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StartseiteSprechstundeÜberlebensstrategie des Körpers13.01.2015

SchockÜberlebensstrategie des Körpers

Radiolexikon Gesundheit

Fast jeder kennt zumindest milde Formen des psychogenen Schocks. Behandelt wird er fast nur in schweren Fällen, bei ohnmächtigen oder desorientierten Patienten etwa. So unangenehm Schocks auch sein mögen, sie waren eine Überlebensstrategie unserer Vorfahren.

Von Mirko Smiljanic

Eine Patientin bekommt eine Infusion.  (picture-alliance / dpa / Klaus Rose)
Die Behandlung eines Schock-Patienten kommt auf die Kategorie des Schocks an. (picture-alliance / dpa / Klaus Rose)
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Medizinthemen von A bis Z - Radiolexikon Gesundheit
(Deutschlandfunk, Sprechstunde, 02.12.2014)

Berlin-Charlottenburg, Kaiserdamm. Die sechsspurige Prachtstraße zählt zu den höchst belasteten Verkehrswegen der Hauptstadt. Unfälle sind keine Seltenheit.

Blechschäden sowie leichte bis mittelschwere Verletzungen - das ist in fast allen Fällen die Bilanz der Polizei. Nur ein Punkt findet nur selten Eingang in die Statistik: das vom Unfall ausgelöste Schocksyndrom.

"Wenn wir geschockt sind, dann verkrampfen wir, es kommt dazu, dass möglicherweise Fluchtreflexe ausgelöst werden, dann kommt es zu einem Blutdruckabfall, dann kommt es zum Schweißausbruch", sagt Professor Edmund Neugebauer, Direktor am Institut für Forschung in der operativen Medizin der Universität Witten/Herdecke.

Fast jeder kennt zumindest milde Formen des psychogenen Schocks. Behandelt wird er fast nur in schweren Fällen, bei ohnmächtigen oder desorientierten Patienten etwa. So unangenehm Schocks auch sein mögen, sie waren eine Überlebensstrategie unserer Vorfahren. Traf ein früher Homo sapiens etwa auf Feinde, verwandelt der Schock ihn binnen weniger Sekunden in eine Kampfmaschine: Blut schießt aus Armen und Beinen in überlebenswichtige Organe, die Ausdauer klettert rasant nach oben, Schweiß vermindert die Griffigkeit, Feinde können ihn nur schwer festhalten, vor allem aber sind geschockte Menschen schmerzunempfindlich.

"Es kommt zu einer starken Stressreaktion, Cortisol, das ist ja ein körpereigenes Hormon, nicht nur ein Dopinghormon, das wird in extremen Maße ausgeschüttet, und Kortison selber ist auch ein Schmerzmittel, es führt dazu, dass der Patient weniger Schmerzen hat und auch die nicht mehr empfindet, auch die Oberflächen des Körpers sind nicht mehr so empfindlich, Boxer zum Beispiel, die haben soviel Adrenalin und soviel Cortisol ausgeschüttet, die merken den Schmerz nicht."

Psychogener Schock

Der Schock als Überlebensstrategie des Körpers. Dies gilt für den psychogenen Schock ebenso wie für die anderen Schockarten. Vier Kategorien unterscheiden Ärzte.

"Der Klassiker, wenn Sie so wollen, ist der traumatische Schock, also Schock durch einen Unfall bedingt durch Blutverlust."

In einem solchen Fall stabilisiert der Körper sofort den abfallenden Blutdruck über zwei Wege: Erstens schüttet er die Hormone Adrenalin und Noradrenalin in hoher Konzentration aus, was zu einem Anstieg der Herzfrequenz und damit zu einem höheren Blutdruck führt; und zweitens wird der Blutkreislauf auf die überlebenswichtigen Organe Herz und Hirn konzentriert. Dadurch kommt es zu einer Unterversorgung des Gewebes.

"Die großen Gefäße sind ja dazu da, den Sauerstoff in die kleinen Gefäße zu bringen, deshalb spielt sich das Ganze in der sogenannten Mikrozirkulation ab. Es passieren dann eigentlich die Schäden an den Zellen, die nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt werden, die verminderte Mikrozirkulation führt dann zu einer Verschlimmerung des Schockzustandes."

Septischer Schock

Neben dem Volumenschock unterscheiden Mediziner noch drei weitere Schockarten. Dies sind der septische Schock, bekannter unter dem Begriff Blutvergiftung.

"Da kommt es dazu, dass entweder von außen Bakterien in die Blutbahn gelangen, wo sie nicht hingehören, oder - und das ist das Schlimme, deswegen spielt die Mikrozirkulation eine wichtige Rolle - Bakterien vom Darm, was ja ein großes Reservoire ist, das weiß jeder, eben unter einer schlechten Mikrozirkulation vom Darm in die Blutbahn gelangen und einen septischen Schock verursachen. Dann gibt es den anaphylaktischen Schock. Das ist ein Schock, den man bekommen kann als Nebenwirkung von Arzneimitteln oder auch nach einem Bienenstich, da kann man auch in einen anaphylaktischen Schock geraten, allergischen Schock nennt man das, das ist eine dritte Form."

Kardiogener Schock

Und die vierte Schockvariante schließlich heißt bei Medizinern kardiogener Schock, bei dem das Herz nicht mehr genügend Blut in den Kreislauf pumpt. Ursachen kardiogener Schocks sind Erkrankungen des Herzens, Infarkte oder schwere Herzrhythmusstörungen etwa. Weniger Bedeutung haben der neurogene Schock durch Rückenmarkverletzungen und der Zuckerschock. Obwohl Schockzustände seit Langem bekannt sind, ist die Diagnose immer noch ein Problem. Als Beispiel nennt Edmund Neugebauer vom Institut für Forschung in der operativen Medizin der Universität Witten/Herdecke den septischen Schock. Die Diagnose dieses Syndroms ist kompliziert:

"Weil dort durch die Bakterien oder Folgewirkungen der Bakterien es zu einer völligen Veränderung des Immunsystems kommt. Wir wissen gar nicht, welche Faktoren im Immunsystem alle tatsächlich zusammenwirken, da gibt es ganz viele Theorien, jeder hat sein eigenes Leitbild oder Vorstellung, und es geht jetzt darum, den Schock möglichst frühzeitig zu diagnostizieren. Und zwar richtig zu diagnostizieren, um darauf basierend die richtigen Maßnahmen einzuleiten."

Unterschiedliche Maßnahmen

Und die sind von Schocktyp zu Schocktyp völlig unterschiedlich. Vergleichsweise einfach sind die Maßnahmen beim Volumenschock, wenn ein Patient also viel Blut verliert. Regel Nummer eins: Beine hoch lagern!

"Das ist die Erstmaßnahme, das lernen wir ja auch in den ABC-Kursen, aber dann muss man Flüssigkeit zuführen, und da ist der große Streitpunkt, zu welchem Zeitpunkt man welche Flüssigkeit nehmen soll. Man möchte die Mikrozirkulation unterstützen, aber es gibt eine kritische Größe, wo man zu wenig Sauerstoffträger hat, weil das Blut zu stark verdünnt das Blut, dass man nicht mehr ausreichend Sauerstoff hat."

Und letztlich die Unterversorgung des Gewebes mit Sauerstoff noch potenziert wird. Gleichzeitig gerät das Gerinnungssystem aus den Fugen. Der Patient blutet diffus.

"Und wir haben keine Möglichkeit, dieses Blut zu stellen. Deshalb ist die frühe Gerinnung möglichst zu stabilisieren, ist eine der Ansätze. Das hat man lange Zeit unterschätzt beim Blutungsschock."

Nur selten als Todesursache erkannt

Überhaupt scheint der Schock ein eher unbekanntes Feld zu sein. Geradezu erschreckend ist zum Beispiel, dass er nur selten als Todesursache erkannt wird.

"Das ist fast die Regel. Ich will Ihnen ein Beispiel geben, Johannes Paul, unsere ehemaliger Papst, vor Benedikt ist an einer Urosepsis verstorben. Das stand aber nicht auf dem Totenschein. Er hatte ja Parkinson gehabt und man hat gedacht, na gut, das ist jetzt eine Folge von Altersschwäche und Parkinson, konkret verstorben ist er aber an einer Urosepsis, das heißt einer Sepsis, die ausgelöst wurde durch Bakterien, die über die Nieren gekommen sind."

Nicht nur medizinische Laien wissen wenig über Schockzustände, selbst Mediziner haben ihre Probleme. Der Schock, sagt Edmund Neugebauer, ist keine Krankheit, sondern ein Syndrom.

"Eine Krankheit ist, Sie haben eine entzündete Gallenblase, klar definiert, oder Sie haben einen entzündeten Blinddarm, klar definiert, das kann ich hinschreiben, das weiß ich ganz genau. Schock ist irgendwas, da sind mehrere Organe betroffen, das ist nicht genau, auf ein Organ zuzuschneiden, deshalb geht man mit diesem Begriff auch anders um und nennt es nicht Krankheit, sondern nennt es Syndrom. Und diese Unschärfe macht es eigentlich, dass es nicht in die Öffentlichkeit gerät, wie es geraten müsste."

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