Carolin Amlinger: "Schreiben. Eine Soziologie literarischer Arbeit"Schreiben im Zeitalter seiner optimalen Verwertbarkeit

In "Schreiben. Eine Soziologie literarischer Arbeit" zeichnet die Soziologin Carolin Amlinger die Entstehung des Literaturbetriebs nach. Die umfangreiche Studie verdeutlicht, wie die Logik des Marktes historisch stärker zunimmt. Der Schreibprozess bleibt davon nicht unberührt.

Von Heidemarie Schumacher | 03.12.2021

Carolin Amlinger: „Schreiben. Eine Soziologie literarischer Arbeit“
Wie beeinflusst der Markt die Literatur? Die Soziologin Carolin Amlinger hat mit „Schreiben. Eine Soziologie literarischer Arbeit“ eine materialreiche Studie verfasst. (Buchcover: Suhrkamp Verlag, Hintergrund: IMAGO / Shotshop)

Ein Buch ist geschrieben, nun soll es in die Welt treten. An diesem Punkt schlägt den Bewohnerinnen und Bewohnern des Elfenbeinturms der raue Wind der Wirklichkeit entgegen: das Manuskript muss auf den Markt, wenn es Leserinnen und Leser erreichen will. Wie sich literarische Produktion und Vermarktung durchdringen, historisch und gegenwärtig, bildet eine wichtige Facette in der umfangreichen Studie, die die Soziologin Carolin Alminger über das literarische Schreiben verfasst hat. Ein erster großer Teil, auf den Theorien von Marx, Adorno und Bourdieu fußend, umfasst dabei zwei Fallstudien, in einem zweiten Teil schöpft Amlinger aus ausführlichen Interviews, die sie mit Autorinnen und Autoren geführt hat. 

„Die historischen Fallstudien sollen dafür sensibilisieren, dass die ästhetische Interessenlosigkeit, die der Literatur als Kunstform gewöhnlich zugesprochen wird, aufs Engste mit ökonomischen Interessen verwoben ist, ja die Ausdifferenzierung des literarischen Feldes (…) an die Ausbildung eines kapitalistischen Buchmarktes rückgekoppelt war.“

Reichsgründung 1871 als Grundbedingung für deutschen Buchmarkt

Voraussetzung eines allgemeinen deutschen Buchmarkts, so Amlinger, war die Reichsgründung von 1871, die mit einem einheitlichen Währungs- und Rechtssystem und dem Ausbau von Verkehrswegen die Basis eines gemeinsamen Marktes herstellte. Dichterinnen und Dichter konnten von nun an ihre Produkte in ganz Deutschland verkaufen, davon leben konnten sie nicht. Schon 1867 hält der geistliche Autor Joseph Lukas fest:
„Die Schriftstellerei ist gegenwärtig kein Amt, sondern ein Geschäft, und die freie Concurrenz , das Gesetz der Natur, wie der ökonomische Liberalismus sie nennt, erzeugt überall hunderttausend Bettler als Staffage eines einzigen Millionärs“

Der Schutzbund Deutscher Schriftsteller betont in seiner Programmschrift von 1911 den Charakter der „Literatur als Ware“ und die rein wirtschaftliche Beziehung zwischen Autor und Verlag. Dem expandierenden Buchmarkt des Kaiserreichs ist bis zum Ausbruch des ersten Weltkriegs ein stetiges Wachstum beschieden. Amlingers erste Fallstudie endet leider mit dem Jahr 1918 und klammert die Weimarer Republik mit ihrer literarischen und medialen Formenvielfalt aus.

1948 - Rowohlt führt das erschwingliche Taschenbuch ein

Ihre zweite Fallstudie setzt mit der Währungsreform 1948 ein, die eine Wiederbelebung des Marktes im Westen Deutschlands entfaltete. Tradierte Verlage oder Neugründungen wie Suhrkamp profilieren sich jetzt in der jungen deutschen Demokratie. Mit der Herausgabe seiner Rotationsromane führt Rowohlt das erschwingliche Taschenbuch auf dem deutschen Markt ein. Das Buch ist nicht länger Ausstattungsobjekt mit Distinktionswert wie in vielen bürgerlichen Haushalten, sondern wird zur Massenware. Autorinnen und Autoren können aber auch jetzt nicht von ihren Einkünften leben und arbeiten zusätzlich für Presse und Rundfunk oder schreiben nach Feierabend.

Die 60er-Jahre: Kampf um Partizipation der Mitarbeiter

Während in den politisch bewegten sechziger Jahren Mitarbeiter in den Verlagen um Partizipation an Entscheidungsprozessen kämpfen, entwickeln sich in diesem Jahrzehnt auf der Kapitalseite erste Konzentrationsprozesse. Der Stuttgarter Zeitungsverleger Georg von Holtzbrinck beginnt mit dem Ankauf traditionsreicher Publikumsverlage wie Fischer, Droemer Knaur, Kindler und Rowohlt.
Multimediale Mischkonzerne entstehen, „allen voran Bertelsmann, Holtzbrinck und Springer, die das wirtschaftliche Risiko durch Diversifikation ihrer Produktpalette minimierten, indem sie dem Konzern neben Buchverlagen auch branchennahe mediale Produktionsbetriebe angliederten und so bis zum Ende des 20. Jahrhunderts zu global agierenden Medienkonglomeraten anwuchsen.“

Weg von der Verlegerpersönlichkeit

Die Entscheidungsgewalt lag in den aufgekauften Verlagen nicht mehr bei der klassischen Verlegerpersönlichkeit, sondern im zentralen Management mit seinen bestimmten Erfolgsvorgaben. Während Autorenakquise und -betreuung weiterhin in der Hand der durch Rationalisierungen dezimierten Verlagsmitarbeiterinnen und -Mitarbeiter lag, wurden Herstellung, Marketing und Verkauf über die Konzernzentrale kontrolliert. Literarische Öffentlichkeit wandelte sich unter diesen Bedingungen zum Literaturbetrieb mit einem immer größeren Ausstoß an Waren.

Marketing gewinnt an Bedeutung

Die neunziger Jahre bescherten der büchermachenden Großindustrie exorbitante Zuwächse, Vorschüsse in Millionenhöhe wurden dem meistbietenden Verlag für internationale Bestseller angeboten. Ging es in tradierten Verlagen noch um die Pflege langjähriger Autoren, so richtete sich von nun an die Aufmerksamkeit auf einzelne Bücher und deren Bewerbung. Das Marketing gewann in der Branche mehr und mehr an Gewicht.

Self publishing - kein Gewinn für Autoren

Nach dem Boom zeichneten sich seit der Jahrtausendwende erste Rückgänge im Geschäft mit Büchern ab. Amlinger beschreibt eine Überproduktionskrise mit immer schnelleren Umschlagszeiten für das einzelne Buch und gleichzeitigem Hunger nach Novitäten. Auch die Digitalisierung, mit ihren Formen des electronic self publishing brachte Autorinnen und Autoren finanziell kaum Vorteile, wenn man berücksichtigt, dass der Durchschnittspreis eines self publishing Buchs auf der Amazon-Plattform inzwischen bei 99 Cent liegt.

Dennoch schreiben Autorinnen und Autoren unverdrossen weiter. Der intrinsische Wert des Schreibens steht bei allen von Carolin Amlinger interviewten Autorinnen und Autoren im Vordergrund. Vom Glück des Schreibens, ja vom Schreibrausch ist die Rede. Schreiben als Identität und nichtentfremdete Arbeit zu erleben und die Freiheit eines selbstbestimmten Lebens außerhalb des Hamsterrads, machen Autorschaft nach wie vor zu einer erstrebenswerten Daseinsform. Anhand Äußerungen der Befragten kann Amlinger jedoch aufzeigen, wie sich der Markt immer stärker in die Literatur selbst einschreibt.

Wer also wissen will, wie die Logik der Buchindustrie bis in die scheinbar autonomen Schreibprozesse von Autorinnen und Autoren eindringt, der lese dieses informationsreiche Buch.
Carolin Amlinger: "Schreiben. Eine Soziologie literarischer Arbeit"
Suhrkamp Verlag, Berlin.
800 Seiten, 32 Euro.