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StartseiteEuropa heuteLebensraum des Industriezeitalters wird davongesprengt25.09.2015

SchottlandLebensraum des Industriezeitalters wird davongesprengt

Glasgow galt als Hauptstadt des sozialen Wohnungsbaus. Die Hochhausbauten, die vor 40 Jahren für Fortschritt, Modernität und guten Wohnraum standen, sind heute bekannt für Armut, Kriminalität und Drogenmissbrauch. Viele sind schon abgerissen worden. Nun steht das nächste Haus vor der Sprengung.

Von Kirsten Zesewitz

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Sie sind nicht zu übersehen, von keinem Punkt der Stadt: Die sechs gewaltigen Hochhäuser stehen auf einer Anhöhe im Norden von Glasgow, außerhalb des Autobahnrings – was schon etwas heißen will in einer Stadt, die von Trassen und Autobahnen schier zerschnitten wird.

"Das ist also Red Road. Das waren mal die höchsten Wohnhäuser Westeuropas, über 4000 Menschen lebten hier. Für die meisten war das Utopia: Sie müssen wissen, Glasgow hatte die furchtbarsten Elendsviertel zu dieser Zeit – und hier gab es: Fußbodenheizung, Innentoilette, heißes Wasser. Das war die Zukunft!"!

Chris Leslie schleppt sein Stativ den Hügel hinauf, die Fototasche über die Schulter gehängt: Von oben habe man einen guten Blick auf die Häuser. Seit acht Jahren dokumentiert der Filmemacher das Verschwinden der Glasgower Sozialwohnblocks.
"Glasgow Renaissance" heißt sein Multimedia-Projekt. Chris hat mit den letzten Mietern gesprochen, die leeren Zimmer gefilmt – nun also der Abriss.

Chris positioniert seine Kamera: in Vordergrund ein verrostetes Fußballtor – dahinter die entkernten Stahlgerippe. An zwei Stellen ist der Korpus mit einer schwarzen Plane umwickelt – hier sitzt der Sprengstoff:

Chris Leslie:
"Die sind alle bereit, außer dem hier vorne, wo noch gearbeitet wird. Es wird ein gewaltiger Trümmerberg übrig bleiben – und dann? Was passiert danach? Hier ist doch nichts! Früher waren die Fabriken da, aber die sind lange weg. Das war immer das Problem von Red Road: Du brauchst einen Bus, um wegzukommen."

Abbruchvorbereitungen laufen auf Hochtouren

Am Fuß des Hügels schaffen Bagger emsig den Bauschutt davon: Das Geschäft mit dem Abbruch läuft auf Hochtouren, seit 2006 hat die Stadt ein Viertel ihrer Sozialwohntürme abgerissen. Auch Red Road hätte schon vor einem Jahr verschwinden sollen: Zur Eröffnung der Commonwealth Games 2014 war die Sprengung als krachender Show-Act geplant. Das wiederum fanden Tausende Glasgower eher geschmacklos – der Abriss wurde abgesagt.

Chris kramt ein Objektiv aus seiner Tasche. Die Wolken hängen tief an diesem Morgen. Fast ein wenig apokalyptisch ragen die halb nackten Häuser in den grauen Glasgower Himmel...

"Hoffentlich regnet es nicht..."

Chris legt das Stativ auf der Schulter: Er brauche noch eine Totale vom Gelände (sagt er).

Vorgarten-Häuser ersetzen die Hochhaustürme

Um die Ecke, auf der anderen Seite der Abrissblocks kommen neue Häuser zum Vorschein: braun, drei Stockwerke, Vorgarten. Noch sind sie unbewohnt. "Better homes, better lives" prangt in großen Lettern auf einer Hauswand – das Motto der "Glasgow Housing Association". Sie hat den maroden Bestand der ehemals städtischen Wohnungsbaugesellschaft übernommen.

Chris Leslie:
"Diese Häuser sollen jetzt modern sein: Ein Garten, das wollten die Leute. Aber die sind so schnell hochgezogen worden, Massenproduktion, billiges Material – ich fürchte, dass wir in 30 Jahren vor der gleichen Situation stehen wie heute. Und es braucht mehr als nur neue Häuser: Da geht's um Arbeit. Glasgow war mal eine Industriestadt – heute gibt's nur noch Jobs im Dienstleistungssektor. In einigen Vierteln Glasgows haben die Menschen seit drei Generationen nicht gearbeitet. Da gibt's viel zu tun – neue Häuser allein lösen die Probleme nicht."

Chris packt seine Kamera ein, der Regen ist nun doch stärker geworden – und spätestens am Tag der Sprengung ist er ja wieder hier...
Es wird das Ende seines Fotoprojektes sein.
Chris Leslie:
"Es wird das Ende einer langen Dokumentation sein. Die Sprengung findet immer sonntags statt, um zehn Uhr. Wir sitzen unter diesen Bäumen da – ich, ein paar Pressefotografen und vielleicht 100 Anwohner, manchmal noch im Schlafanzug."

 

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