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StartseiteInterview"Ich hoffe auf die Iraner selbst"13.01.2020

Schriftsteller Kermani"Ich hoffe auf die Iraner selbst"

Nach dem Abschuss eines ukrainischen Flugzeugs seien dem iranischen Volk und der ganzen Welt die dreisten Lügen der Regierung in Teheran deutlich geworden, sagte der deutsch-iranische Schriftsteller Navid Kermani im Dlf. Seine Hoffnung liege nun bei den Iranern selbst, einen Wandel im Land herbeizuführen.

Navid Kermani im Gespräch mit Dirk-Oliver Heckmann

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Navid Kermani, deutsch-iranischer Schriftsteller und Orientalist (imago images / Eduard Bopp)
Navid Kermani, deutsch-iranischer Schriftsteller und Orientalist (imago images / Eduard Bopp)

Dirk-Oliver Heckmann: Zuerst waren es Hunderttausende, die für das Regime in Teheran und gegen die USA auf die Straße gingen bei den Trauerfeierlichkeiten für den gezielt getöteten iranischen General Soleimani. Dann am Wochenende wieder Demonstrationen; diesmal aber ging es in die andere Richtung. Die Protestierenden werfen dem Regime vor, dreist gelogen zu haben. Nach dem Abschuss eines ukrainischen Passagierflugzeugs hatte Teheran ja tagelang behauptet, der Grund für den Absturz seien technische Probleme gewesen. Dabei war es offenbar ein folgenreicher Fehler der Luftabwehr.

Derzeit ist die Lage am Persischen Golf unübersichtlich. Es geht hin und her und darüber können wir jetzt sprechen mit Navid Kermani, Publizist, Schriftsteller, Orientalist, Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, mit iranischen Wurzeln. Guten Morgen, Herr Kermani.

Navid Kermani: Guten Morgen.

"Ihr Leben, ihre Sicherheit, ihre soziale Existenz zählt überhaupt nichts"

Heckmann: Herr Kermani, erst behauptete Teheran ja tagelang, der Grund für den Absturz seien technische Probleme gewesen. Am Samstag dann das überraschende Bekenntnis. Viele Iraner reagierten empört. Es kam zu Protestdemonstrationen. Kann das dem Regime gefährlich werden?

Kermani: Die Demonstrationen wird es [das Regime; Anmerkung der Redaktion] wahrscheinlich versuchen, im Keim zu ersticken, wie in der Vergangenheit auch, und dann auch mit brutaler Gewalt notfalls dagegen vorzugehen. Denn wenn sich das ausbreitet, wie 2009, dann in der Tat würde es sehr gefährlich werden. Aber was viel gefährlicher ist im Augenblick oder was auf jeden Fall gefährlich ist, ist, dass die Lügen und die Art und Weise, wie dieses Regime regiert, diese Regierung, der ganzen Welt und vor allem auch dem eigenen Volk deutlich geworden ist. Es sind ja nicht nur die dreisten Lügen, dass man wirklich selbst zugeben muss, oder der General, der nebenbei zugegeben hat, dass seit Mittwoch das bekannt war, also drei Tage dreist gelogen hat. Auch die Lügen über den angeblichen getöteten Amerikaner bei diesem großen Schlag. Samstag hieß es dann plötzlich, wir wollten gar keine Amerikaner treffen. Was man auch sieht ist, dass das Leben der eigenen Bevölkerung, der eigenen Menschen nichts gilt. Man hat den Flughafen nicht abgesperrt, in einer solchen Situation, wo man mit Luftschlägen rechnen muss nach eigenem Eingeständnis. Das ist etwas, was Iraner im Alltag jeden Tag erfahren. Ihr Leben, ihre Sicherheit, ihre soziale Existenz zählt überhaupt nichts. Sie werden jeden Tag angelogen. Es wird schlecht regiert. Und das ist jetzt hier kulminiert an einem einzigen Tag, an einem einzelnen Ereignis.

  (www.imago-images.de) (www.imago-images.de) "Esper hat einen sehr gefährlichen Weg beschritten"
Pentagon-Chef Mark Esper hat die Begründung zur Tötung von General Ghassem Soleimani relativiert. Diese Äußerungen zeigten die Unsicherheit innerhalb der Regierung Donald Trump, sagte Ex-Botschafter Chrobog im Dlf.

Heckmann: Die iranische Regierung hat ja zugegeben, dass der Abschuss durch die iranische Luftabwehr erfolgt ist. Gleichzeitig hat man versucht, den Amerikanern, den USA die Verantwortung dafür mit zuzuweisen, denn die habe durch diese unverantwortliche Politik, die gezielte Tötung des Generals, überhaupt für dieses Durcheinander gesorgt. Wie sehr kann eine solche Argumentation verfangen? Was meinen Sie?

Kermani: Innenpolitisch wird sie nicht verfangen, aber natürlich bedeutet das nicht, dass von einem auf den anderen Tag die Politik von Donald Trump verantwortlich geworden wäre. Die gleiche Kritik, die es vorher gab, muss man heute genauso stellen und insofern hat sich daran überhaupt nichts geändert. Diese angebliche Sympathie Donald Trumps mit dem iranischen Volk, daran werden sich die Iraner sehr, sehr gut erinnern, dass es Donald Trump war, der die Iraner – und zwar die Iraner an sich – sehr verächtlich behandelt und über sie gesprochen hat. Er hat dafür gesorgt, dass die Iraner, die zu Millionen in den USA leben, ihre Verwandten nicht mehr einladen können, auch dass es schwieriger geworden ist, nach Amerika zu reisen aufgrund dieses Muslim-Banns, der vor allem ein Iran-Bann ist. Und er hat gedroht, iranische Kulturdenkmäler von einer Nation, die drei, 4000 Jahre alt ist, zu zerstören. Das ist ja nicht über Nacht vergessen worden.

"Die Menschen riskieren ihr Leben, ihre soziale Existenz"

Heckmann: Hunderttausende, wenn nicht Millionen hatten ja für das Regime und gegen die USA demonstriert, nach der Tötung des Generals bei den Trauerfeierlichkeiten. Die Demonstranten, die in den vergangenen Wochen gegen das Regime protestiert hatten, auch vor dem Hintergrund der Wirtschaftslage, die wurden damit an den Rand gedrängt. Am Wochenende gab es wieder kleinere Demonstrationen. Aber muss man nicht sagen, das ist eine klare Minderheit?

Kermani: Nein, überhaupt nicht. Es gibt natürlich Kräfte, die im Land für das System sind. Das sind vielleicht 20 Prozent, zehn Prozent, 25 Prozent, 30 Prozent, vielleicht sogar, aber das glaube ich nicht einmal. Aber die sind sehr leicht mobilisierbar. Die waren auch in der Vergangenheit sehr leicht mobilisierbar. Da werden ganze Behörden, Kasernen, ich war ja selbst dabei. Und wenn man dann durch diese Demonstrationen geht, mit den Menschen spricht, dann sind die auch nicht alle total regimetreu, sondern die werden genauso erschüttert sein, jetzt die meisten von denen, von den gleichen Leuten, die Sie am Mittwoch bei den Trauermärschen gesehen haben. Die fühlen sich genauso verraten. Und wenn gestern oder vorgestern Hunderte, Tausende in Teheran, in Isfahan und anderen Städten demonstrieren, dann müssen Sie sich vor Augen halten, dass diese Menschen ihr Leben riskieren, ihre soziale Existenz. Sie müssen nur einmal auf einer Videokamera auftauchen. Da hat der Iran auch aufgrund der internationalen Unterstützung mittlerweile alle Möglichkeiten der Überwachung und des Screenings und so weiter. Das heißt, diese Menschen, die jetzt auf die Straße gehen, tun das in höchster Lebensgefahr, während die, die bei den Trauermärschen dabei waren, das getan haben, weil sie es mussten. Zum gleichen muss ich Ihnen auch widersprechen. Das waren nicht per se Demonstrationen für das Regime. Soleimani war eine sehr ambivalente Figur. Es gab bis in säkulare Kreise hinein einen gewissen Respekt vor ihm, weil viele Iraner sagten, dass er uns geschützt hat vor dem IS. Sonst wäre der IS bis nach Iran durchmarschiert. Das immerhin würden ihm einige Iraner auch zugutehalten.

Heckmann: Jetzt sprechen Sie von den Lügen des iranischen Regimes. Schauen wir mal Richtung Washington. Dort wurde ein Krieg gegen den Irak 2003 mit Unzutreffendem, man kann auch sagen mit einer Lüge begründet, nämlich mit dem angeblichen Chemiewaffen-Programm der Iraker, das es gar nicht gab. Jetzt hat der amerikanische Verteidigungsminister Esper gesagt, er habe keine Beweise gesehen für eine akute Bedrohung von US-Amerikanern, wie von Donald Trump behauptet. Wie dürfte das im Iran ankommen?

Kermani: Das hat man beinahe erwartet. Man traut den Amerikanern aus gutem Grund nicht. Das hat eine lange Geschichte der iranisch-amerikanischen Beziehungen, angefangen von dem Putsch gegen die demokratische Regierung, dann der Abschuss der iranischen Zivilmaschine in den 80er-Jahren, die Unterstützung Saddam Husseins bei seinem Angriff gegen Iran und auch dann damals das Giftgas gegen den Iran. Das ist ja nicht vergessen worden. Die Hoffnung, die es dann zwischendurch mal bei Obama gab, der ja die Iraner mit einigen Worten auf Persisch angesprochen hat - das ist ja sehr, sehr gut angekommen -, die hat sich unter Trump verflüchtigt. Man muss aber sagen, es gibt auch einige Menschen im Iran, ich habe mit einigen gesprochen, die so verzweifelt sind, dass sie in Trump ihre letzte Hoffnung sehen und hoffen, dass das Regime wegbombardiert wird. Aber jeder, der einigermaßen bei Verstand ist, weiß, dass die Zukunft dann nicht die einer blühenden Demokratie wäre, sondern eher die von Irak, von Syrien, von Afghanistan, also von weiterer Zerstörung. Die meisten Menschen wollen einerseits endlich ein bisschen Freiheit. Sie haben aber genauso viel Angst vor einem völligen Auseinanderbrechen des Irans.

"Der Konflikt wird von Akteuren geführt, denen man nicht trauen kann"

Heckmann: Donald Trump hat sich ja am Wochenende mal wieder über Twitter zu Wort gemeldet, und zwar auch auf Farsi. Er hat geschrieben, es dürfe kein weiteres Massaker an friedlichen Demonstranten geben. Die Welt, sie schaue zu, und auch die USA, sie schauten zu. Sind Sie ihm dankbar für diese Intervention?

Kermani: Ich bin eigentlich bestürzt, dass der im Augenblick wohl gefährlichste Konflikt der Welt, der auch uns in Europa unmittelbar betrifft, von Akteuren geführt wird, denen man nicht einmal, ich will nicht sagen, die Hand drücken möchte, aber zumindest denen man überhaupt nicht trauen kann. Weder kann man Donald Trump trauen, der offenbar erwiesenermaßen lügt wie gedruckt; dem Regime im Iran schon gar nicht. Das Regime im Irak ist praktisch nicht existent, es ist viel zu schwach. In Syrien haben sie einen Schlächter, der sich an der Macht gehalten hat, und als Friedensmacht bewährt sich ausgerechnet Putin und Europa hat sich praktisch selbst abgeschafft in seiner Außenpolitik. Das ist eine hoch brisante Lage, in der alle Akteure, in der man weit und breit niemanden sieht, keine Kraft und eben leider auch Europa nicht mit seinen immer schwächer werdenden Kräften, die hier irgendwie zumindest mal für eine Perspektive sorgen könnten.

Heckmann: Eine düstere Beschreibung der Lage?

Kermani: Ja, leider. Ich würde mir wünschen, dass ich den Hörern heute was Freudigeres sagen könnte. Aber ich meine, die Iraner wollen Freiheit. Sie haben sich entwickelt. Sie sind gebildet, wenn man durchs Land fährt. Ich glaube, jeder Besucher, der nach Iran fährt, ist beeindruckt von diesen Menschen. So ist meine einzige Hoffnung im Augenblick, dass sich die Iraner selbst auf irgendeine Weise doch – und sei es evolutionär – zu dieser Freiheit hinentwickeln, denn so wie es ist, der Widerspruch zwischen einer offenen, zunehmend offenen Gesellschaft mit jungen Menschen, die den Austausch wollen, die für die Freiheit zu kämpfen bereit sind, und einem Regime, das in jeder Art und Weise einfach diese Bedürfnisse nicht erfüllt, das lügt, das Menschen – denken Sie an die Anwältin Sotoudeh im Gefängnis, eine wirkliche Heldin, die einfach zu 30 Jahre Gefängnis verurteilt wird, nur weil sie Menschenrechtsaktivisten verteidigt hat. Es gibt so viel Leid in diesem Land und man kann nur hoffen und ich hoffe auf die Iraner selbst, dass sie es schaffen, ohne fremde Hilfe endlich, um es mal pathetisch zu sagen, die Morgenröte noch selber zu sehen.

Heckmann: Sie können nur hoffen. Halten Sie es für wahrscheinlich?

Kermani: Ja, irgendwann wird das passieren. Ein solcher Widerspruch wird sich nicht über Jahrzehnte oder Jahrhunderte halten können. Aber natürlich ist die Gefahr auch groß eines Bürgerkrieges. Iran ist ein Land mit 45 Prozent Minderheiten. Das wird oft vergessen. 45 Prozent der Menschen haben eine andere Muttersprache als Persisch. Es ist eine Region, in der es hoch explosiv ist, in der links und rechts Staaten zusammenbrechen, alle möglichen Faktoren für Unruhen. Es hat Öl - das hat noch kein Land sicherer gemacht wegen der Begehrlichkeiten -, auch Bodenschätze. Das andere Szenario eines totalen auch staatlichen Zerfalls ist eben auch da.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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