultur und unserer Geschichte ist und deswegen sagen wir, dass diese Namen in der ursprünglichen Form, wie sie in der Geschichte entstanden sind, bleiben sollten, denn das wäre eine Geschichtsfälschung.

Heinemann: Nun gehört Südtirol zu Italien. Ist es da nicht normal, dass man Wegweiser in beiden Sprachen - keiner redet ja darüber, dass man auf das Deutsche verzichten müsste -, aber in beiden Sprachen dann beschriftet?

Durnwalder: Ja, wir sind einverstanden, dass die Hinweise wie zum Beispiel "See" auch "lago" heißt, wie zum Beispiel "Schutzhaus" "rifugio" heißt oder "Steig" "sentiero", das heißt, das alle diese Begleitnamen in beiden Sprachen aufscheinen sollten. Aber der ursprüngliche Name wie zum Beispiel "Obereggen", das soll "Obereggen" bleiben und nicht "San Floriano". Das heißt: Man hat früher unter dem Faschismus einfach die deutschen Namen abgeschafft und hat italienische Begriffe hingestellt, und wir sagen: Das lassen wir uns nicht gefallen, es sollten die Namen verwendet werden, die bereits auch in den von den Italienern selbst in deutscher Form vielfach verwendet werden. Zum Beispiel mich hat er übersetzt "Durnwalder" in "Durnariselva" - ich heiße halt Durnwalder und nicht Durnariselva! Oder zum Beispiel in meiner Heimatgemeinde "Ried" hat er "Novale" übersetzt. Alle Bevölkerungsschichten sagen halt Ried, und ich sehe nicht ein, dass wir jetzt sollten einen Begriff, der im Jahr 1923 erfunden worden ist, das heißt Novale, offiziell jetzt als Namen verwenden sollten. Wir sind einverstanden, Gemeinden zweisprachig, Katastralgemeinden zweisprachig, Flüsse und große Berge zweisprachig; wir sind auch einverstanden, dass die zusätzlichen Begriffe, die irgendetwas aussagen wie See und der Steig und Straße, das dort in beiden Namen angeführt wird, denn das sind Hinweise.

Heinemann: Wenn man sich mal in die andere Seite hineinversetzt, Herr Durnwalder: Müssen einsprachige deutsche Wegweiser oder Flurnamen in Rom nicht wie eine Provokation wirken?

Durnwalder: Ja, schauen Sie: In Rom wissen sie hundertprozentig nicht, wo Honigberg ist oder wo Ried ist oder wo Obereggen ist oder Reinswald oder Durnwald und so weiter. Ich bin halt der Auffassung, dass die örtliche Bevölkerung sagen sollte, wie ein Ortsteil heißt. Der Bauer, der sagt, wie sein Feld heißt, oder die örtliche Bevölkerung, wie dieses Gebiet innerhalb einer Gemeinde heißt.

Heinemann: Herr Durnwalder, ist Umberto Bossi, der Chef der in Rom mitregierenden regionalistischen Partei Lega Nord, für Sie ein Verbündeter? Bossi betont ja immer wieder die Eigenständigkeit, zum Beispiel in der lombardischen oder venezianischen Sprache und Kultur.

Durnwalder: Schauen Sie, es sagt ein italienisches Sprichwort: "Tra il dire e il fare c'è die mezzo il mare", zwischen dem Sagen und den Tun ist das Meer dazwischen, und so ist es halt auch bei Bossi. Bossi will zum Beispiel Bergamo in Bergem umwandeln, oder Bossi will zum Beispiel, dass die einzelnen Gemeinden entscheiden, wie die einzelnen Orte und so weiter heißen, will wieder die alte Geschichte, Geschichtsnamen einführen. Ja, nur was uns betrifft, da scheint er halt, dass er etwas anderes möchte, oder jedenfalls nicht dafür eintritt, dass auch bei uns mit gleichem Maß gemessen wird.

Heinemann: Nun hat der italienische Regionalminister Raffaele Fitto angedroht, deutschsprachige Hinweistafeln von der Armee sogar entfernen zu lassen, falls Sie, falls die Regierung von Südtirol, nicht tätig werde. Wie reagieren Sie auf diese Ankündigung?

Durnwalder: Ja, erstens mal glaube ich nicht, dass er das wirklich tun würde, und zweitens weiß ich ganz genau - und das können Sie auch nachfühlen: Wenn heute wirklich die Polizei oder das Heer kommen würden und diese alten Schilder wegnehmen würden und andere hingeben würden, dann würden die nicht lange stehen, denn die Ortsbevölkerung würde halt wahrscheinlich die dann entfernen. Wobei ich noch einmal sage: Auch wir haben, das heißt, der Alpenverein hat einen Fehler gemacht, dass in den letzten Jahren die italienischen Beinamen wie "sentiero", das heißt Steig oder Straße und so weiter, nicht übersetzt worden ist. Das muss gemacht werden und dafür stehe ich auch ein.

Heinemann: Was erwarten Sie von der österreichischen Regierung? Ist das jetzt schon ein Fall für die Schutzmacht, die im Autonomiestatut ja als solche definiert ist?

Durnwalder: Ich glaube nicht. Zunächst einmal sollten wir streiten und sollten wir uns bemühen, eine Einigung zu finden. Ich habe ein Angebot unterbreitet und ich hoffe halt, dass man doch so vernünftig ist und dass man nicht heute noch mit faschistischen Methoden irgendeine Kultur und Tradition und Geschichte auslöschen möchte, sondern dass man Verständnis hat, so wie es auch in Auster ist. Dort sind die einzelnen Flurnamen alle in Französisch oder auch in Julisch Venetien sind sie vielfach Slowenisch und vielfach Ladinisch, und ich glaube, dass das eine Selbstverständlichkeit sein sollte. Ich habe immer Respekt, wenn ich irgendwo hinkomme und sehe: Dort sind halt diese in irgendeiner Form geprägten Namen. Das ist ein Teil der Geschichte, und Europa ist ja dann schön, wenn eben die Vielseitigkeit auch zum Ausdruck kommt.

Heinemann: Das heißt, Sie glauben nicht, dass die Regierung Berlusconi eine Italianisierung Südtirols anstrebt?

Durnwalder: Ich weiß, dass da die Gelüste da wären. Aber ich glaube, dass die Zeiten nicht mehr da sind. Wir leben in Europa und ich glaube, in Europa sollte halt die Verschiedenheit der Kulturen doch immer noch zum Ausdruck bringen.

Heinemann: Aber im Ernstfall schließen Sie es nicht aus, dass Sie die Schutzmacht in Wien, dass Sie Österreich anrufen würden?

Durnwalder: Das würde erst dann der Fall sein, wenn wir wirklich sehen, dass es hart auf hart geht, das heißt, dass man wirklich dann uns etwas wegnehmen würde, was uns durch die Erfahrung und die geschichtliche Entwicklung heilig geworden ist. Das heißt, ansonsten bin ich der Meinung, dass man nicht wegen jeder Kleinigkeit zum armen Österreich laufen sollte, sondern erst dann, wenn unsere Verhandlungen und unsere Kräfte nicht mehr in der Lage sind, dies zu lösen.

Heinemann: Herr Durnwalder, das Autonomiestatut für Südtirol galt lange und gilt noch als Modell für die Befriedung regionaler Konflikte. Hat sich dieses Statut bewährt?

Durnwalder: Das hat sich sehr bewährt und Sie wissen ja, Südtirol war in den 60er-Jahren Armenkammer, das heißt, Südtirol hat überhaupt nichts gehabt. Wir waren arm, und ich habe vor zwei drei Tagen zum Beispiel die jüngste Statistik bekommen, dass wir das höchste Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner haben von ganz Italien. Das heißt: Durch die Autonomie haben wir die Möglichkeit gehabt, dass wir eine Politik betreiben können, die auf unsere Verhältnisse Rücksicht nimmt, die uns arbeiten lässt, die uns was machen lässt. Wir haben 2,8 Prozent Arbeitslose und wir haben einen gewissen Lebensstandard, das heißt: Die Autonomie hat uns die Möglichkeit gegeben, mit zu entscheiden und auch mit zu verantworten. Und wenn die Bevölkerung fleißig ist, dann geschieht halt etwas, und das ist die Frucht der Autonomie.

Heinemann: Luis Durnwalder, der Landeshauptmann von Südtirol. Danke schön für das Gespräch und auf Wiederhören!

Durnwalder: Ich danke Ihnen, auch schönen Tag und auf Wiedersehen!