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Startseite@mediasresFreie Journalisten beklagen erschwerte Recherche22.10.2019

Schlechte ZahlungsmoralFreie Journalisten beklagen erschwerte Recherche

Ausstehende Honorare in vierstelliger Höhe haben den Journalisten Christian Gesellmann zu einem wütenden Text bewogen. Auch Kollegen von ihm beschweren sich über säumige Auftraggeber - und die negativen Folgen für die Berichterstattung.

Von Annika Schneider

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Eine junge Frau prüft ihre Kontoauszüge, während sie vor ihrem Laptop sitzt. (dpa / picture alliance / Hans Wiedl)
Nicht nur im Journalismus, auch in anderen freien Berufen können ausstehende Honorare zu finanziellen Engpässen führen (dpa / picture alliance / Hans Wiedl)
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Ohne freie Journalisten blieben Zeitungsseiten leer, Radiosendungen müssten ausfallen. Denn in vielen Redaktionen übernehmen die Festangestellten vor allem die Themenplanung. Die Freien dagegen sind meist die, die die Inhalte liefern: Sie erledigen die eigentlichen Kernaufgaben des Journalismus, das Recherchieren und Schreiben.

Wenn die Freien also unter prekären Arbeitsbedingungen leiden, dann hat das Folgen auch für die Hörerinnen, Leserinnen und Nutzerinnen, wie die Dortmunder Journalistikprofessorin Wiebke Möhring erklärt: "In erster Linie führen schlechte Arbeitsbedingungen tatsächlich dazu, dass die Qualität der Berichterstattung schlechter wird."

Wut über säumige Auftraggeber

Denn Journalisten mit Geldsorgen haben keine Zeit für aufwendige Themen. Christian Gesellmann zum Beispiel hat überregionale Geschichten geschrieben, auch für große Zeitungen. Das macht er inzwischen kaum noch.

Anfang Oktober ist dem freien Journalisten aus Leipzig der Kragen geplatzt. Seinem Ärger hat er auf Facebook Luft gemacht. Anlass für den langen Post war "der übliche Blick aufs Konto, halt so in der zweiten Woche vom Monat. Und das halt wieder eine Woche, wo vier, fünf Leute, die mir hätten Geld überweisen sollen, also Auftraggeber, das wieder nicht gemacht haben".

Viel Zustimmung auf Facebook

Er habe Honorare in vierstelliger Höhe ausstehen, zum Teil noch aus dem Juni, schreibt Christian Gesellmann auf Facebook – und das im Oktober. Sein Dispo sei fast ausgereizt. Wenn er bei Auftraggebern nachfrage, sei niemand zuständig. Es sei erniedrigend, auf diese Art betteln zu müssen:

"Man kann halt nichts planen! Man will umziehen, muss eine Kaution hinterlegen. Und ich kann ja keinem Vermieter sagen: Ja, tschuldigung, meine Honorare stehen noch aus. Sondern der sagt: Entweder Sie haben die Kaution oder die Wohnung kriegt jemand anders."

Der 35-Jährige steht mit seinem Problem nicht allein da. Das zeigen zum einen die Kommentare unter seinem Facebook-Eintrag. "Einen Post der so oft geteilt wird, habe ich noch nie geschrieben", sagt er.

Thema auch beim Berufsverband

Das zeigen aber auch Berichte vom Verband Freischreiber, der sich für die Belange von freien Journalistinnen und Journalisten einsetzt. Seit zwei Jahren landen dort besonders viele Anfragen von Mitgliedern, die an säumigen Auftraggebern verzweifeln.

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Nicht alle Verlage zahlten unpünktlich, sagt Carola Dorner, die Vorsitzende der Freischreiber. Aber insgesamt scheine die Zahlungsmoral nachzulassen:

"Man gibt einen Artikel ab, hört erstmal vier Wochen lang nichts. Irgendwann hört man dann: Er wird gebracht, eventuell, in der übernächsten Ausgabe. Dann erscheint er doch nicht. Bezahlt wird aber nach Erscheinen, zumindest relativ häufig. Und manchmal entscheidet sich auch eine Zeitung spontan, den Artikel nicht zu veröffentlichen, und dann sollte es einfach mal ganz schnell, ganz automatisch um ein Ausfallhonorar gehen."

Nachfragen werden vertröstet

Wobei Ausfallhonorare oft nur einen Teil der ursprünglich vereinbarten Summe betragen. Viele Journalisten sähen sich noch nicht einmal in der Lage, das zu fordern, sagt Carola Dorner – stattdessen ließen sie sich immer wieder vertrösten. Ein klassische Auskunft: Die zuständige Person sei leider nicht da.

"Keine Ahnung, wie die sich immer alle die Arme brechen, aber ich hab manchmal den Eindruck, alle Menschen, die in Buchhaltungen arbeiten, haben wahnsinnig gefährliche Hobbys, weil es gibt tatsächlich sehr, sehr oft gebrochene Arme und was auch immer…"

Für Freiberufler ist das schnell existenzgefährdend – selbst wenn sie Rücklagen haben. Bei Christian Gesellmann sind die inzwischen aufgebraucht.

Vorschüsse noch unüblich

Dabei ginge es auch anders. Die Journalistikprofessorin Wiebke Möhring forscht derzeit in Lokalzeitungen und ist dort auf einen Lösungsansatz gestoßen:

"Etwas, das in Redaktionen eben auch gerade überlegt wird, dass wenn man weiß, dass jemand wahrscheinlich höhere Spesen haben wird, dass man da schon einmal einen Vorschuss zahlt, damit eben nicht noch das eigene Konto belastet wird. Das wäre eine ganz kleine Stellschraube, die zu ganz großen Zufriedenheiten einfach zahlen (sic) würde. Wenn ich mich darauf verlassen kann, dass die Leistung, die ich diesen Monat erbracht habe, spätestens am Anfang des kommenden Monats bezahlt ist, dann habe ich ja einfach eine viel größere Planbarkeit in meinen Einnahmenstrukturen."

Aber weit verbreitet sei dieses Konzept noch nicht – und dass viele Redaktionen immer weniger Ressourcen haben, ist da keine Hilfe.

Christian Gesellmann nennt keine Namen. Konfrontieren kann man die schwarzen Schafe also nicht mit den Vorwürfen. Für ihn hat sich sein Wutpost auf Facebook trotzdem gelohnt. Schon kurz danach trudelten ausstehende Zahlungen auf seinem Konto ein.

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